Josef Gredler

Wo bist du?

 

     Herr Wieland, im Kompetenzzentrum nennen sie ihn alle Willi, obwohl er eigentlich Heinrich heißt, hat es eilig. Alfons wartet sicher schon. Jeden Dienstag treffen sie sich am Vormittag im der Cafe-Konditorei an der Kreuzung, trinken zuerst einen Cappuccino und dann meistens ein Glas Rotwein und schütten einander ihr Herz aus, voll Klage über die Zeiten, die nichts Gutes verheißen, dann baden sie sich in gemeinsamen Erinnerungen an eben die alten Zeiten, die viel besser waren. Bestimmt sitzt Alfons schon dort und wartet und brummelt vor sich hin, dass er, Heinrich sich heute verspätet. Aber er musste ja noch für Erna, seiner Zimmernachbarin, ein paar Mandarinen besorgen in dem kleinen Obstgeschäft neben der Haltestelle. Diese Mandarinen sind nämlich viel besser als die vom Kompetenzzentrum und haben keine Kerne, weiß Erna. Aber jetzt bekommt es Heinrich doch eilig und seine Schritte werden fast schneller, als es sein Alter erlaubt. Endlich ist er da. Alfons sitzt schon drinnen, wie immer an dem kleinen Tisch ganz hinten und mehr vorwurfsvoll als neugierig fragt er: „Wo bist du?“ Heinrich will seine Verspätung rechtfertigen, aber seine Erklärung zeigt wenig Wirkung. Und so sitzen sie da wie jeden Dienstag. Und nachdem sie lange genug über die Schlagzeilen geklagt haben, die leider nur Schlechtes, Trauriges, Unheilvolles berichten, schwelgen sie wieder in ihren Erinnerungen, als wollten sie sich zurückziehen in die heile Vergangenheit: „Weißt du noch, wie wir…?“ Und wenn einer etwas nicht mehr ganz weiß, dann hilft ihm der andere auf die Sprünge. Nach einer guten Stunde gehen sie wieder, Her Wieland bzw. Willi ins Kompetenzzentrum und Alfons nach Hause.

     Heute kann Willi erst nach dem Mittagessen Erna die Mandarinen bringen und die murmelt dann etwas unverständlich „Wo bist du denn?“ Dann zieht er sich in sein Zimmer zurück und setzt sich ans Fenster und schaut dem Treiben da unten zu. „Wo bist du?“, wollte Alfons wissen in einem mehr vorwurfsvollen als fragenden Ton. „Wo bist du?“ wollte auch Erna wissen. Wie oft schon hat er im Leben diese Frage gestellt oder gehört. Wenn er als kleiner Bub in der Wohnung mit der Eisenbahn spielte und plötzlich gewahr wurde, dass die Mutter nicht mehr in der Küche und er allein war. Dann rannte er durch das ganze Haus, sie zu suchen. Wenn er sie dann im Keller fand, schimpfte er kindlich vorwurfsvoll „Wo bist du?“ Je länger er suchen musste, desto vorwurfsvoller die Frage oder besser die Klage.

     Als er dann einmal verschwunden war und vor einer Auslage die Zeit vergaß, stand auf einmal die Mutter vor ihm, noch ganz außer Atem und fragte, nein, sie schrie fast „Wo bist du?“ Und im nächsten Augenblick drückte sie ihn fest an sich, ganz erleichtert, ihn endlich gefunden zu haben. Eines Tages war Tino nicht mehr da, der getigerte Kater, der ihnen letztes Jahr zugelaufen war. Der kleine Heinrich suchte überall, im ganzen Haus, bei den Nachbarn, er schaute in jeden Winkel und rief und lockte verzweifelt „Tino, wo bist du?“. Als Tino dann nach langem Suchen, als wäre nichts geschehen, plötzlich vor ihm stand, war Heinrich überglücklich. „Wo bist du?“ so oder so ähnlich hat er schon oft gefragt.

     Als er gestern wie jeden Tag nach dem Frühstück lange in der Zeitung blätterte, vom schrecklichen Erdbeben las und den Hilferufen, die aus den Trümmern der eingestürzten Häuser zu hören waren, von den Gewaltverbrechen, den Gräueltaten auf den Kriegsschauplätzen und den allerschlimmsten Vorkommnissen – so schlimm, dass man sie gar nicht mehr aussprechen kann oder sich vorzustellen wagt, da murmelte er leise ein paarmal verzweifelt vor sich hin „Mein Gott, wo bist du?“ Diese Frage hat er seit Jahren immer und immer wieder gestellt, an den lieben Gott, von dem er nicht mehr so sicher ist, ob er wirklich ein lieber Gott ist, wenn er so schreckliche Dinge geschehen lässt. Er kann Gott diese Vorwürfe nicht ersparen und hadert oft mit ihm.

     Gott beschützt dich, so hat man ihn als Kind glauben gelehrt und so hat er auch geglaubt und will es eigentlich immer noch glauben. Aber manchmal gelingt es ihm nicht mehr. Da fällt ihm ein, wie er als Kind noch ganz vertrauensvoll gebetet hat: „Heiliger Schutzengel mein… steh in jeder Not mir bei… führe mich an deiner Hand…!“ Waren das nur dumme Kinderfantasien? „Mein Gott, wo bist du?“ möchte er am liebsten immer wieder hinausschreien, wenn er die Zeitung liest oder im Fernsehen die Nachrichten sieht und die schrecklichen Bilder sich in seinem Inneren einnisten. Wo bist du? möchte er hinausschreien, wenn er die Kraft dazu hat, oder vor sich hinmurmeln, wenn ihm diese fehlt. Da drüben auf dem kleinen Tisch steht ein Kranz mit vier Kerzen. Nur zu gut weiß er, was dieser Kranz bedeuten soll. Advent heißt Ankunft, so weiß er seit Kindertagen. Und er weiß, dass Gottes Kommen in diese Welt gemeint ist, damals als Kind in einem Stall in Betlehem. Sein Lebensbogen senkt sich langsam nieder und wird irgendwann den Boden berühren, das weiß Willi, das ängstigt ihn nicht. Aber was ist dann? Ist das, was man ihn glauben gelehrt hat, alles nicht wahr? Der Glaube, der ein Leben lang, achtzig Jahre, allen Anfechtungen standgehalten hat, gerät jetzt nach 82 Jahren auf einmal ins Wanken?

     Und in fast gedankenloser Gewohnheit zündet er die erste und dann die zweite Kerze an –  nicht mit einem Streichholz, sondern mit einem kleinen Schalter an jeder Kerze. Frau Emmi, die ihm immer das Zimmer aufräumt und putzt, meint, das sei besser so. Willi starrt in das flackernde Licht und denkt „Entweder endet diese Welt in der Hölle oder Gott kriegt die Kurve und am Ende wird doch noch alles gut. Vielleicht kann dieser Gott doch noch alles zum Guten wenden, vielleicht ist am Ende, ganz am Ende, doch alles wieder gut.“ Vielleicht doch. Willi sind die Augen zugefallen, die beiden Kerzen am Adventkranz flackern vor sich hin.

 

© Josef Gredler