Josef Gredler

Weil in der Herberge kein Platz für sie war

 

     Entgegen dem gängigen Brauch stelle ich unsere Weihnachtskrippe bereits am Ersten Adventsonntag auf. Weihnachtskrippe ist allerdings nicht ganz richtig, weil die Darstellung der Geburt, der „Weihnacht“ natürlich noch warten muss. Daher beginne ich damit, das Leben in dem damals wirklich noch ganz unbedeutenden Städtchen Betlehem darzustellen und die Herden mit ihren Hirten draußen auf den Feldern. Es weihnachtet noch nicht. Das dauert. Am Vorabend zum 8. Dezember darf dann der Engel Gabriel seinen Platz einnehmen, wie er auf göttliches Geheiß zu Maria nach Nazareth kommt, um ihr mitzuteilen, dass sie ein Kind, einen Sohn empfangen und gebären werde, dem sie den Namen Jesus geben solle und den man den Sohn des Höchsten nennen werde und der... Ich stelle dem Evangelium getreu Mariä Verkündigung dar, obwohl wir eigentlich Mariä Empfängnis feiern, aber davon berichten uns die Evangelisten nichts und außerdem ließe sich dieses Ereignis auch unter Aufbietung höchster Krippenkunst nicht darstellen. In der letzten Adventwoche schicke ich dann Josef mit seiner hochschwangeren Frau Maria auf „Herbergsuche“ durch die Gassen von Betlehem.

   Erst am Morgen des Heiligen Abends wird der Stall, eine Höhle, zum Brennpunkt des Geschehens und füllt sich weihnachtlich mit Maria und Josef und dem Jesuskind in der Krippe. Und die herbeigeeilten Hirten beugen ihre Knie vor der Krippe, weil ihnen mitten in der Nacht ein „Engel des Herrn“ – in der Krippendarstellung heißt er einfach „Verkündigungsengel“ – von diesem freudigen Ereignis berichtet hat. Und über dem Stall lasse ich mit Hilfe eines ganz dünnen Drahtes, den man kaum sehen kann, das „große himmlische Heer“ schweben. Bei meiner Krippe sind es allerdings nur fünf dieser Himmelsboten, der „Gloriaengel“ und vier himmlische Begleiter. Das Aufstellen der Weihnachtskrippe ist keine gewöhnliche Aufgabe oder gar Arbeit, es haftet ihr schon etwas Heiliges oder sagen wir Heilsames an. Das alljährliche Aufstellen der Weihnachtskrippe ist immer auch ein andächtiges Verweilen und inneres Schauen. Und immer wieder kommt es vor, dass ich irgendwo innehalten muss, ins Nachdenken gerate. Bisher habe ich das Jesuskind immer ohne Zögern in die Futterkrippe gelegt, zur Linken dann Maria und zur Rechten Josef. Ochs und Esel müssen sich im Hintergrund halten, dürfen aber nicht fehlen, denn sie können sich auf keinen Geringeren als den Propheten Jesaja berufen.

     So ist es mir heute am Vortag zum Heiligen Abend passiert, als ich das Jesuskind wie jedes Jahr in die Krippe legen möchte… in die Krippe, also in einen Futtertrog? Was in der Krippe so lieblich anzusehen ist und in vielen Weihnachtsliedern herzergreifend besungen wird, war aber auch damals nicht üblich, nicht vorgesehen. Diese erbarmungswürdige Notsituation hatte einen ganz einfachen Grund, „weil in der Herberge kein Platz für sie war“, wie der Evangelist Lukas nüchtern und ohne jeden Kommentar feststellt. Kein Platz bei den Leuten, dann wird eben ein Futtertrog zum Kinderbett. Natürlich weiß ich, dass die Evangelisten keine Biographie über Jesus geschrieben haben und auch gar nicht die Absicht dazu hatten. Sie wollten viel Wichtigeres als bloße äußere Fakten verkünden. Und wenn Lukas und Matthäus über die Geburt Jesu berichten, dann halten sie sich weniger an bloße biographischen Daten, sondern folgen ihrer Absicht, den Menschen eine Heil bringende, frohe Botschaft zu bringen. Und dass in meiner Weihnachtskrippe auch fromme Phantasie mitgestaltet hat mag schon sein, aber trotzdem zögere ich diesmal, das Jesuskind einfach in die Krippe, einen Futtertrog zu legen, nur weil „in der Herberge kein Platz für sie war“.

     Und auf einmal überspringt meine Phantasie zweitausend Jahre und mir kommen die vielen Männer, Frauen und Kinder in den Sinn, auch die noch ganz kleinen Kinder, die heute ihr Zuhause, ihre Heimat verlassen müssen und zu uns kommen und viele Regierungen von EU-Staaten meinen und sagen einfach „für euch ist da kein Platz bei uns“. So einfach ist das. Kein Platz und Schluss! Und in wenigen Tagen werde ich Josef und Maria mit dem Jesuskind auf dem Esel den rechten Rand meiner Weihnachtskrippe zuweisen, da sie, wie der Evangelist Matthäus in zweiten Kapitel, Vers 13 schreibt, nach Ägypten fliehen müssen, weil der krankhaft machtbesessene König Herodes das Kind sucht und töten will. Eine Woche später sind sie dann auf unserer Weihnachtskrippe nicht mehr zu sehen, schon auf der Flucht nach Ägypten. Wir wissen, dass alle drei heil wieder zurückkommen, aber – und jetzt überspringt mein Herz abermals zweitausend Jahre – was wird aus denen, die heute auf der Flucht sind, wenn sie plötzlich aufgehalten werden, in Notunterkünften nicht wissen, was mit ihnen geschieht? Oder wenn sie gar vor Stacheldrahtzäunen oder einen langen Mauer stehen, weil die Menschen dahinter einfach behaupten, keinen Platz für sie zu haben? Was sagt oder verkündet das himmlische Heer im Weihnachtsevangelium – nach einer alten Übersetzung, die aber auf den Weihnachtskrippen heute noch zu lesen ist? „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen auf Erden…“ Diesen Frieden möchte ich allen wünschen, denen er fehlt und die sich so sehr danach sehnen.

 

© Josef Gredler