Josef Gredler

003  Das Bild der Liebe

 

Ein junges Paar will zur eigenen Hochzeit

gemeinsam ein Bild der Liebe malen.

Dieses Bild soll die Liebe so darstellen,

dass es für jeden kommenden Augenblick richtig ist.

Sie wollen sich von diesem Bild jeden Tag

an ihre Liebe erinnern lassen.

So nehmen sie Leinwand und Farben und überlegen,

wie sie die Liebe malen könnten.

Vielleicht ein inniger Kuss.

Aber sie können einander nicht dauernd küssen.

Vielleicht eine feste Umarmung.

Aber sie können einander nicht immer in den Armen liegen.

Vielleicht zwei Hände, die einander halten..

Aber auch ihre Hände können einander nicht immer berühren.

Da denken sie an einen heftigen Sturm und hohe Wellen,

um die Gefühle ihrer Leidenschaft auszudrücken.

Aber Liebe ist mehr als Leidenschaft.

So überlegen sie hin und her.

Da denken sie an ein leuchtendes Mosaik,

um die Freude und das Glück ihrer Liebe auszudrücken.

Aber Liebe muss auch anhalten,

wenn Freude und Glück einmal nicht den Ton angeben können.

Sie werden immer ratloser und wissen nicht mehr,

wie sie die Liebe malen könnten.

Ein inniger Kuss, eine feste Umarmung,

zärtliches Hände Halten, stürmische Leidenschaft,

Glück und Sonnenschein,

das alles soll zwar zu ihrer Liebe gehören,

aber ihre Liebe muss noch mehr sein.

Sie soll auch dann lebendig sein,

wenn sie sich keinen Kuss geben können,

wenn keine Umarmung möglich ist,

wenn keine Hand gehalten werden kann,

wenn der oder die andere nicht da ist,

wenn der Sturm der Gefühle nicht losbricht,

die Wogen der Leidenschaft einmal nicht hoch gehen,

die Sonne von Wolken verdeckt wird

und Sorgen ihre Schatten werfen.

Sie wollen einander ja immer lieben,

so wie sie es am Tag der Hochzeit einander versprechen.

Wie kann man die Liebe malen?

Da schauen sie auf den Ring,

den sie als Zeichen ihrer Liebe am Finger tragen.

Das ist das Bild, da sie gesucht haben!

Ihre Liebe soll ohne Ende sein wie diese Ringe.

Ihre Liebe soll fest sein wie diese Ringe.

Ihre Liebe soll immer bei ihnen sein wie diese Ringe.

 

© Josef Gredler