Josef Gredler

Kreuzgedanken zum Karfreitag

 

    Obwohl Millionen Menschen heute ein Kreuz tragen oder in der Wohnung hängen haben, entweder als Schmuck oder aus Überzeugung, obwohl wir heute von Kreuzen umgeben sind, obwohl auf fast jedem Gipfel unserer Berge ein Kreuz steht, viele Wegränder von einem Kreuz gesäumt sind, auf großen Plätzen vieler Städte ein Kreuz sichtbar ist, obwohl unzählige Kunstwerke vom Kreuz inspiriert sind oder das Kreuz selbst darstellen, obwohl unsere Sprache auf das Kreuz nicht mehr verzichten kann, obwohl das Kreuz Eingang gefunden hat in unzählige Logos, ist  die Wirklichkeit hinter dem Kreuz meist gar nicht mehr bewusst. 

    Die Menschen haben sich im Laufe der Geschichte an dieses Kreuz gewöhnt. In menschliche Abgründe versunken haben sie auch immer wieder ihre eigene Botschaft an die Balken geheftet. Sie haben das Kreuz als Auftrag zu ihren menschlichen und unmenschlichen Absichten benützt, im Namen des Kreuzes sind Menschen aufgebrochen zu  Kreuzzügen, im Namen des Gekreuzigten haben sie Scheiterhaufen angezündet, Kriege geführt, Menschen verfolgt, Gegner und Ungläubige beseitigt... Was haben die Menschen mit diesem Kreuz nicht alles angestellt, aus diesem Kreuz gemacht?

    Der Karfreitag steht ganz im Zeichen dieses Kreuzes. Kein anderer Tag des Jahres verweist so eindeutig auf diese zwei kreuzförmig zusammengefügten Holzbalken von Golgota,  Der Karfreitag will Antwort geben auf die große Frage: Was hat es mit diesem Kreuz auf sich? Es gibt kein zweites Zeichen, das eine solche Verbreitung, Vervielfältigung gefunden hat, eine solche Wandlung genommen hat, so tief in Kunst, Kultur, Mode, Brauchtum, Sprache und Religion eingedrungen ist wie das Kreuz, das ursprünglich nichts als ein unglaublicher Schandpfahl war, zur abschreckenden und qualvollsten Exekution zum Tode Verurteilter ersonnen. Der Tod am Kreuz, die schlimmste Form der Todesstrafe in der Menschheitsgeschichte. Das Kreuz als totale Zerstörung der Person. Und trotzdem, man würde heute vom Kreuz nicht mehr reden, trotz der Unzähligen, die an einem Kreuz zu Tode gekommen sind, wenn darunter nicht der eine gewesen wäre, den wir Jesus von Nazaret nennen.

    Am Schandpfahl des Kreuzes stirbt am 7. April 30 n. Chr., vom Hohen Rat als Gotteslästerer und vom römischen Statthalter Pilatus als politischer Verbrecher verurteilt, Jesus von Nazaret, ein umstrittener Wanderprediger, von vielen als Prophet verehrt, von einigen auch schon  als Messias, als Sohn Gottes erahnt und erkannt. Seine Jünger und Freunde, die er sich sorgfältig ausgesucht hat, befinden sich zu dieser Stunde schon auf der Flucht nach Galiläa, um ihre eigene Haut zu retten. Nur ein paar Frauen…

    Damals nur ein paar verängstigte Frauen in einem entsprechenden Sicherheitsabstand, entsprechend der römischen Vorschrift, unter oder - sagen wir besser - neben dem Kreuz und heute über eine Milliarde Menschen, die vom Zeichen des Kreuzes, dieses Kreuzes – zumindest äußerlich oder auf dem Papier oder für die Statistik - gezeichnet sind. Niemand, kein Wettbüro hätte damals auf das „Unternehmen Jesu“ auch nur einen Cent gegeben. Niemand hätte geglaubt, dass an diesem Kreuz die Geschichte umgeschrieben wird: Ein Schandpfahl wird zum Zeichen des Heils und der Erlösung. Was wie eine vernichtende Niederlage auf allen Linien ausgesehen hat, wurde zu einem unglaublichen Beginn neuer Hoffnung, deren Erfüllung auch an den Grenzen dieses Lebens nicht aufzuhalten ist. Jesus hat am Kreuz die Welt endgültig aus den Angeln des Bösen gehoben, ein für allemal auf den Kopf gestellt, die gewohnten Perspektiven völlig verschoben, wie er es schon zu irdischen Lebzeiten immer wieder angedeutet hat, wenn er so befreiende und gleichzeitig herausfordernde, ja unverständliche und unglaubliche Verheißungen gemacht wie, die Letzten werden die Ersten sein, die Armen sind reich, die Hungrigen werden satt werden, die Blinden sehend, die Tauben hörend und Lahme werden wieder gehen, Aussätzige rein, wer der Größte sein will, muss zum Diener aller werden, wir sollen unsere Feinde lieben, Gutes denen tun, die uns hassen… Die äußerste Machtlosigkeit wird zum Sieger über alle Macht und Finsternis der Welt. Festgenagelt und sterbend behauptet er am Kreuz, dass alles vollbracht ist.

    Deshalb holen wir in der Karfreitagsliturgie das Kreuz in die Mitte und beugen vor diesem Kreuz unser Knie.

 

© Josef Gredler