Josef Gredler

Warum die Könige erst nach den Hirten kamen

 

Die Schrift nennt sie Magier, Sterndeuter, Weise,

die aus dem Osten, vom Sonnenaufgang herkamen.

Wir haben aus ihnen Könige gemacht,

weil ihre Gaben königlich waren

und weil uns für den neugeborenen König in der Krippe

auch die Huldigung von Königen unverzichtbar scheint.

Außerdem ritten sie auf Kamelen und hatten ein Gefolge von Dienern,

so nehmen wir es jedenfalls an.

Und wer konnte sich das leisten

außer Fürsten oder gar Königen?

Aber warum kamen sie erst nach den Hirten?

Die Hirten hatten, zugegeben, einen erheblichen Vorteil,

einen nicht wettzumachenden Vorsprung.

Sie waren ja unmittelbar in der Nähe

draußen auf den Weiden vor der Stadt.

Die Könige waren viele hundert Kilometer weit weg

und hatten keine so präzise Auskunft erhalten

wie die Hirten von den himmlischen Heerscharen.

Sie hatten nur seinen Stern aufgehen sehen,

dem sie sich ganz anvertrauen mussten.

Ob es ein Stern am nächtlichen Himmel war

oder ein Stern in ihnen oder beides,

das spielt letztlich keine Rolle.

Aber was wäre gewesen,

wenn sie den Stern missverstanden hätten?

So klar und eindeutig war seine Botschaft nicht.

Sterne können ja nicht reden, wie Engel dies können.

Die Hirten mussten nur aufspringen und losrennen,

für sie war es nur ein Katzensprung.

Die Könige aber mussten ihre weite Reise vorbereiten,

sonst wäre möglicherweise am Ende alles umsonst gewesen.

Unüberlegte Hast hätte vielleicht alles verdorben.

Aber wenn sie zu lang gezaudert hätten,

wäre der Stern ohne sie losgezogen,

denn Sterne warten bekanntlich nicht,

bis Menschen es sich überlegt haben.

Man muss die Gnade einer Sternstunde nützen;

Sternstunden werden einem nicht alle Tage geschenkt.

Außerdem mussten sie eine große Verantwortung zurücklassen,

nicht nur eine schlafende oder weidende Schafherde,

die nicht einmal ihnen gehörte.

Wenn ein König sein Land verlässt,

dann kann dort inzwischen allerhand passieren:

Aufstand, Umsturz, Machtverlust, Krieg...

Das Risiko dieser Könige war größer als jenes der Hirten,

die nicht viel zu verlieren hatten.

Aber noch größer war für die Könige die Anziehungskraft jenes Sterns,

ihr Glaube an seine leuchtende Verheißung.

Dafür waren sie bereit loszulassen,

was ihnen vertraut war,

sogar ihre Macht aufs Spiel zu setzen,

die Strapazen und Entbehrungen einer so langen Reise

mit einem letztlich unbekannten Ziel auf sich zu nehmen,

Aber das Brennen in ihrem Herzen war so groß,

dass sie niemand mehr zurückhalten konnte.

Sie folgten dem Stern.

Und unterwegs immer wieder die Versuchung:

Was ist, wenn sich am Ende alles nur als Hirngespinst erweist,

der Stern nicht mehr als eine trügerische Sternschnuppe war?

Aber alle Versuchungen und Zweifel

konnten die Glut ihrer Hoffnung nicht kühlen.

Sie folgten dem Stern,

der es ihnen ja auch nicht immer leicht machte.

Einmal leuchtete er hell und klar,

dann war er wieder schwer auszumachen,

einmal war er sogar völlig verschwunden,

dann war er endlich wieder da.

Sie folgten dem Stern

und nichts und niemand konnte sie aufhalten.

Nach langer Zeit und mühsamer Reise,

sie spürten, dass sie fast am Ziel sein mussten,

wäre beinahe alles noch schiefgegangen,

denn der Stern war auf einmal nicht mehr da.

Da fragten sie, selbst Könige,

den machtbesessenen König dieses Landes

in ihrer unschuldigen Naivität und Sorge

nach einem neugeborenen König,

dessen Stern sie nun schon so lange gefolgt waren.

Und der Stern, der sie kurzfristig im Stich gelassen

oder vielleicht nur auf die Probe gestellt hatte,

war auf einmal wieder da und zog vor ihnen her.

Und sie folgten dem Stern.

Er führte sie aber nicht zu einem Königshaus,

ein Stall war es, ein ganz gewöhnlicher Viehstall,

über dem der Stern stehen blieb,

als wollte er sagen: Hier ist es.

Niemand hat ihr verdutztes Gesicht gesehen,

denn sie hatten sich ihr Ziel sicher ganz anders vorgestellt.

Aber das Brennen in ihrem Herzen,

das konnte keine Täuschung gewesen sein.

Und sie fanden, woran sie geglaubt hatten,

auch wenn dieser Stall nicht gerade königlich aussah.

Aber das Kind darin war die weite Reise mehr als wert,

Strapazen und Mühen spielten keine Rolle mehr.

Der Stern, dem sie gefolgt waren,

war kein trügerisches Hirngespinst.

Ihre königlichen Geschenke passten eigentlich nicht hierher.

Erst viel später sollte sich erweisen,

wie recht sie mit ihren Gaben hatten.

Was genau in diesem Stall geschehen und gesagt worden ist,

wir werden es nie erfahren.

Ein Engel musste schließlich eingreifen,

um nicht alles zu verderben.

Vielleicht war es gut, dass sie nicht die ersten waren,

dass Hirtengesindel die ersten sein durften,

denn diese drei Könige aus der weiten Welt

mit all ihrem Gesinde und Gefolge

hätten die Beschaulichkeit der ersten Heiligen Nacht wohl gestört.,

Da passen die Hirten einfach besser dazu

und außerdem sagt dieses Kind später selber,

die letzten sollten die ersten sein,

und wird es auch so halten.

Aber mit diesen Königen ist im Stall von Bethlehem

auch die Welt der Großen und Mächtigen vertreten.

Auch ihnen gilt das Lächeln des Christkinds.

Auch ihnen gilt die Verheißung dieser Nacht.

 

© Josef Gredler