Josef Gredler

005  Kommet alle zu mir, die ihr euch plagt!

 

 „Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und unter Lasten stöhnt! Ich werde euch Ruhe verschaffen. Nehmt mein Joch auf euch. Denn mein Joch drückt nicht, und meine Last ist leicht.“ Dieser Satz aus Mt. 11,25-30 geht leicht ins Ohr. Da spüren wir gleich seine wohl-tuende Wirkung. Er tut so richtig gut, wenn, ja wenn wir das auch so ganz glauben könnten.

Damit auch wir uns dieser Verheißung wirklich öffnen können, müssen wir zuerst ein wenig hinter den Vorhang dieser Zusage schauen: Wie war das damals mit diesem Joch? Das Joch, das dem Ochsen auferlegt wurde, diente dazu, den Wagen, den Pflug ziehen zu können. Ohne dieses Joch hätte die Ochsen den Pflug, den Karren nicht in der richtigen Spur ziehen können. Ohne dieses Joch hätten die Ochsen ganz einfach nicht gewusst, wo es lang geht. Das war auch für Jesus klar. Wenn Jesus vom Joch spricht, dann nimmt er ein Wort in den Mund, das seinen Zuhörern geläufig war. Das Joch war zu einem Bild für die drückende Last geworden, die Menschen verspüren, unter der Menschen leiden. Woher kam diese drückende, oft nicht mehr zu tragende Last? Vom Gutsbesitzer, dem alles gehörte, vom Gesetz, den religiösen Vorschriften, der Tora bzw. von der Art und Weise, wie dieses Gesetz ausgelegt wurde, unmenschlich und hart, denken wir nur an die Vorschriften des Sabath, des Fastens oder andere Vorschriften der Tora, die von den Pharisäern nur im Blick auf den Buchstaben und ohne Blick auf den Menschen ausgelegt und so zur drückenden Last geworden sind. Und Jesus wirft ihnen das immer wieder mit vehementen Worten vor. Das ist der Hintergrund für die Einladung Jesu, dass wir alle zu ihm kommen sollen, die wir uns plagen und unter der Last des Lebens stöhnen. Er will uns Ruhe verschaffen. Wir sollen sein Joch annehmen, denn es ist leicht und drückt nicht und hilft uns, den richtigen Weg zu finden.

Mit diesem Versprechen ist er bei vielen von uns zweifellos an der richtigen Adresse: Wir plagen uns, wir stöhnen unter vielerlei Lasten, beruflichen oder privaten, Stress ist ein Modewort geworden. „Hab ich einen Stress.“ Sogar von Kindern kann man diesen Satz hören. Wir sprechen von einem Burn-out, wenn jemand unter seiner Last innerlich zusammenbricht. Es wird ihm einfach zu viel. Er/sie kann nicht mehr. Die vom Leben Geplagten, die schwer Belasteten werden von Jesus eingeladen, bei ihm Ruhe und Erleichterung zu finden. Glauben, trauen wir seiner Einladung? Oder ist das nur einer jener Sätze in der Bibel, die schön und tröstlich zu lesen sind, die man aber nicht wirklich ernst nimmt. So richtig glauben tun wir es dann doch nicht. Dann bleibt diese Einladung, sein Versprechen eben nur ein schöner Satz – schön, wenn er wahr wäre.

Andererseits gibt es Menschen, die das versucht haben und zu einer Ruhe gefunden haben. Ruhe wurde im Judentum als Zeit des Aufatmens, des bei Gott Seins verstanden. Es hat seit dieser Einladung Jesu an geplagte, gejagte und gestresste Seelen immer Menschen gegeben, die die Erfüllung dieses Wortes in ihrem Leben erfahren haben. Große Mystiker behaupten, dass das stimmt, was Jesus da verspricht. Aber nicht nur große Mystiker, auch viele einfache, kleine, namenlose, unbekannte glaubende Menschen haben das erfahren. Wir wären also nicht die ersten, bei denen sich das bewahrheitet.

Man bekommt aber diese Ruhe von Jesus nicht wie von einem Automaten; oben Münze hinein und unten die gewünschte Ware heraus. So funktioniert das bei Jesus nicht. Beim Automaten braucht man nur den richtigen Knopf drücken, dann kommt genau das heraus, was man will. Bei Jesus geht es nicht auf Knopfdruck. Man muss zu ihm kommen, selber. Bei Jesus bekommt man auch nicht immer genau das, was man wollte. Man bekommt ihn selber, er schenkt sich selber. Und wer an ihm nicht interessiert ist, kann mit diesem Geschenk nicht viel anfangen. Er füllt nicht einfach unseren Einkaufswagen. Wir können die Erfüllung dieses Wortes nicht wie einen Einkaufswagen vor uns herschieben. Man muss sich auf ihn einlassen, man kann nicht bloß etwas von ihm wollen, man muss ihn, ihn selber  wollen und - man muss ihn ganz wollen. Man muss sich auf ihn einlassen, ihn herein lassen in unser Leben, in die Mitte, ihm die Hauptrolle übertragen, denn in einer Nebenrolle kann er sein Wort nicht einlösen. Eine unglaubliche Verheißung, die uns da im Matthäusevangelium zuteil wird und von dem kommt, der in den Evangelien immer wieder als Heiland bezeichnet wird. Und tatsächlich: Heil werden aus ihm durchzieht wie ein roter Faden das ganze Evangelium, das ihn auch als Heiland bezeichnet, von seinem heilenden Handeln, seiner heilenden Nähe erzählt. Wir selbst stehen dem oft im Weg.

Wie könnten wir es konkret anstellen, sein Versprechen ernst zu nehmen? Ein Vorschlag für jeden Tag: Am Ende eines jeden Tages, wenn wir voll bepackt sind mit der Last dieses Tages, nehmen wir uns die Zeit und kommen wir zu ihm und legen alle Sorgen und Lasten des Tages vor ihm hin und bitten ihn, sie anzunehmen, auf sich zu nehmen, damit wir zur Ruhe kommen und aufatmen können. Eine Anregung für jede Woche: Am Sonntag tragen wir die Last der vergangenen Woche in die Kirche, bringen sie mit in den Gottesdienst und bei der Kommunion tragen wir sie nach vor zu ihm, der gegenwärtig im Brot wahr macht, was er heute im Evangelium auch uns zuruft: „Kommt alle zu mir mit euren Sorgen, die euch drücken, mit allem Verdruss, der euch belastet! Bei mir findet ihr Ruhe, bei mir könnt ihr aufatmen. Lasst euch von mir einspannen, um den Acker eures Lebens zu bestellen, um eure Verantwortung zu tragen! Kommt alle zu mir!“

 

© Josef Gredler