Josef Gredler

Wenn Erinnerungen die Weihnacht verdunkeln

 

Diese Geschichte ist nach wahren Begebenheiten im schrecklichen Bürgerkrieg in Syrien (2012 – 2016) und den furchtbaren Kämpfen um die nordsyrische Stadt Aleppo entstanden.

 

     Imad Hasadin, gerade neunzehn Jahre alt geworden, bereitet für seinen jüngeren Bruder Esat, der sich erkältet hat, eine Tasse heißen Tee zu. Die regnerische Kälte, die seit ein paar Tagen herrscht, setzt beiden zu.  Vor zwei Monaten hat ihnen der Pfarrer dieser Zweitausend-Seelen-Gemeinde diese kleine Wohnung im Pfarrhaus überlassen. Hier sind sie nach ihrer mehr als drei Monate dauernden Flucht aus Syrien ein wenig zur Ruhe gekommen. In diesen vier Wänden sind sie in Sicherheit, können in der Nacht ohne Angst schlafen, haben Dusche und WC, können sich warme Mahlzeiten zubereiten und ohne Angst an einem Tisch gemeinsam essen. Imad macht sich auf den Weg in die Kirche, vom Fenster aus kann man den Turm sehen. Es ist Heiliger Abend. Er und Esat kommen aus Syrien und sind Christen. In einem Außenbezirk von Aleppo haben sie gewohnt, Mutter, Vater, sie beide und ihre kleine Schwester. Das letzte Mal, dass sie dort zu Weihnachten ohne Angst in die Kirche gehen konnten, das war vor fünf Jahren. Dann kamen der IS, die syrische Armee und die Rebellen und mit ihnen eine Zeit des Schreckens, der Gräuel, der Zerstörung und des Todes. Die Eltern und ihre Schwester waren im Haus, als vor zwei Jahren IS-Schwadronen alle Bewohner des Hauses, die sie vorfanden, einfach ermordeten. Als vor einem halben Jahr ein Bombenhagel über ihrem Viertel niederging und viele Häuser in einen Trümmerhaufen verwandelte, konnten sie nicht mehr bleiben und suchten ihr Heil in der Flucht.

   Imad zieht sich noch den dicken Mantel über, den ihm eine Frau aus dem Dorf vorbeigebracht hat, und macht sich auf den Weg. Er möchte trotz allem, was passiert ist, ein wenig Weihnachten spüren, vielleicht so wie es früher war zu Hause, ehe der Krieg kam. Es ist schon dunkel, Straßenlaternen beleuchten den Weg, der Himmel über ihnen bleibt heute finster, keine Sterne, kein Mond, nur dunkle Wolken. Imad spürt die Blicke der Leute auf sich gerichtet, die auch auf dem Weg zur Kirche sind. Die meisten Leute kennen ihn zwar schon, aber es ist in einem Dorf doch ungewohnt, wenn jemand ganz Fremder in die Weihnachtsmette geht. Alle sind sehr freundlich, nur einige blicken etwas argwöhnisch. Er sagt Grüß-Gott zu allen. Immer wieder sind in den letzten Wochen Leute zu ihnen gekommen und haben ihnen Lebensmittel, Hausrat und Kleidung geschenkt, sogar einen Fernseher haben sie bekommen. Vor der Kirche steht ein großer Christbaum und erhellt den Platz. Imad bleibt stehen und schaut. Schön, ohne Angst vor einem Christbaum zu stehen! Wie damals, als er noch ein Kind war. Er erinnert sich an die Christbäume auf den Straßen und Plätzen in Aleppo. Aber das war vor dem Krieg, der 2012 nach Aleppo kam.

   Die Kirche ist fast so voll wie bei ihnen zu Hause, aber viel größer und noch schöner. Er kann zwar schon ein paar Worte Deutsch, aber noch viel zu wenig. Die Weihnachtslieder gehen ihm zu Herzen, auch wenn sie ihm nicht vertraut sind und er nur hin und wieder ein Wort versteht. Aber er weiß, dass die Leute damit die Geburt Jesu besingen, wie sie es in ihrer Kirche in Aleppo früher auch getan haben. Er kennt die Weihnachtsgeschichte ganz genau, sie hatten zu Hause eine Bibel, er hat seiner kleinen Schwester oft daraus vorgelesen, auch die Geschichte von der Geburt Jesu in Betlehem. Jedes unbekannte Geräusch erschreckt ihn. Die Angst steckt noch tief in ihm drinnen. Er muss an seine Eltern denken, an seine kleine Schwester, alle tot. Er starrt in ein finsteres Loch der Erinnerung. Wie schön wäre es, wenn sie jetzt auch da wären, da wo niemand Angst haben muss. Er hat Tränen in den Augen.

     Seine Gedanken schweifen unruhig hin und her, einmal sind sie daheim, dann wieder hier. Am 24. Dezember sind sie daheim immer gemeinsam in die Kirche gegangen zur Weihnachtsmesse, wie alle Christen aus ihrem Viertel. Einige hatten gebrauchte Spielsachen und Kleider mit in die Kirche gebracht für bedürftige Familien, auch Geld haben sie beim Gottesdienst dafür gesammelt. Auch wenn Imad fast kein Wort versteht, glaubt er doch zu verstehen. Er bemüht sich um ein paar weihnachtliche Gedanken, wenn er schon nicht mitbeten und mitsingen kann. Er erinnert sich, was die Bibel von der Geburt Jesu erzählt, von Betlehem, Maria und Josef, dem Kind in der Krippe, den Engeln, den Hirten... In einem Stall außerhalb von Betlehem kam Jesus zur Welt, weil in der Stadt kein Platz für sie war oder weil sie niemand wollte. Auch sie, seinen Bruder und ihn und all die anderen, wollte niemand, nachdem sie zu Hause nicht mehr bleiben konnten. Wer das nicht am eigenen Leib erfahren hat, weiß nicht, wie furchtbar das ist.

     Dann sagte ein Engel Josef im Traum, dass er mit Maria und dem Kind fliehen muss, nach Ägypten, weil Herodes das Kind töten will. Und in Ägypten sah Josef nach einigen Jahren im Traum wieder einen Engel, der ihm sagte, dass er wieder in seine Heimat zurückkehren darf. Das wäre schön, wenn heute Nacht ein Engel käme und ihm sagen würde, er und sein Bruder können jetzt wieder nach Hause. Imad träumt auch, fast jede Nacht, aber seine Träume sind schrecklich und reißen ihn aus dem Schlaf heraus. Dann kann er oft die ganze Nacht nicht mehr einschlafen. Er hört im Traum die Schüsse der Maschinengewehre und die Artillerie, rat-tat-tat-tat-tat… wumm ---wumm---wumm… Er hört Häuser einstürzen, Frauen und Kinder schreien. Furchtbar! Fast jede Nacht erlebt er den ganzen Schrecken neu. Er hat oft Angst vor dem Einschlafen. Imad spürt, er kann nie mehr wieder so sein, wie er einmal war. All das Unvorstellbare und Unsagbare haben einen anderen Menschen aus ihm gemacht. Esat träumt sicher auch. Aber am nächsten Tag reden die beiden nicht darüber. Sie wollen sich gegenseitig nicht die tiefen Wunden noch mehr aufreißen. Die Leute da in der Kirche, die haben es gut, die können sich freuen, in Ruhe singen und beten und brauchen keine Angst haben, dass Bomben auf die Kirche fallen oder die Kirchentür aufgestoßen wird und dann rat-tat-tat-tat-tat…

     Der Pfarrer macht ein großes Kreuzzeichen und zum Schluss singen die Leute feierlich ein Lied, er kennt seine Melodie. Er hat es im Fernsehen schon öfter gehört. Bei ihnen zu Hause hat der Gottesdienst zu Weihnachten immer mehr als zwei Stunden gedauert. Es ist bald Mitternacht. Hinten am Ausgang bleiben die meisten Leute stehen und nehmen in der Laterne ein Licht mit. Das Licht kommt aus Betlehem, soviel hat Imad verstanden, es soll Frieden bringen. Wie viele solcher Friedenslichter hätte es wohl gebraucht, dass sie jetzt zu Hause in Frieden Weihnachten feiern könnten? Betlehem ist nur vierhundert Kilometer von ihrem Zuhause entfernt. Aber er war noch nie in Betlehem.

     Draußen nieselt es ein wenig. Eine ältere Frau will den Regenschirm aufspannen und weiß nicht, wie sie mit der Laterne tun soll. Da greift Imad nach der Laterne der Frau. Die schaut zuerst etwas verwundert, dann geht Imad einfach neben ihr her, die Kapuze hochgezogen. Reden können sie aber nicht miteinander. Auf einmal bleibt die Frau vor einem Haus stehen. Sie schaut Imad an, als wollte sie sich bedanken, und gibt ihm mit einer Handbewegung zu verstehen, dass er warten soll. Bald darauf kommt sie wieder und drückt ihm eine kleine Dose in die Hand, schaut ihn an und lächelt, als wollte sie sich bedanken, und sagt so etwas wie „frohe Weihnachten“. Die Dose umklammernd rennt Imad zurück in ihre kleine Wohnung. Sein Bruder ist noch wach, kann kaum reden und sitzt vor dem Fernseher. Imad öffnet die Dose und sie essen Weihnachtskekse, die zwar anders als daheim, aber doch nach Weihnachten schmecken, und trinken vom Tee, der inzwischen allerdings kalt geworden ist. Daheim in Aleppo hat es nach dem Gottesdienst zu Hause Geschenke gegeben und das schönste und beste Abendessen des ganzen Jahres. Seit langem kommt den beiden erstmals wieder ein Lächeln übers Gesicht.

 

© Josef Gredler