Josef Gredler

001  Drei entscheidende Fragen als Anstiftungen zu geistlichem Leben

 

 Auf der Suche nach Anstiftungen zur seelischen Vertiefung und inwendigen Erneuerung, im Bemühen um ein Leben aus Gottes Geist bleiben  immer wieder drei Fragen, in denen sich alles Bemühen um geistliches Leben wie in einem Brennpunkt sammelt:

 Wovon lebe ich? Wer diese Frage erst gar nicht stellt, der lebt eben so dahin, dem genügt es, dass er lebt. Und wenn man sie stellt, dann denkt man da wahrscheinlich zuerst an den Arbeitsplatz, der uns ein monatliches Einkommen sichert, von dem wir leben. Man denkt an Essen und Trinken. Aber wovon lebe ich als Person? Diese Frage geht tiefer und will wissen, woher ich die innere Energie für mein Leben beziehe oder gewinne. Es gibt Grundsätze, Prinzipien, die für mein Leben wichtig sind, aber leben, wirklich leben kann ich von ihnen nicht. Es gibt viele Lebensentwürfe, Lebenskonzepte, Lebensphilosophien und Ideologien, aber ich kann von ihnen letztlich nicht wirklich leben. Da sind viele Ideale, große Werte, die für dieses Leben unzweifelhaft von großer Bedeutung sind, aber ich kann auch von ihnen nicht leben. Ich habe letztlich nichts gefunden, von dem man wirklich leben kann, ganz leben kann. Es gibt nicht etwas, von dem ich leben kann. Es gibt nur jemanden, von dem ich leben kann. Aber Menschen, und wenn sie noch so bedeutsam für mein Leben sind, wenn ich noch so sehr in ihrer Liebe stehe und sie in meiner, ich kann mit ihnen leben, auch für sie leben, aber nicht von ihnen, nicht ganz von ihnen leben; stehen sie doch auf einer Stufe mit mir in dieser Wirklichkeit; wir haben doch denselben Boden unter den Füßen und müssen letztlich alle dieselbe Frage stellen: „Wovon lebe ich?“ Zwei Menschen, auch wenn sie einander lieben, bis dass der Tod sie scheidet, sind doch beide gemeinsam mit der Wirklichkeit des Todes konfrontiert. Mein ganzes Suchen hat mich schließlich zu dem geführt, der da gesagt hat „Ich bin das Brot des Lebens.“ „Wer von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, wird nie mehr Durst haben.“ Da redet einer, als ob er nicht nur aus diesem Leben kommt, sondern seinen Ursprung jenseits dieser Lebensbegrenzung hat. Da befreit mich einer aus der Begrenzung des Irdischen, da stellt mich einer in die Perspektive des Ewigen. Da verheißt einer mir, der ich auf der Suche nach Bleibendem, Unvergänglichem, Endgültigem bin, ewige Vollendung. Dieser Verheißung kann ich, nachdem sie in der Glut von Golgotha geprüft und am Ostermorgen besiegelt worden ist, nicht widerstehen.

Wofür lebe ich? Die Frage „Wovon lebe ich?“ lenkt meinen inneren Blick gleichsam zurück auf die Tage und Jahre, die ich hinter mir gelassen habe, die ich gleichsam „verlebt“ habe. Was war es denn, das mich leben hat lassen? Woher sind meine Lebensenergien oder Lebensinhalte gekommen, von denen ich zehre? Wo ist oder hat mein Inwendiges sich festgemacht, seine Wurzeln ausgetrieben, um mir die Lebenskräfte und Lebenssäfte zuzuführen? Die Frage „Wofür lebe ich?“ lenkt meinen Blick nach vorne, in die Zukunft. Was oder wer ist dort, dass ich mich dafür einsetze, gleichsam verbrauche? Aber ich will mich nicht einfach verbrauchen, bis alles aufgebraucht ist. Dann würde ich ja auf eine Leere zugehen, in der alles einmal sinnlos erlischt. Das ist und kann nicht das Ziel sein. Mein Leben hat sein Ziel nicht in einem Erlöschen. Das Ziel oder der Sinn all dessen, wofür ich mich Tag für Tag einsetze, worum ich mich bemühe, kommt von einer Verheißung, von einer Hoffnung, deren Erfüllung noch aussteht. Das heißt nicht, dass ich für Luftschlösser lebe, die ich auf die Leinwand der Zukunft projiziere. Nicht von meinen Projektionen kommt mir Antwort auf die Frage „Wofür lebe ich?“, sondern eine Hoffnung, die ihren Grund nicht in mir hat, verweist mich in die Zukunft, in das noch Ausständige. Eine Verheißung, deren Erfüllung nicht von mir bewerkstelligt werden kann und die noch aussteht, verdichtet sich zur Antwort. Und wieder ist es kein unpersönliches Etwas, kein abstraktes Prinzip, kein philosophisches Konstrukt, das mir eine Verheißung an den Horizont meines Lebens zu stellen vermag, sodass ich nicht nur guten Mutes, sondern voller Zuversicht auf meinem Lebensweg weiterziehe. Da ist ein Jemand, der zum einholenden und erfüllenden Omega meiner Tage wird. Fragend, wofür ich letztlich lebe, finde ich wieder diesen Jesus von Nazareth, der mit mir war und mit mir ist und mit mir sein wird alle Tage. Er ist der „Garant“ und weil dieses Wort so gar nicht zum Begriff „Hoffnung“ passt, er ist die Verheißung, dass ich nicht auf ein bloßes Ende, auf ein leeres Erlöschen zugehe, sondern auf ein Ziel, das alles einholen, auffangen, überhöhen und vollenden wird, weil er erhöht worden ist nicht nur am Kreuz, sondern am Ostermorgen, an dem offenbar geworden ist, dass das Grab ihn nicht festhalten konnte. Seltsamerweise verschmelzen diese beiden Fragen „Wovon lebe ich?“ und „Wofür lebe ich?“, die zuerst in zwei entgegen gesetzte Richtungen  weisen, zu einer einzigen. Und beide Fragen führen mich an jenes Grab am Ostermorgen, in dem alle Hoffnungen begraben schienen und aus dem das unglaublichste Wort in die Geschichte hineingesagt wird: Er ist auferstanden!

Für wen tue ich das? Wenn die ersten beiden Fragen den Bogen meinen, den ich wie ein Dach über mein Leben spanne, dann lenkt diese dritte Frage die Aufmerksamkeit auf das, was ich unter diesem Bogen  jeweils konkret tue. Mein „Tagewerk“ ist gemeint, das, was ich täglich zwischen Morgen und Abend anpacke, verrichte, „in die Hand nehme“ oder auch liegen lasse. Der konkrete Einsatz für oder gegen etwas wird mit dieser Frage geprüft, gleichsam hinterfragt, indem ich wissen will, welche Beweggründe hinter meinem jeweiligen Tun stehen. Steht das, was ich gerade tue oder zu tun versuche, wirklich unter diesem Bogen, der zum einen festgemacht ist in dem, wovon ich lebe, und zum anderen in dem, wofür ich lebe? Wird mein konkretes Handeln wirklich von diesen beiden Fragen überspannt, gleichsam überdacht oder hat es sich von diesen beiden Fragen losgelöst oder losgerissen und hat sich ein ganz anderes Wovon und Wofür gesucht, mir selber oft gar nicht bewusst? Der Mensch ist permanent der Versuchung ausgesetzt, nur sich selber zu suchen, und ist sich oft gar nicht bewusst, wie sehr der große Einsatz für eine „gute Sache“ mitunter nur der Befriedigung ichbezogener Bedürfnisse dient. Und diese Ichbezogenheit tarnt sich bis zur täuschenden Ähnlichkeit als selbstloses Engagement. Dieser prüfende Blick auf mein Tagewerk am Ende eines Tages ist notwendig, um die Verbindung mit diesem großen geistlichen Lebensbogen zu prüfen und immer wieder herzustellen. Und an jedem Morgen will ich alles, was heute „auf dem Programm“ steht, unter diesen Bogen stellen. Dieses „Für Wen?“ muss mein Ego verlassen und die Menschen zum Ziel haben, die ich liebe, die mir anvertraut sind, für die ich Verantwortung habe. Und diese Verantwortung ist letztlich grenzenlos, im wahrsten Sinne des Wortes global, weil sie niemanden ausschließt. Und diese Verantwortung ist letztlich universell, weil sie die gesamte Schöpfung mit einbezieht. Und diese Verantwortung führt mich schließlich über die Begrenzung alles Irdischen hinaus in die Transzendenz. Und diese Transzendenz ist kein kosmisches Prinzip, sondern der lebendige Gott, der in Jesus Mensch geworden, in diese Welt gekommen ist, damit wir von ihm und für ihn leben können. In Jesus ist dieser große Gott einer von uns geworden, um mit uns zu sein auf diesem Weg durch die Zeit, um bei uns zu sein alle Tage.

 

© Josef Gredler