Josef Gredler

Auf dem Weg nach Jerusalem

Gedanken zu Mt 16,21-27

 

Man muss sich das einmal richtig vorstellen, was da passiert ist: Jesus ist mit seinen Jüngern unterwegs von Galiläa nach Jerusalem. Sie, die alles für ihn zurückgelassen, aufgegeben haben, setzen ganz auf ihn, auf ihren Meister – so nennen sie ihn -, und folgen ihm. Und da sagt er unterwegs auf einmal, dass ihn da oben in Jerusalem Leiden und Tod erwarten. Aber auch die Auferstehung. Mit diesem Satz wirft er alle Vorstellungen über den Haufen, die seine Jünger sich von ihm gemacht haben. Die haben sich den Messias nämlich ganz anders vorgestellt. Da müssen wir den Petrus, der auch hier wieder einmal der Wortführer der Jünger ist, doch recht geben, ihn zumindest verstehen, wenn er vorwurfsvoll sagt: „Um Himmels willen nein, bleib da, geh nicht hinauf!“ Eigentlich – so würden wir heute sagen – gebietet das ja der gesunde Menschenverstand. Jesus aber weist ihn zurecht, als ob der Teufel ihm, dem Petrus, diese verführerischen Gedanken eingegeben hätte – vielleicht hat er sich an die teuflischen Versuchungen in der Wüste erinnert – und lässt sich nicht abhalten von seinem Weg nach Jerusalem, auch wenn er zum Kreuz führt.

Jesus schaut weiter, als die Vorstellungen seiner Jünger reichen. Jesus hat eine ganz andere Vorstellung von Heil und Erlösung, von seinem Weg. Manchmal gegen jede menschliche Logik. Denn wie kann jemand aus freien Stücken auf das Kreuz zugehen, dem Kreuz nicht ausweichen wollen? Man muss wissen, dass zur Zeit Jesu das Kreuz nicht bloß eine grausame Strafe war, sondern ein Schandpfahl, von dem alle geglaubt haben, dass am Kreuz nur jemand sterben muss, der auch von Gott verworfen worden ist. Es hat lang gedauert, bis aus diesem Schandpfahl ein Zeichen für Rettung, Erlösung und Heil geworden ist.

Es gibt in den Evangelien viele Beispiele dafür, dass sich Jesus oft gegen das gestellt hat, was als sogenannter gesunder Menschenverstand gilt, zum Beispiel, wenn er sagt: „Die Letzten werden die Ersten sein.“ Der gesunde Menschenverstand sagt: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. „Wer der Größte sein will, soll der Diener aller sein.“ Der gesunde Menschenverstand hat eine ganz andere Rangordnung. „Wenn dich einer auf die rechte Backe haut, dann halte ihm auch die linke hin.“ Das geht doch gegen die Denkrichtung der Menschen. Wenn die-jenigen, die nur eine Stunde arbeiten, den selben Lohn bekommen wie jene, die den ganzen Tag gearbeitet haben, dann widerspricht das dem menschlichen Verständnis von Gerechtig-keit. Oder wenn er sagt: „Wer sein Leben retten will, wird es verlieren. Wer es aber um meinetwillen verliert, wird es gewinnen.“ Wer soll das verstehen? So leicht sind diese Worte wirklich nicht zu begreifen. Vor allem dann nicht, wenn man sich nur auf seinen sogenannten gesunden Menschenverstand beruft. Dieser stößt hier – gesund oder ungesund – einfach an eine Grenze. Und Jesus - durchbricht diese Grenze. Jesus durchkreuzt immer wieder die Vorstellungen der Menschen.

 Jetzt könnte man theologisch kompliziert herumdeuteln und hin- und hererklären, was Jesus damit gemeint oder nicht gemeint hat. Vielleicht können wir aber auch einen ganz einfachen Schlüssel verwenden, um zu verstehen, was Jesus da gesagt hat und warum er das gesagt hat. Ein Schlüssel könnte zum Beispiel heißen: Der Wille Gottes ist nicht immer der Wille des Menschen. Jesus setzt andere Prioritäten als die Menschen. Der Blickwinkel Gottes ist weiter und tiefer als unser oft enger und kurzsichtiger Blickwinkel. Das Ziel für das Handeln Gottes, für das Handeln Jesu ist immer das Heil der Menschen, ihr ewiges Heil. Dafür nimmt Jesus auch den Weg nach Golgotha auf sich. Auch das drohende oder zu erwartende Kreuz kann ihn nicht davon abhalten.

Golgotha und Kreuz kann man aber nur vom Ostermorgen her verstehen, an dem die große göttliche Perspektive des Karfreitags, der große Blickwinkel Gottes deutlich geworden ist. Nur so ist der Satz zu verstehen „Wer mein Jünger sein will, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach“. Dieser Satz ist oft missverstanden und leider auch missbraucht worden. Der Mensch muss sich nicht absichtlich das Kreuz suchen, das hat auch Jesus nicht getan, wie sein bewegtes Beten am Ölberg in der Nacht vor seinem Leiden bestätigt. Kein Mensch darf das Kreuz um des Kreuzes willen anstreben. Der Mensch darf aber das Kreuz, das Leidvolle, das Belastende seines Lebens annehmen und auf sich nehmen, denn dieser Satz vom „Kreuz auf sich nehmen“ enthält unausgesprochen auch eine große Verheißung, eine unglaubliche Zu-sage, nämlich, dass hinter allem Leid, das es im Leben des Menschen gibt, letztlich die österliche Umwandlung allen Leids in Auferstehung und Vollendung gibt.

Jesus ist nicht den selbstzerstörerischen Weg eines Fanatikers gegangen, sondern den Weg eines unvorstellbar und maßlos Liebenden, wie er ja selber einmal von sich sagt: „Eine größere Liebe hat niemand als der, der sein Leben hingibt für die Seinen.“ Ein großer Mystiker hat einmal den Satz geschrieben „Das Maß der Liebe ist die Liebe ohne Maß“. Dieser Satz könnte auch so ein Schlüssel sein, um diese Worte Jesu einigermaßen zu ver-stehen. Obwohl das alles so wie so unser menschliches Begreifen und Fassungsvermögen völlig übersteigt. Aber vielleicht müssen wir es gar nicht begreifen, vielleicht ist es genug, wenn wir es annehmen.

Menschen stellen die Weichen des Lebens oft anders als Gott. Jesus hat die Weichen seines Lebens nicht an Golgotha vorbeigeführt. Der Mensch schickt sich im Zeitalter scheinbar tech-nischer Allmacht immer mehr an, selber „lieber Gott zu spielen“, selber zum allmächtigen Weichensteller durch die Zeit und die Geschichte werden zu wollen, seine eigennützigen Perspektiven an die Stelle der göttlichen zu setzen, seinen engen  menschlichen Blickwinkel an die Stelle des göttlichen Weitwinkels zu stellen. Uns fehlt im Bild, das wir uns von Gott und der Welt und der Zukunft machen, vom Weg, den wir gehen sollen, oft die notwendige Tiefenschärfe.

Diese unbegreiflichen Worte Jesu auf dem Weg nach Jerusalem sollen uns zu einem Wechsel des Blickwinkels veranlassen, zu einer größeren Tiefenschärfe unserer Vorstellungen von Gott und der Welt, vom Leben und unserem Weg bewegen. Wenn wir in den Kreuzweg-andachten der Fastenzeit beten „wir beten dich an Herr Jesus Christus und preisen dich, denn durch dein heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst“, dann ist das auch ein Schlüssel, die Ankündigung seines Leidens zwar nicht zu verstehen, aber dankbar anzunehmen.

 

© Josef Gredler