Josef Gredler

Wenn die Weihnacht dunkel bleibt

 

   Weihnachten ist das Fest, das mehr als alle anderen die Gemüter bewegt – die Gemüter derer, die es im Glauben an Gottes Menschwerdung feiern, aber auch der Unzähligen, für die es einfach ein berührendes Fest ist.  Weihnachten, das Fest der Feste, wird mit allen Sinnen gefeiert. Auch wenn das, was glaubenden Christen das tiefste Geheimnis dieser Nacht ist, von Zahllosen nicht gefeiert werden kann, ist es als Fest der Freude, der Liebe, des Friedens, der Herzen, der Menschlichkeit, der Lichter… der Höhepunkt in ihrem profanen Jahreskreis. Weihnachten bewegt die Gemüter Glaubender, Zweifelnder, bekennender und anonymer Nichtchristen und Agnostiker. Weihnachten kann man in diesen Tagen nicht übersehen, nicht überhören, man riecht es förmlich, es liegt in der Luft. Lieder, Lichter, Tannenbaum, Düfte, Bilder, Geschichten, Rituale, Geschenke, Köstlichkeiten… Diese Nacht, die wir die Weihnacht nennen, hat im Kalender weltweit unter verschiedenen Namen eine unvergleichbare emotionale Bedeutung. Wenn wir am Heiligen Abend im Kreis derer, die wir so lieben, vor dem erleuchteten Christbaum das Weihnachtsevangelium lesen, Stille Nacht singen, einander beschenken und von Herzen „frohe Weihnachten“ wünschen, dann sollten wir nicht vergessen, dass es heute für viele, ja für unzählige dunkel bleibt, kein Licht, kein Stern, nur Dunkelheit.

 

- Es bleibt dunkel für jene, die drinnen um ihr Leben zittern, weil draußen die Kräfte des Bösen losgelassen sind, zerstörend, Tod bringend. Bei jedem Aufschrei befürchten sie zitternd, dass ein Massaker dem Leben anderer ein grausames Ende bereitet hat.  Bei jedem Donner zucken sie zusammen und wissen, dass irgendwo zigfach Leben ausgelöscht worden ist. Die Blitze, die den nächtlichen Himmel mit ihrem blendenden Licht zuckend aufschrecken, können die Dunkelheit ihrer Angst nicht vertreiben.

- Es bleibt dunkel für jene, die der Kälte und Gewalt eines anderen ausgeliefert sind. Diese anderen können Vater, Mutter, Tochter, Sohn, Mann oder Frau oder wer immer sein. Es bleibt dunkel, weil die Liebe so weit weg ist, dass sie sich gar nicht mehr an sie erinnern können, nicht mehr wissen, wie sie sich anfühlt, oder sie gar nie kennengelernt haben. Alle Lichter, die unweit von ihnen brennen, vielleicht in der Wohnung nebenan, leuchten nicht für sie.

- Es bleibt dunkel für jene, denen die entfesselten Gewalten der Natur ihr Zuhause, vielleicht sogar mit Angehörigen darin, weggespült, verschüttet, weggerissen haben und die jetzt nur noch mit entsetztem, leerem Blick mit dem Finger dorthin zeigen können, wo einmal ihr Leben festgemacht war.

- Es bleibt dunkel für jene, die kein Dach über dem Kopf haben, keine Bleibe, kein Zuhause. So müssen sie sich auch in dieser Nacht in der Stadt herumtreiben, deren weihnachtliche Beleuchtung ihre Dunkelheit nicht aufhellen kann, und die Laterne neben der Bank kann die Kälte dort nicht vertreiben. Warum muss Weihnachten denn im Winter sein, wenn die Nächte lang und kalt sind?  Wenigstens heute Nacht wird sie niemand vertreiben.

- Es bleibt dunkel für jene, die allein oder vergessen sind, die niemand vermisst. Die quälende Einsamkeit hat die Lichter im Laufe der Zeit der Reihe nach ausgelöscht, bis es schließlich ganz dunkel geworden ist. Das ist auch in dieser Nacht so, aber in dieser Nacht leiden sie unter dieser Dunkelheit noch mehr.

- Es bleibt dunkel für jene, die ihr Liebstes und Wertvollstes verloren haben. Es ist ihnen zerbrochen wie eine kostbare Vase aus zartem Kristall. Sie schauen entsetzt auf die Scherben, die da vor ihnen auf dem Boden liegen.  In jeder von ihnen spiegelt sich nur die Dunkelheit. Kein Licht, keine Kerze, kein Schein können daran etwas ändern. Wie schrecklich Weihnachten doch sein kann.

- Es bleibt dunkel für jene, deren Suchen nach Sinn und Halt und Unvergänglichem immer tiefer in die Sackgasse erlebter Sinnlosigkeit geführt hat. Die Hoffnung ist nur etwas für andere. Die Botschaft dieser Nacht erreicht noch ihr Ohr, das Herz kann sie nicht mehr erreichen.

- Es bleibt dunkel für jene, die dem Licht selber enteilt sind, weil sie es nicht ertragen konnten, es für eine Lüge der Schwachen hielten, eine Erfindung der Schwärmer und der Dunkelheit als der einzigen Wahrheit in die Augen schauen wollten und daran erblindet sind.

 

   Wir werden nicht alle diese Dunkelheiten aufhellen oder vertreiben können, aber wir dürfen sie nicht vergessen, am allerwenigsten in der Nacht, die uns zum frohen, innigen Fest der Ankunft Gottes in dieser Welt wird. Wenn wir diese Dunkelheiten verdrängen, weil sie uns den Frieden der Weihnacht stören, dann beginnen unsere Lichter bereits an Leuchtkraft zu verlieren, ohne dass wir es merken.

 

© Josef Gredler