Josef Gredler

Fasten heißt tauschen

 

    Fasten heißt verzichten. So sagen wir. Und es stimmt. Aber dieses Verzichten hat für viele einen freudlosen, faden, unangenehmen Beigeschmack. Leider. Der bekannte Werbeslogan „Ich will alles und das sofort“ trifft dagegen ins Schwarze; denn immerhin ist hier eine professionelles Marketing Pate gestanden.  Wann immer ich diesen Werbespot anhören musste, bekam ich eine innere Gänsehaut. Jedenfalls bewegt die Botschaft von der befreienden, erneuernden Kraft des Verzichtens viele nicht. Dass Verzichten eine erneuernde, befreiende Kraft hat, das zu glauben tun sich viele schwer. Vielleicht sollte man es einmal mit einer anderen Vokabel versuchen, um der Botschaft vom befreienden Verzicht mehr Gehör, mehr Attraktivität zu verschaffen. Ersetzen wir einmal „fasten“ durch „tauschen“.

    „Fasten heißt tauschen.“ Es liegt in der Natur des Menschen, dass er tauscht. Er tauscht, um zu leben. Er tauscht ein Leben lang. Er tauscht täglich, wenn er einkaufen geht und an der Kasse mehr oder weniger Euros zurücklässt und dafür in der Einkaufstasche Lebensmittel, Genussmittel, Wichtiges, Nützliches, Unwichtiges, vielleicht auch ganz  Nutzloses mitnimmt. Aber das, was man da in der Tasche hat, ist ihm oder ihr offensichtlich wertvoller als die Euros, die man zurückgelassen bzw. auf man verzichtet hat. Wenn der Mensch tauscht, dann gibt er ihm weniger Wertvolles her, um dafür etwas ihm Wertvolleres zu bekommen. Wenn man bei den großen Mystikern nachliest, erfährt man, dass auch sie so getauscht haben, dass ihr Fasten nicht bloß ein Verzicht war, sondern dass sie dafür etwas viel Wertvolleres bekommen haben. Wenn man die Lebensgeschichte großer Mystiker liest, dann hat ihr Fasten, ihr Verzichten große Erfüllung und tiefe Freude bewirkt.

    Wenn wir von Askese hören, dann denken wir zu Unrecht an freudlose Gestalten, denen vor lauter Verzichten das Lachen vergangen ist. Es ist umgekehrt. Sie haben getauscht und sind dabei inwendig reich geworden. Fasten wird oft viel zu eng gesehen, als ginge es nur darum, sich einzuschränken, damit die Sinnenfreude sich nicht allzu breit machen kann. Fasten ist nicht der graue Schleier, den man über das Leben hängen muss, weil zu viel Heiterkeit und Freude dem Heil abträglich sind. Heiterkeit und Freude stehen nicht im Gegensatz zur Askese. Fasten wird oft zu negativ dargestellt, als ginge es nur um ein mühsames Überwinden oder anstrengendes Verzichten und fertig. Man muss Fasten in den richtigen Zusammenhang stellen, dann wird deutlich, dass es ein Tauschen ist. Die tiefe Freude ist das, was man bekommen hat. Wer alles haben will und das sofort, ist eigentlich ein armer Mensch, weil ihm wirkliche Freude immer vorenthalten bleibt. Fasten heißt tauschen. Man gibt etwas her, man lässt etwas zurück und bekommt dafür etwas Wertvolleres, das einem mehr wert ist. Und darüber freut man sich.

     Das Märchen vom „Hans im Glück“ erzählt von einem solchen „Tauschgeschäft“, das aus wirtschaftlicher, materieller Denkweise eigentlich verrückt, schwachsinnig ist. Wer am Anfang solcher Tauschgeschäfte noch einen Klumpen Gold hat, am Ende aber mit einem Wetzstein dasteht, bei dem stimmt doch etwas nicht. Der hat sich über den Tisch ziehen lassen, möchte man meinen. Wer so denkt, der hat aber die Tauschgeschäfte dieses Hans nicht verstanden. Er hat nicht wertvolles Gold gegen einen billigen Schleifstein getauscht. Er hat die drückende Last seines Goldklumpens gegen sein Lebensglück getauscht, aber dazu musste er den Goldklumpen loslassen, auf ihn verzichten. Die Rechnung des Hans im Glück ist voll und ganz aufgegangen. Man braucht nur nachzulesen. Fasten heißt tauschen meint aber jene Art von „Tauschgeschäften“, die zwar der Klugheit dieser Welt widersprechen, aber der Weisheit des Herzens entspringen. Der Gewinn solcher Tauschgeschäfte lässt sich nicht in Zahlen ausdrücken, kann nicht mehr errechnet, sondern nur noch im Herzen erfahren werden. Mystiker erzählen von dieser tiefen Freude, die ganz von innen kommt. Dafür haben sie etwas zurückgelassen, auf etwas verzichtet. Sie haben etwas eingetauscht. Dieser Hans im Glück ist ein Beispiel für Fasten. Fasten heißt tauschen. Wer wollte behaupten, dass er nicht ein gutes „Geschäft“ gemacht hat? Wer will nicht von ganzem Herzen glücklich sein?

 

© Josef Gredler