Josef Gredler

Advent oder „Was erwartet uns?“

 

     Wenn man Umfragen Glauben schenkt, dann ist die Erwartungshaltung der meisten Menschen heute im Standby-Modus oder von Befürchtungen besetzt. Was erwartet uns? Was erwartet mich? Die Antworten auf diese Zukunftsfrage hören sich großteils pessimistisch, bedrückend an. Was soll man heute noch Gutes erwarten in einer Welt voller Bedrohungen – von außen und von innen? Nein, Gutes scheint kaum mehr zu erwarten zu sein, man mag davon träumen, aber erwarten tun oder müssen wir etwas anderes, sodass wir eher von Befürchtung statt von Erwartung sprechen müssen. Und diese Befürchtungen – eine Grundbefindlichkeit des Menschen im 21. Jahrhundert – haben sich in vielen schon als latente Angst manifestiert, Angst vor der Zukunft, der politischen, militärischen, wirtschaftlichen, ökologischen, klimatologischen…, der persönlichen, der kollektiven, der globalen.

     Und da stimmt die Kirche in diesen Tagen, dem Kalendarium des Kirchenjahres folgend, wieder die Botschaft vom Advent an und meint allen Ernstes, christliches Glauben darf voll Erwartung sein, darf von Erwartung leben. Obwohl die gottesdienstlichen Lesungen des ausgehenden und des beginnenden Kirchenjahres sich in ihren apokalyptischen Prophezeiungen und Bildern bedrohlich anhören. Und die Stimme des Täufers klingt rau und streng. Wer nicht Buße tut und umkehrt, der hat nichts Gutes zu erwarten. Und der, der der Grund aller Hoffnung ist, ist schon mitten unter denen, die der strengen, aber gleichzeitig auch Rettung verheißenden Stimme des Täufers folgen und hinausgehen an den Jordan, um sich von ihm taufen zu lassen. Diese endzeitlich gestimmte Zeit damals im Judentum war ganz auf Rettung fokussiert, die alles zum Guten wenden sollte, was so überschattet war von drohendem Ende. Ein Messias, ein Befreier, ein Retter musste kommen, wie er verheißen war. Da richten sich die Scheinwerfer der Menschheitsgeschichte auf einen Wanderprediger aus Nazaret, von dem wir Christen glauben, dass in ihm Gott zu uns in die Welt gekommen ist. Er richtet die Perspektiven aus der Heillosigkeit der Welt hin zum Heil der Welt, zum erlösten Menschen. Er durchbricht die Nacht der Welt und stellt ein Licht an den Horizont, das er selber ist und das über uns aufgehen soll, um nie mehr zu verlöschen, auch wenn der irdische Lauf der Dinge immer wieder auch dunkel und leidvoll bleibt.

     Sich auf diesen Jesus aus Nazaret einzulassen heißt, sich auf seine Verheißungen einzulassen, um sie glaubend zu erwarten – die Erwartung seiner selbst, die wir an Weihnachten feiern, sofern wir an seine göttliche Ankunft in unserer Welt glauben. Die Wochen der Erwartung, des Advents gehen im Kirchenjahr seiner Ankunft, seiner Menschwerdung voraus, nicht umgekehrt, wie ein großes Plakat vor dem Christkindlmarkt suggeriert, wenn darauf in großen Lettern chronologisch verdreht angekündigt wird „Bergweihnacht & Advent“. Die Reihenfolge wurde verdreht, weil mit „Weihnacht“, noch dazu mit „Bergweihnacht“, mehr Geld zu lukrieren ist als mit „Advent“. Deshalb wird den Menschen wochenlang Weihnachten suggeriert, nicht das wirkliche Weihnachten, sondern eine billige, oberflächliche Weihnachtsstimmung, in die sich Menschen so gerne hieven lassen, alle Jahre wieder. Den Jesus aus Nazaret brauchen wir dazu gar nicht, höchstens das Christkind, aus dem wir aber ein blondgelocktes Mädchen gemacht haben, dessen Anblick die Menschen rühren soll, das aber mit dem Jesus aus Nazaret nichts zu tun hat. Weihnachten kann man auch ohne diesen Jesus, ohne das wirkliche Christkind feiern, wie man sieht.

     Sich auf die große Frage einzulassen „Was erwarte ich mir von meiner Zukunft, von der Zukunft dieser Welt?“ ist ein ganz herausforderndes, Leben bewegendes Annehmen der Frage, die nicht auf den Weihnachtsmärkten beantwortet wird. Viele weichen dieser Frage aus, verdrängen derlei Gedanken lieber, manche versinken in einer apokalyptischen Resignation. Diese Tage und Wochen des Advent könnten eine Zeit sein, uns dieser Frage erstmals oder von neuem ganz in dieses Fragezeichen hineinzustellen… Mich führt diese Frage immer wieder zu jenem Wanderprediger aus Nazaret, von dem wir Christen glauben, dass in ihm Gott sichtbar und erfahrbar geworden ist. Er hat jeden Einzelnen, die ganze Welt und die ganze Schöpfung in einen Kontext des Ewigen gestellt. Er ist das Omega jedes Einzelnen und der ganzen Welt. Wenn die Welt und wenn menschliche Existenz nicht in diesen Punkt Omega mündet – wie Teilhard de Chardin ihn nennt – und dort vollendet wird, dann bleibt alles, was wir Schöpfung oder Sein nennen, in seinem Ziel und Endpunkt völlig undefinierbar und ohne Sinn, absurd. Vielmehr noch, angesichts allen, oft unvorstellbaren Leids, das dieser Schöpfung immer auch anhaftet, wäre diese Schöpfung, die wir dann nur noch Evolution nennen dürften, ein vom Zufall iniziierter Zynismus. Wenn aber dieser Mensch gewordene Jesus der ist, an den Christen glauben, das „Omega“, dann wird seine Verheißung zur Erwartung einer Vollendung der ganzen Schöpfung, allen Seins. Alles Leid, das dieser Schöpfung eigen ist, wird seiner Letztgültigkeit beraubt. Hoffnung ist ohne diesen Mensch gewordenen, den Tod überwundenen und erhöhten Jesus, den Christus, nicht möglich. Religionskritische Denker mögen darin billiges „Vertrösten auf das Jenseits“ erkennen, aber wenn wir Zukunftserwartung nur innerhalb dieser Welt suchen und nicht über die Begrenzung des Endlichen und Zeitlichen hinaus, verweigern wir jeder ernsthaften Zukunftsfrage die Antwort. Die ganz großen Fragen lassen sich nicht weltimmanent, sondern nur die Grenzen des Irdischen überschreitend, transzendent beantworten.

     Wenn wir dann zu Weihnachten auf dieses Kind schauen, in dem Gott zu uns gekommen ist, und spüren, wie dieses Kind unsere Frage „Was erwartet uns?“ selber zur Antwort wird, dann ist wirklich in uns Weihnachten und wir können voll Erwartung einstimmen in jene weihnachtlichen Lieder, die so unverwechselbar getragen sind von Freude und Zuversicht.

 

© Josef Gredler