Josef Gredler

Gute Nacht

 

Wir wünschen einander „gute Nacht“ und meinen damit einen gesunden, tiefen Schlaf, möglichst ohne aufzuwachen, eine durchschlafene Nacht. Und wenn es dann so war, dann sagen wir am nächsten Morgen mit großer Zufriedenheit „ich habe gut geschlafen“.

Da gibt es aber auch Nächte, in denen wir nicht so gut schlafen. Wir wachen auf mitten in der Nacht, liegen wach im Bett, wälzen uns unruhig hin und her und versuchen mit allen Tricks wieder einzuschlafen, aber es gelingt uns nicht, je mehr wir es wollen. Unruhe überfällt uns, wir müssen doch schlafen, morgen ausgeschlafen sein, ein langer Tag mit viel Arbeit erwartet uns.

Wir versuchen erneut und immer wieder einzuschlafen, die Nacht rückt vor und wir sind noch immer wach. Keine gute Nacht also? Aber könnte dieses unfreiwillige nächtliche Wachsein nicht eine Gelegenheit, ein Geschenk sein? Wozu? Wie? Wenn wir diese Unruhe nicht als Störung unserer Nachtruhe verstehen, sondern dieses Wachsein annehmen wie ein Geschenk, nicht bloß zulassen, sondern wirklich dankbar annehmen.

Unsere unruhigen Gedanken beginnen sich zu verfärben, weil wir sie zulassen, ganz zulassen, eintreten lassen in unser Herz, in unser Sinnen und Trachten. In der Geschäftigkeit des Tages haben sie nie Gelegenheit aufzusteigen, haben wir keine Zeit für sie. Jetzt endlich haben wir Zeit für sie, zwar nicht eingeplant, aber gerade deshalb. Jetzt endlich finden sie Gehör, sind sie nicht mehr lästig, keine unliebsamen Störenfriede. Sie dürfen eintreten, unangemeldet, und finden Gehör. Hören wir ihnen zu, was sie zu sagen haben, hören wir ihre Botschaft!

Auf einmal stören sie gar nicht mehr. Sie haben ja recht. Diese Gedanken hat uns der Himmel geschickt, der tagsüber keine Möglichkeit mehr fand, uns anzutreffen. Aber jetzt in dieser schlaflosen nächtlichen Stunde, jetzt endlich. Ja, sie haben so recht diese nächtlichen Ruhestörer. Sie sollen bleiben. Das war es, was uns so oft gefehlt hat, aber nicht in den Sinn gekommen ist, zwischen den vielen aufgefädelten Terminen einfach keinen Platz mehr bekommen hat.

Aber jetzt bleibt, wir haben Zeit, wir können sowieso nicht schlafen und nichts anderes tun. Wie kann sich doch diese Unruhe verwandeln. Wir merken auf einmal, dass wir nicht gestört, sondern liebevoll heimgesucht werden. Wir wollen sie einlassen, empfangen wie liebevolle Gäste, denen wir unsere Aufmerksamkeit schenken, sodass sie spüren, dass sie willkommen sind.

Wie gut, dass sie da sind. Wir bitten sie, noch zu bleiben. Es tut so gut, ihnen zuhören zu dürfen. Wir spüren, sie hat der Himmel geschickt. Oder ist gar der Himmel selbst zu uns gekommen? Müde geworden, bemerken wir gar nicht, dass sie aufbrechen und gehen, sie finden selber die Tür, während wir wieder schlafen, beschenkt, ruhig, als hätte uns der Himmel besucht.

 

© Josef Gredler