Josef Gredler

007  Fragen, die aus dem Friedhof aufsteigen

 

Wenn Menschen in den ersten Novembertagen

mehr als an anderen auf den Friedhof gehen,

am Grab ihrer Verstorbenen eine Kerze anzünden,

glaubend und hoffend verweilen und beten,

was soll man von einem solchen Brauch halten?

Tausendfach steigt von den Friedhöfen die Frage auf:

Was bleibt von mir am Ende?

Was bleibt übrig?

Sind es nur Erinnerungen, die von uns einmal übrigbleiben?

In Grabreden wird nicht selten versichert

„Du wirst in unserer Erinnerung weiter leben.“.

Ist das genug, ist das alles?

Dann ist das Anzünden der Kerze am Grab,

unser betendes Verweilen dort

nichts als liebevolle Geste, rührseliger Brauch,

aber letztlich sinnlos.

Dann sind die Tränen, die da geweint werden,

zur Hoffnungslosigkeit verurteilt.

Dann ist alle Hoffnung,

die zwischen den Gräbern aufkeimt,

nichts als mentaler Zauber.

Dann geschieht an diesen Tagen auf unseren Friedhöfen

nichts anderes als tausendfache Selbsttäuschung.

Wenn wir aber wirklich geboren sind

zu ewigem Leben über diesen Tod hinaus,

wenn dieser Jesus kein religiöser Schwätzer oder Träumer war,

als er vom ewigen Leben gesprochen hat,

von den ewigen Wohnungen, die er uns bereitet hat,

dann stehe ich am Grab ja nicht

vor dem Ende eines Menschenlebens,

sondern vor einer Tür,

durch die der Verstorbene schon gegangen ist,

vor der ich aber zurückbleiben muss.

Dann sind diese unzähligen Grabsteine nichts anderes

als Türsteine, Zeichen der Auferstehung.

Dann trennt dieser Grabstein sozusagen nur die Menschen,

die schon hindurchgegangen sind, von denen,

die noch nicht hindurchgehen können.

Dann haben diejenigen recht, die hoffen und glauben,

dass hinter dieser Tür alle,

die einmal von ihr schmerzvoll getrennt worden sind,

wieder zusammenkommen und vereint werden.

Dann bedeutet Christsein,

dass man am Fest Allerheiligen und Allerseelen

mit Tränen in den Augen und Traurigkeit im Herzen

eigentlich voll Freude und Zuversicht

zu einem Hallelujagesang anstimmen darf.

Was für ein Glaube!

„Herr, gib ihnen und uns die ewige Freude!“

 

© Josef Gredler