Josef Gredler

Gott darf nicht nur auf unseren Lippen kleben

 

„Warum halten deine Jünger die Vorschriften nicht ein und essen mit ungewaschenen Händen?“ fragen einige Pharisäer und Schriftgelehrte Jesus ganz vorwurfsvoll (Mk 7,5) Und Jesus spricht in seiner Antwort ein altes und doch immer wieder neu aufflackerndes Problem an: Was haben das Äußere und das Innere eines Menschen miteinander zu tun? Was ist wichtiger? Worauf kommt es denn an? So hat der Mensch eine Außenseite, das ist das, was man sieht oder hört, und eine Innenseite, die man nicht sieht, die aber ganz entscheidend dafür ist, was für ein Mensch man wirklich ist. Die Übereinstimmung oder die Kluft zwischen diesem Äußeren und dem Inneren eines Menschen ist ein uraltes Thema, ein uraltes Problem. So sind uns auch die Worte im Markusevangelium nicht unbekannt, so oder ähnlich haben wir sie vielleicht auch in anderen Zusammenhängen schon einmal gehört.

Wir wissen um den Konflikt, den Jesus mit Pharisäern, den Hütern des Gesetzes hatte. Es ging immer um diesen Punkt. Immer wieder hat er sich ihnen vehement entgegenstellen müssen, weil sie ihm zum Beispiel vorgeworfen haben, dass er am Sabbat heilt, wo Heilen am Sabbat doch verboten ist - nach dem Gesetz. Die bloß äußere Erfüllung des Gesetzes haben sie in bloßer Buchstabengerechtigkeit, in liebloser Wörtlichkeit über den Menschen gestellt, der der Hilfe bedarf. Und das hat Jesus scharf verurteilt und die innere Haltung der Nächstenliebe immer über die bloß äußere, bloß wörtliche Erfüllung des Gesetzes gestellt.

Jesus findet sehr deutliche Worte für solche Gesetzeshüter, wenn er sie Heuchler, also Scheinheilige, nennt, und mit den Worten des Propheten Jesaja sagt: „Ihr ehrt mich (nur) mit den Lippen, euer Herz aber ist weit weg von mir.“ (Mk 7,6) Und Jesus bringt es auf den Punkt, worauf es ihm ankommt, worum es ihm geht, was er eigentlich von uns will: unser Herz, nicht nur unsere Worte. Es ist ihm zu wenig, wenn er in unseren Worten vorkommt, unser Herz aber weit weg ist von ihm. Es ist ihm zu wenig, wenn wir den Glauben, die Religion nur auf den Lippen haben, aber nicht im Herzen. Es ist ihm zu wenig, wenn wir Vorschriften formal einhalten, aber unser Herz ist ganz woanders. Es geht ihm um unsere Beziehung zu ihm. Und diese kann nicht bloß in Worten bestehen, sie muss inwendig verankert sein, im Herzen festgemacht sein.

Wir alle wissen, schöne Worte allein können eine Beziehung nicht am Leben erhalten. Wenn das Herz weit weg ist, dann fehlt das Entscheidende, dann zerbricht Beziehung. Und Jesus will Beziehung zu uns, d. h. einen Platz in unserem Inwendigen, um es auszufüllen, und möchte nicht bloß auf unseren Lippen kleben. Wir erinnern uns vielleicht an Worte, die jemand zu uns gesagt hat und die leeres Gerede, bedeutungsloses Geschwätz waren. Manchmal haben wir das gleich gemerkt, manchmal später und manchmal vielleicht sogar zu spät. Wenn wir Jesus, Gott, den Glauben, die Religion nur auf den Lippen haben, dann ist dieser Glaube auch nur leeres Gerede. Und - daran ist kein Zweifel - Jesus wollte und will, dass die Menschen innerlich seine Botschaft aufnehmen und so neu werden, sich von ihm verwandeln, befreien, herausführen lassen aus aller Dunkelheit, Schuld und Angst. Und dafür ist er bis nach Golgota gegangen, weil seine Liebe eben nicht bloßes Gerede war, weil sein Herz tatsächlich bei Gott und den Menschen war.

Jetzt müssen wir aber aufpassen, dass wir diese deutlichen Worte Jesu nicht in die falsche Kehle kriegen und meinen, Worte seien unwichtig, bedeutungslos. Wir wissen aus eigener Erfahrung, dass das nicht stimmt, und Jesus hat das auch nicht gemeint. Wir erinnern uns sicher an Worte, die uns verletzt haben, an solche, die uns nachdenklich gestimmt haben, an Worte, die uns aufgerichtet haben, an solche, die uns glücklich gemacht haben. Worte sind von Bedeutung und können auch bedeutungslos sein, je nach dem, wo sie ihren Ursprung haben. Da gibt es Worte, die in unserem Leben große Bedeutung bekommen haben. Warum? Weil sie nicht bloßes Gerede waren, sondern weil sie aus dem Herzen und nicht bloß von den Stimmbändern über die Lippen kommen. Deshalb seien an dieser Stelle noch drei knappe und auch ganz unvollständige Gedanken über den rechten Gebrauch von Worten beim Beten erlaubt:

Eine Beziehung braucht Worte, lebt nicht nur, aber auch von Worten. Wenn man nicht mehr miteinander redet, bekommt eine Beziehung Risse, sie ist in Gefahr, weil etwas Wesentliches fehlt. Wenn das Gespräch endgültig verstummt ist, weil man sich nichts mehr zu sagen hat, dann ist diese Beziehung zerbrochen. Das gilt für menschliche Beziehungen ebenso, wie für unser Beziehung zu Gott. Wenn wir nicht mehr mit ihm reden, dann haben wir ihn auf die Seite gestellt, in die Bedeutungslosigkeit versenkt, abgeschrieben, und das ist der Tod einer Beziehung. Mit Gott regelmäßig im Gespräch bleiben!

Worauf kommt es beim Beten an? Nicht auf die schöne Formulierung, auf die treffende Wortwahl, auch nicht auf die Menge, sondern dass das Beten aus unserem Herzen kommt. Ein holpriges, stockendes, wortkarges Gebet, das aber ganz von innen kommt, ist mehr wert als druckreife Worte, die nicht im Inwendigen verankert sind. Man muss auch gar nicht immer selber nach Worten suchen, man kann auch vorgegebene Worte, vorhandene Gebete benützen, sein Inneres daran festmachen wie etwa beim Gottesdienst oder bei einer Andacht, z. B. beim Rosenkranz, wo wir ein und dieselben Worte sogar zigmal wiederholen und in diesem Wiederholen unser Inwendiges zum Schwingen kommt. Es kommt beim Beten nicht auf die Originalität an, auf Stil, Form, Ästhetik, sondern eben wirklich auf das Herz.

Deshalb kann man auch ohne Worte beten, gar nichts sagen, einfach still sein vor Gott. Wenn Jesus uns an einer anderen Stelle auffordert „Betet ohne Unterlass!“, dann meint er nicht pausenloses Reden, sondern wohl eher, dass wir unser Herz ganz bewusst bei ihm dort haben, wo es am besten aufgehoben ist.

Worte sind trotz allem etwas Äußerliches. Wenn sie aber aus dem Herzen kommen, dann spiegeln sie unser Inwendiges wider und sie sind echt. Wenn sie nicht aus dem Herzen kommen, dann bleiben sie leer und sind bloße Fassade. Wenn ich diesen Jesus recht verstanden habe, dann sagt er eigentlich zu jedem von uns: „Ich möchte nicht bloß an deinen Lippen kleben, ich möchte dein Herz.“

 

© Josef Gredler