Josef Gredler

Ist das Grabtuch von Turin eine Fälschung?

 

     1898 erhielt der Rechtsanwalt und renommierte Hobbyfotograf aus Turin, Secondo Pia, vom Bischof von Turin den Auftrag, ein 4,36 Meter langes und 1,10 Meter breites Tuch zu fotografieren, das gerade im Dom von Turin ausgestellt war, das vergilbt und nur zart erkennbar einen menschlichen Körper zeigt und von vielen christgläubigen Menschen als das Grabtuch verehrt wurde, in das Jesus nach einer Kreuzigung gelegt und damit beigesetzt worden war. Die technischen Hilfsmittel waren in dieser Frühzeit der Fotografie nicht mit den heutigen vergleichbar, aber Secondo Pia gelang mit viel technischem Aufwand und nach mehreren Versuchen mit verschiedenen Belichtungszeiten und Fotoplatten schließlich ein Foto, das sein Leben veränderte: Er traute seinen Augen nicht, was er da in seiner Dunkelkammer zu sehen bekam, versetzte ihn in höchstes Erstaunen. Das Fotonegativ zeigte deutlich die Vorder- und die Rückseite eines nackten, zu Tode gekommenen Mannes mit langen Haaren und einem kurzen, zweigeteilten Bart, der ausgestreckt und mit überkreuzten Armen darniederlag und dessen Körper mit Spuren brutaler Gewaltanwendung übersät war, als wäre dieser Mann gegeißelt und gekreuzigt worden, so wie es die Evangelien von Jesus berichten.

     Dass sein Fotonegativ das so deutlich zeigen konnte, verwunderte den Hobbyfotografen anfänglich. Aber Secondo Pia erkannte bald, dass der nur schemenhaft erkennbare Körper auf dem Tuch ein Negativbild war und sein Fotonegativ vom Negativbild auf dem Tuch wieder ein positives Bild ergeben hatte. Wie wir das ja von der Mathematik wissen, minus mal minus gibt plus. Während die einen überzeugt waren, dass dieses Tuch das Grabtuch Jesu sei, waren andere der Meinung, dass es sich dabei um eine Fälschung handeln muss. Dieser Streit ist bis heute nicht entschieden. Während die einen an ein Wunder glaubten, beschuldigten andere Secondo Pia der Fälschung und des Betrugs. Dieser zog sich schließlich entnervt und verbittert aus dem öffentlichen Leben zurück.

     Die wissenschaftliche Untersuchung dieses echten oder gefälschten Grabtuches hatte begonnen und sogar einen neuen Wissenschaftszweig begründet, die Sindonologie. Seit damals haben verschiedenste Wissenschaftler versucht, das Geheimnis dieses Tuches mit großem Aufwand und allen wissenschaftlichen Möglichkeiten zu lüften. Es ist ihnen bis heute nicht gelungen. Die einen erkennen in diesem Tuch immer noch das Abbild Christi, andere halten es für eine raffinierte Fälschung. Drei Jahrzehnte später wurde Secondo Pia von einem Profifotografen bestätigt, seine Fotos zeigten dieselbe Abbildung eines verstorbenen Mannes mit den Spuren einer Geißelung und auf das Haupt gedrückter Dornen, mit den Annagelungswunden eines Gekreuzigten an Händen und Füßen und mit einer großen Wunde an der rechten Seite.

     Aber wie ist dieses Tuch überhaupt nach Turin gekommen? Bis zum 14 Jahrhundert haben wir keine gesicherte Kenntnis des Tuches, wir müssen uns daher für den möglichen Weg des Tuches des Konjunktivs bedienen. Es soll während des jüdisch-römischen Krieges nach Edessa in die heutige Türkei gebracht worden sein, wo allerdings nur das Antlitz des mehrfach gefalteten Tuches zu sehen war und verehrt wurde. Es soll dann vorübergehend – vielleicht zum Schutz – eingemauert worden sein und im 6. Jahrhundert während der Belagerung der Stadt durch die Perser wieder aufgetaucht sein. Von dort soll es nach Konstantinopel gekommen und dort über zweihundert Jahre verblieben sein. Kreuzritter sollen das Tuch bei der Zerstörung der Stadt mitgenommen haben. Eine Zeit lang soll es im Besitz der Templer gewesen sein. Jetzt können wir den Konjunktiv beiseitelassen, weil der Weg des Tuches ab nun historisch klar verfolgbar ist: 1357 war dieses Tuch in einer eigens dafür erbauten Kirche in Lirey in Nordfrankreich ausgestellt und zog viele Menschen an. Ab Beginn des 16. Jahrhunderts war das Tuch im Besitz des Hauses Savoyen, deren Fürsten es an verschiedenen Orten aufbewahrten und gelegentlich auch öffentlich zeigten. 1532 wurde das Tuch bei einem Brand in der Schlosskapelle von Chamberry in Frankreich beschädigt. Die Brandlöcher wurden mit Fäden der damaligen Zeit repariert. 1578 ließ Herzog Emanuel Philibert von Savoyen das Tuch nach Turin bringen, das die neue Residenzstadt des Hauses Savoyen geworden war. Nach dem Tod von Umberto II. von Savoyen, dem ehemaligen König von Italien, wurde das Grabtuch dem amtierenden Papst und den jeweiligen Nachfolgepäpsten vererbt mit der Auflage, dass es weiterhin in Turin verbleiben muss. Dort wird es seither in der letzten linken Seitenkapelle der Kathedrale in einer speziellen Truhe verwahrt und nur ganz selten alle paar Jahre zu besonderen Gelegenheiten ausgestellt und von vielen Gläubigen verehrt. Fotos von diesem Tuch sind mittlerweile in aller Welt verbreitet.

     Wann ist das Tuch zu sehen? Dieses Tuch befindet sich die meiste Zeit in einem speziellen, versiegelten Schrein. Die umfassende wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Tuch ist eine Folge des großen Interesses, das dieses Tuch durch seine Ausstellungen geweckt hat. Schon 1357 war es in der Kirche von Lirey in Frankreich erstmals nachweisbar ausgestellt. Im April 1868 war das Tuch vier Tage lang im Dom von Turin zu sehen. 1898 war das Tuch dort eine Woche lang ausgestellt. Deshalb konnte Secondo Pia erstmals fotografische Aufnahmen vom Tuch machen, die dann wahrlich eine Lawine von wissenschaftlicher Auseinandersetzung – im wahrsten Sinn des Wortes – auslösten. 1933 war es zum 1900. Todesjahr Jesu drei Wochen lang zu sehen. 1973 wurde RAI eine Fernsehdokumentation über das Tuch gestattet, die im Fernsehen als Direktübertragung zu sehen war. 1980 wurde das Tuch Papst Johannes Paul II. gezeigt, anlässlich seines Pastoralbesuches in Rom. 1998 wurde es zum hundertjährigen Jubiläum der erstmaligen Fotografie durch Secondo Pia abermals ausgestellt. Zur Jahrtausendwende war es zum kalendarischen 2000Jahr-Jubiläum der Geburt Jesu neuerlich zu sehen, in einem hermetisch verschlossenen Behälter aus Glas und Aluminium, die abgesogene Luft war durch Edelgas ersetz worden, um das Tuch vor Oxydierung und Bakterienbefall zu schützen. 2010 wurde es auf Anordnung Papst Benedikts XVI. erneut ausgestellt, der dazu selbst nach Turin kam, um vor dem Tuch zu beten. Am Karsamstag 2013 wurde es für einen im Fernsehen direkt übertragenen Gottesdienst mit einer Videobotschaft des Papstes Franziskus I. gezeigt. Die bisher letzte öffentliche Ausstellung erfolgte vom 19. April bis 24. Juni 2015. Ich war damals selber unter denen, die da in einer Endlosreihe kurz vor dem in einer speziellen Glasvitrine über dem Altar ausgespannten Grabtuch einige Minuten verweilen konnten. Am 10. August 2018 bekamen 2500 Jugendliche das Tuch in einer außerordentlichen Ausstellung zu sehen. Am Karsamstag 2020 fand eine nichtöffentliche, im Fernsehen aber live übertragene Gebetsandacht anlässlich der Pandemie statt. 2025 soll es anlässlich des Heiligen Jahres das nächste Mal zu sehen sein. Wann immer sich Gelegenheit bietet, das Grabtuch von Turin zu sehen, zieht es Massen an. Die Menschen ziehen dann in Prozessionen am Tuch vorbei.

     1978 wurde vom Vatikan STURP (Shroud of Turin Research), ein Team von Wissenschaftlern verschiedener Disziplinen und unterschiedlicher ideologischer, religiöser und kultureller Zugehörigkeit erstellt mit dem Auftrag bzw. der Erlaubnis, das Grabtuch von Turin wissenschaftlich zu untersuchen. Dieses Team hatte mit umfassenden und modernsten technischen Möglichkeiten und den verschiedensten wissenschaftlichen Methoden das Grabtuch untersucht und die Ergebnisse dann auch veröffentlicht, denen aber von anderen Wissenschaftlern widersprochen wurde. STURP sollte Alter und Herkunft des Tuches feststellen und klären, wie die Abbildung auf das Tuch gekommen ist. Ob das Grabtuch von Turin das Grabtuch Jesu ist, war nie kirchlicher Auftrag an STURP und hätte es auch nie sein können, weil diese Frage letztlich die Kompetenz von STURP völlig überschritten hätte.

     Was genau ist auf dem Tuch zu sehen? Das Tuch zeigt ohne Konturen und nur schwach erkennbar die Vorder- und Rückseite eines etwa 1,80 Meter großen, mit überkreuzten Händen wie in Leichenstarre darniederliegenden männlichen Körpers, der viele Verletzungen, Wunden und Blutungen aufweist: Schwellungen am rechten Jochbein und am rechten Auge, viele Verletzungen und Blutspuren am Kopf, ausgeprägte Wunden am linken Handgelenkt und an den Füßen, eine große Wunde auf der rechten Brust, Schürfwunden an beiden Knien, der Rücken und das Gesäß sind mit vielen paarweisen Wunden übersät. Außerdem weist das Tuch symmetrische Brandflecken und Wasserflecken auf. Die Brandflecken sind offensichtlich ausgebessert worden. All das kann man nur dann erkennen, wenn man das Tuch aus einer gewissen Entfernung als Ganzes betrachtet. Steht man zu nahe am Tuch, kann man diese Abbildung nicht mehr richtig erkennen. Das Gesamtbild des Körpers mit all seinen Verletzungen, Blutflecken und Blutspuren weist auf einen Mann hin, der offensichtlich genau so zu Tode gekommen ist, wie es die Evangelien von Jesus berichten. Die vielen paarweisen Wunden am Rücken und am Gesäß könnten von einer Geißelung mit einem römischen Flagrum stammen, an deren Ende sich jeweils zwei Metallgewichte befanden. Diese Metallgewichte passen genau auf diese Wunden, haben am Körper des Tuches genau denselben Abstand wie bei einem Flagrum aus römischer Zeit. Die zahlreichen kleinen Wunden am Kopf könnten durch ein Dornenbüschel entstanden sein, das man dem Mann gewaltsam auf das Haupt gedrückt hat. Die Schürfwunden am Knie könnten durch Hinfallen verursacht sein. Die ganz deutlichen Wunden am linken Handgelenk und an den Füßen könnten durch die Annagelung am Kreuz entstanden sein. Auffallend ist, dass an beiden Händen kein Daumen zu sehen ist. Das könnte eine Folge der Annagelung durch das Handgelenk sein, weil dabei – so ein medizinischer Experte – der Nervus medianus den Daumen nach innen klappen lässt. Die große Wunde in der rechten Brust nahe der fünften Rippe könnte durch einen Lanzenstich entstanden sein. Wo das Tuch den Körper berühren konnte, ist die Abbildung auf dem Tuch dunkler, wo das Tuch den Körper nicht berühren konnte, ist die Abbildung schwächer. Je größer der Abstand des Tuches zum Körper ist, desto schwächer ist die Abbildung.

     Wie sind diese Abbildungen des Körpers mit seinen Wunden und Blutungen auf das Tuch gekommen? Das ist und bleibt die entscheidende Frage, die über diesem Tuch schwebt und die über dessen „Echtheit“ entscheidet. Mit „echt“ ist gemeint, dass dieses Tuch aus der Zeit Jesu stammt und ein Gekreuzigter darin bestattet war. Eigentlich meint Echtheit in diesem Fall noch mehr, ob in diesem Tuch tatsächlich Jesus von Nazaret gelegen ist, nachdem er im Jahre 30 in Jerusalem gegeißelt und dann gekreuzigt worden und in dieses Grabtuch gehüllt und damit in das Felsengrab gelegt worden war. Bei allen wissenschaftlichen Untersuchungen geht es um die Frage, wie sind diese Abbildungen auf das Tuch gekommen, und damit zusammen hängt auch die Frage, wie alt dieses Tuch ist und woher es stammt.      Die Abbildung auf diesem Tuch sei „nicht von Menschenhand gemacht“, so die feste Überzeugung der Grabtuchbefürworter Die erste Behauptung war, dass Farbe, wahrscheinlich Temperafarbe, auf das Leinen aufgetragen worden sei, wahrscheinlich im 13. Jahrhundert.  Das Grabtuch sei eine Fälschung, eine geniale zwar, aber eben eine Fälschung. Gegner dieser Behauptung argumentierten, aufgetragene Farbe hätte bestimmte Eigenschaften der Veränderung, der Verfärbung, der möglichen Entfernung, bestimmter Reaktionen auf Chemikalien oder Einwirkung von Hitze. Alle diese Möglichkeiten wurden erprobt, das Ergebnis war immer negativ. Das Bild reagierte in keinem Fall wie Farbe, sodass die Möglichkeit, der abgebildete Körper sei auf das Tuch gemalt worden, ausscheiden musste. Außerdem sind selbst Grabtuchskeptiker überzeugt, dass diese Darstellung keinem noch so raffinierten Maler möglich sei. Außerdem hätte dieser über ein Wissen verfügt haben müssen, das er damals noch gar nicht haben konnte, zum Beispiel, dass Jesus nicht an der Handfläche ans Kreuz genagelt wurde, sondern durch das Handgelenk. Die ganze Ikonografie der Darstellung des Gekreuzigten kennt bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts nur eine Annagelung durch die Handflächen oder, ganz selten, das Anbinden an den Querbalken. Die Abbildung ist nur ganz oberflächlich, maximal 5/100 mm, in das Gewebe eingedrungen. Aufgetragene Farbe wäre wesentlich tiefer in das Gewebe eingedrungen. Die Abbildung kann also nicht durch Auftragen von Farbe, welcher auch immer, entstanden sein. Nicht mehr, aber auch nicht weniger ist damit festgestellt. 1981 wurde die Abbildung auf dem Grabtuch mit einer 3D-computergesteuerten Bildwiedergabe bearbeitet. Dabei zeigte sich, dass auf dem Grabtuch ein dreidimensionaler Körper abgebildet ist. Das heißt, dass jede malerische = zweidimensionale  Entstehung des Tuchbildes auszuschließen ist. In einem Gerichtsverfahren würde man sagen, dass hier Aussage gegen Aussage stehe und daher kein definitives Urteil möglich ist.

     Sind die rötlichen Blutflecken auf dem Tuch wirklich Blut? Die Blutflecken oder Blutspuren auf dem Tuch wurden durch verschiedenste Methoden wiederholt untersucht. Mittels Klebefolien wurden winzige Partikel von den Blutflecken abgelöst. Chemische Tests führten zum Ergebnis, dass die Blutflecken auf dem Tuch wirklich menschliches Blut sind, ein Gerichtsmediziner meinte, sich sicher zu sein, dass es sich dabei um die Blutgruppe A/B handle. Ein anderer Wissenschaftler behauptete, in den Blutflecken Farbpigmente entdeckt zu haben, wieder ein anderer glaubte, organische Bindemittel wie Eigelb hätten zum fälschlichen Ergebnis geführt, dass es menschliches Blut sei. Bemerkenswert ist, dass es unter den Blutflecken zu keiner Körperabbildung kam, was nichts anderes heißt als, dass die Blutflecken zuerst dagewesen sein mussten und es erst dann zu einer Körperabbildung gekommen sein konnte. Die Blutstellen können also nicht nachträglich aufgetragen worden sein.

     Könnte die Abbildung auf dem Tuch durch eine Methode ähnlich der Fotografie entstanden sein? Ein Kunsthistoriker hält eine Fälschung durch einen seiner Meinung nach schon damals möglichen fotografieähnlichen Vorgang für möglich. Er hat mit einem kameraähnlichen Gerät mit einer einfachen Quarzlinse bei einer mehrere Tage andauernden Belichtungszeit auf einem Leinen, das mit einer Silbernitratlösung getränkt war, fotografische Abbildungen von Statuen erhalten, die der Art der Abbildungen auf dem Grabtuch von Turin ähnlich gewesen sein sollen. Ein solches „fotografische“ Verfahren sei im 13. Jahrhundert schon bekannt und möglich gewesen. Linsen wurden damals schon als Lesehilfe für Brillen verwendet. Hätte man damals einen menschlichen Körper auf diese Weise fotografiert, wäre der Leichnam allerdings durch die mehrere Tage andauernde Belichtung in der Sonne einem Verwesungsprozess ausgesetzt gewesen, der eine solche Abbildung wieder verhindert hätte. Der auf dem Turiner Grabtuch abgebildete Leichnam weist jedoch keinerlei Verwesungsspuren auf. Man hätte statt eines menschlichen Leichnams eine Statue ins Leinentuch legen müssen. Diese aber so zu präparieren wie den Körper, der auch dem Turiner Grabtuch abgebildet ist, wäre kaum möglich gewesen. Die Möglichkeit dieser Theorie ist schon eine gewagte theoretische Konstruktion, die in der Forschung rund um das Turiner Grabtuch eigentlich kaum eine Rolle spielt. Überzeugte Grabtuchbefürworter meinen, das Abbild auf dem Grabtuch sei durch eine Art Strahlung entstanden. Die Meinung, dass diese Strahlung bei der oder durch die Auferstehung wie durch einen Transformationsvorgang entstanden sei, kann nicht mehr als wissenschaftliche Erkenntnis gelten, sondern ist dann schon eine Glaubensentscheidung.

     Auf dem Tuch wurden auch kaum sichtbare, schattenhafte Abbildungen von verschiedenen Blüten festgestellt. Das heißt, dass auf dem Grabtuch Blumen bzw. Blüten gelegt worden sein müssen, die den Leichnam oder den Kopf des Leichnams umkränzt haben könnten. Diese könnten als Zeichen der Verehrung oder zur Verminderung des Verwesungsgeruches in das Tuch gelegt worden sein. 28 Blumen konnte ein israelischer Botaniker sogar identifizieren. Einige davon wachsen heute noch in der Gegend um Jerusalem und blühen in den Monaten März, April, also in der Osterzeit.

     Können Spuren von Pollen auf dem Tuch helfen, Alter und Herkunft des Grabtuches zu bestimmen? Wenn der Leichnam im Grabtuch von Blüten gesäumt war, wenn das Grabtuch einmal der Luft im Freien in der Gegend von Jerusalem ausgesetzt war, dann müssen auf dem Grabtuch noch Pollenspuren zu finden sein, weil Pollen mehrere tausend Jahre überstehen können. Der Schweizer Kriminologe Dr. Frei hatte 1973 dem Grabtuch von Turin mittels steriler Haftstreifen zahlreiche Pollenproben entnommen, die er dann unter einem Elektronenmikroskop untersuchte. Pollen können noch nach mehreren tausend Jahren zugeordnet werden. Von vielen Pollen konnte Frei die Art und auch ihre Herkunft bestimmen. Das Tuch muss also dort gewesen sein, wo diese Pollen vorkommen, weil Pollen sich nicht allzu weit vom Standort der Pflanze entfernen. Da waren Pollen von fast 58 verschiedenen Pflanzen auf dem Tuch, die identifiziert werden konnten. 28 davon stammen aus dem Nahen Osten. Um diese zu bestimmen und zuordnen zu können, unternahm Frei Forschungsreisen in die östlichen Mittelmeerländer. Eine Pollenart stammte von der Sockenblume, die in der Region um Istanbul vorkommt. Das Tuch musste sich also im Laufe seiner Geschichte einmal in Istanbul befunden haben. Andere Pollen auf dem Tuch stammen von Pflanzen, die am Bosporus wachsen. Wieder andere Pollen stammen von Pflanzen, die im Landesinneren der Türkei, in Nordsyrien und in Mesopotamien vorkommen. Pollen der Bergamaryllis, aber auch eine Reihe anderer Pollen sind ein Hinweis auf das historische Edessa, wo sich das Grabtuch vor seiner Zeit in Istanbul für längere Zeit befunden haben soll. Eine Reihe von Pollen stammt von Pflanzen, die auf der Verbindungsstrecke Edessa – Jerusalem blühen. Wir wissen, dass die Strecke, die Jerusalem über das Jordantal mit Edessa verbindet, von Judenchristen als Fluchtroute benutzt wurde. Das Tuch dürfte also aller Wahrscheinlichkeit einmal diesen Weg genommen haben. In Jerusalem fand Frei zwei Pflanzen, deren Blütenstaub sich ebenfalls auf dem Grabtuch befand. Da diese beiden Pflanzen im April blühen, muss das Tuch sich einmal im April, also die Zeit um Ostern, in Jerusalem befunden haben. Pollen vom Bereich der Füße des Grabtuches stammen aus dem Gebiet des See Gennesaret. Die Ergebnisse dieser Pollenuntersuchungen erhöhten die wissenschaftliche Bedeutung dieses Grabtuches und machten es zu einem zumindest historisch bedeutsamen Objekt, auch wenn andere Wissenschaftler die Ergebnisse der Pollenanalyse von Dr. Frei in Frage stellten. Knapp vor der Jahrtausendwende bestätigten zwei Wissenschaftler aus Jerusalem nach einer weiteren Untersuchung organischer Mikroorganismen, die sie vom Grabtuch genommen hatten, dass diese von Pflanzen aus der Gegend um Jerusalem stammen müssen. Eine dieser Pflanzen war ein Dornengewächs, mit dem man die zahlreichen Wunden am Kopf des Mannes im Tuch erklären könnte. Tatsächlich folgerten Forscher daraus, das Grabtuch von Turin könnte aus der Zeit Jesu stammen. Was Grabtuchbefürworter für einen Beweis hielten, dass es sich beim Grabtuch von Turin tatsächlich um das Grabtuch Jesu handle, wurde von anderen bestritten. Tatsächlich führt die Pollenanalyse zu einem erstaunlichen Ergebnis und sollte dem Grabtuch von Turin zur Anerkennung eines historisch bedeutsamen Objektes verhelfen. Man kann daraus jedoch keinen wissenschaftlichen, also zwingenden Beweis für die Echtheit des Tuches ableiten.

     Es sollen sich sogar DNS-Spuren in den Blutflecken befunden haben. Im Rechtsmedizinischen Institut in Genua habe oder hat man 1995 auf den Blutflecken des Tuches menschliche DNS gefunden. Andere Wissenschaftler anerkennen diese Testergebnisse nicht. Dem Widerspruch wurde von anderen neuerlich widersprochen. Nach einer Analyse von Blutspuren aus dem Kopfbereich des Tuches in den USA stellte ein Forscherehepaar fest, dass es sich eindeutig um menschliches Blut handle, in dem sie X- und Y-Chromosomen festgestellt hätten. Diese Feststellung wurde von einem anderen DNS-Experten in Australien geprüft und bestätigt. Breite Anerkennung blieb dieser Erkenntnis oder Ansicht verwehrt.

     Ein Radio-Carbon-Test sollte endgültige Gewissheit schaffen, ob das Tuch echt sein kann oder doch eine spätere Fälschung ist. Der Vatikan gab 1988 grünes Licht für eine Carbon14-Altersbestimmung des Tuches. Dazu wurde ein 10 x 70 mm großer Streifen vom Rand des Grabtuches entnommen, dreigeteilt und, vermischt mit Blindproben, an drei voneinander unabhängige Institute bzw. Laboratorien in Oxford, Zürich und Arizona geschickt. Die Proben durften keine geflickten oder verkohlten Stellen enthalten. Diese neuartige Methode sollte endgültig Klarheit über das Alter des Tuches schaffen. Diese damals noch junge Form der Altersbestimmung war wissenschaftlich allgemein anerkannt, auch wenn sie fehleranfällig ist. Das Ergebnis der drei Institute wurde mit großer Spannung erwartet und schließlich veröffentlicht. Demnach soll das Tuch zwischen 1260 und 1390 entstanden sein, also im Mittelalter. Die „Gegner“ des Grabtuches sahen sich bestätigt, die Befürworter der Echtheit waren jedoch überzeugt, dass da etwas nicht stimmen konnte. Es könne doch nicht sein, dass alle historischen, forensisch-pathologischen, botanischen Befunde zu falschen Ergebnissen geführt hätten und eine einziger nun richtig sei. Folgende Gründe gegen das Ergebnis der C14-Methode werden vorgebracht: 1) Statt Proben von verschiedenen Stellen des Tuches, waren alle Proben von ein und derselben Stelle entnommen worden. Was ist, wenn diese eine Stelle durch Schmutz, Rauch, Bakterien, Pilze verfälschend kontaminiert gewesen sei? Verunreinigungen bzw. Kontaminierungen beeinflussen tatsächlich die C14-Altersbestimmung. Eine Kontaminierung der Probe konnte tatsächlich nicht ausgeschlossen werden, sondern war sogar wahrscheinlich, aber sie sei nicht ausreichend – so die Verteidiger der C14-Methode –, um eine so große Zeitabweichung vom mehr als tausend Jahren zu erklären. Diese ganze Kontaminationsdiskussion wurde sehr detailliert geführt. Diese Details hier alle darzustellen, ist nicht möglich. 2) Auch der Brand von 1532 in der Kirche von Chamberry in Frankreich, wo das Tuch aufbewahrt war, könnte die Altersbestimmung verfälscht haben. Befürworter der C14-Altersbestimmung schlossen dies wieder aus. Der russische Biochemiker Dimitri Kuznetsov vertrat die Meinung, dass der Brand von 1532 sehr wohl das Ergebnis der Radiokarbonaltersbestimmung gravierend verfälscht haben könnte. Bei der hohen Temperatur, die beim Brand im Inneren der Truhe entstand, in der das Tuch aufbewahrt worden war, hätten sich wahrscheinlich Moleküle des Leinentuches mit den Molekülen der Truhe vermischt. Durch die Verwendung von Löschwasser hätten sich sehr heiße Dämpfe gebildet und diese hätten den Radiokohlenstoffanteil im Tuch erheblich erhöht. Dies würde zu einem Fehlurteil auch in diesem Ausmaß führen können. 3) Vielleicht seien in dieser Probe Fäden aus einer späteren Reparatur von Brandschäden enthalten gewesen. Tatsächlich ist das Tuch wiederholt von Klosterschwestern geflickt worden, die das mit so hoher Kunstfertigkeit durchführten, dass bei der Probeentnahme reparierte Stellen von anderen kaum mehr zu unterscheiden waren. Wenn in der Stoffprobe später tatsächlich neben Leinenfäden auch Baumwollfäden festgestellt werden konnten, dann müssen diese Baumwollfäden aus einer späteren Zeit stammen. 4) Auch deutliche Gewichtsunterschiede zwischen dem Durchschnittsgewicht der entnommenen Proben und den dann für die Altersbestimmung ausgesonderten und verwendeten Fäden, würden zum Schluss führen, dass das untersuchte Gewebe, das für die Reparatur verwendet worden war, mindestens zur Hälfte aus dem jüngeren und leichteren Material zusammengesetzt war. Das habe zu dieser erheblichen Fehldatierung geführt. 5) Die kleine Stoffprobe, die für die Altersbestimmung verwendet wurde, habe bei UV-Licht eine andere Färbung angenommen als das übrige Tuch. Außerdem habe das Tuch schwächer fluoresziert als der für die Probe verwendete Flecken, der möglicherweise aus einem reparierten Stoffteil entnommen worden war. 6) Konservierungsmittel, mit denen die Truhe, in der das Tuch aufbewahrt war, behandelt worden war, könnten ebenfalls das Ergebnis der Radiokarbonbestimmung verfälscht haben. Wenn solche konservierenden Chemikalien zur Anwendung gekommen sein sollten, dann wäre allerdings auch in Zukunft eine verlässlich Altersbestimmung mir Radiokarbon nicht mehr so ohne weiteres möglich. 7) Auch an den Protokollen, die zur vorgenommenen Radiokarbonaltersbestimmung erstellt worden waren, wurde von den Grabtuchbefürwortern Kritik geübt. Man habe nicht in alle Protokolle Einsicht bekommen, Teile der Protokolle seien gar nicht veröffentlicht worden. Als Laie wird man sich schwertun, alle diese Einwände und Gegeneinwände zu bestätigen oder zu entkräften. Die Ergebnisse der Radiokarbonaltersbestimmung von 1988 wird man aber nicht einfach vom Tisch wischen können. Aber auch den Einwänden dagegen ist – von Laien – schwer die Berechtigung abzusprechen. Denkbar wäre, dass der Radiokarbontest zwar richtig war, aber die Stoffproben falsch ausgewählt worden waren.

     Hat das Grabtuch von Turin die Jesusdarstellungen in der Kunst beeinflusst? Die Jesusdarstellungen der ersten Jahrhunderte weisen noch keine gemeinsamen typischen „Jesusmerkmale“ auf. Auf einem Mosaik aus dem vierten Jahrhundert trägt Jesus noch keinen Bart. Man könnte ihn für einen römischen Gott halten. Später haben alle Darstellungen des Gesichtes Jesu dann ganz typische gemeinsame Merkmale, an denen ein Betrachter leicht erkennt, dass dies Jesus ist. Diese ikonografischen Gemeinsamkeiten sind: lange Haare, die seitlich herabfallen, ein kurzer Bart, eine lange, schlanke Nase, große Augen, schmale Lippen. Man könnte sogar von einem bestimmten jesuanischen Blick bzw. Gesichtsausdruck sprechen. Wie ist das möglich? Diese ikonografischen Gemeinsamkeiten sind schon auf Ikonen aus dem 6.Jahrhundert zu sehen. Wenn das Grabtuch, das jetzt in Turin aufbewahrt wird, Auslöser für diese ikonografischen Gemeinsamkeiten in der Jesusdarstellung war, die schon ab dem 6. Jahrhundert zu sehen sind, dann kann es nicht aus dem 12. oder 13. Jahrhundert stammen. Die Evangelien verlieren kein Wort über das Aussehen Jesu. Wie konnte sich trotzdem ein so typisches Jesusbild entwickeln? Alle diese Merkmale finden sich im Gesicht des Mannes, der auf dem Grabtuch von Turin abgebildet ist. Könnte es sein, dass der Mann auf dem Grabtuch zum Modell, zum Urtyp, zum Prototyp der Jesusdarstellungen geworden ist? Auffallend ist jedoch, dass auf allen Kreuzigungsdarstellungen bis ins 20. Jahrhundert hinein Jesus an den Handflächen angenagelt ist, obwohl das Grabtuch ganz deutlich zeigt, dass der offensichtlich gekreuzigte Mann an den Handgelenken angenagelt war? Warum blieb diese Information des Grabtuches in der Kunst völlig unberücksichtigt? Dafür gibt es eine ganz plausible Erklärung: Bei allen früheren Ausstellungen war das Tuch gefaltet und zwar vierfach so gefaltet, dass genau das Haupt des Mannes zu sehen war. Diese Falten sind am Grabtuch heute noch zu sehen.

     Warum sind sogar Wissenschaftler so geteilter Meinung und liegen fast im Streit bezüglich Herkunft und Entstehung dieses Grabtuches? Das Grabtuch von Turin ist das meistuntersuchte Objekt, das es gibt.  Und das Grabtuch von Turin polarisiert – einfache Menschen, aber auch Wissenschaftler. Wenn man Untersuchungsergebnisse, wissenschaftliche Literatur und Publikationen dazu liest oder mündliche Stellungnahmen dazu und Vorträge darüber hört, kann man bald „heraushören“ oder „herauslesen“, ob der Wissenschaftler die Echtheit des Grabtuches lieber bestätigen oder lieber widerlegen möchte. Diese Präferenz, man kann sie auch Vorurteil nennen, beeinflusst auch Wissenschaftler. Das ist keinesfalls so verwunderlich, wie es sich anhören mag. Selbst der große Albert Einstein hatte größte Mühe, eine quantenphysikalische Entdeckung zu akzeptieren, die ihm aus philosophischen Gründen einfach zuwider war.

     Was sagt die Kirche dazu? Die Kirche hält sich da zurück bzw. hält sich aus dem wissenschaftlichen Streit offiziell heraus und das ist gut so. Die Frage, wie alt das Grabtuch ist, ist eine rein naturwissenschaftliche Frage, für deren Beantwortung die Kirche keine Kompetenz hat. Auch die Frage, wie die Abbildung auf das Tuch gekommen ist, muss man zuerst als naturwissenschaftliche Frage ansehen. Und ob tatsächlich der gekreuzigte Jesus in diesem Grabtuch bestattet worden sein könnte, tangiert nur am Rande theologische Fragen. Auch wenn ranghohe Vertreter der Kirche und sogar Päpste vor diesem Grabtuch gebetet haben, ist das deren persönlich private Entscheidung und keine kirchliche Anerkennung der Echtheit dieses Grabtuches. Offiziell ist das Grabtuch für die Kirche eine Ikone, keine Reliquie. Viele Christinnen und Christen haben schon vor diesem Grabtuch gebetet und werden es bei künftigen Ausstellungen wieder tun. Das ist ihr gutes Recht, daran ist nicht einmal Kritik angebracht, auch keine leise. Wenn einfache und in der kirchlichen Hierarchie ranghohe christgläubige Menschen jedoch in frommer Euphorie das Grabtuch als Beweis für die Auferstehung Jesu „verwenden“, muss widersprochen werden. Der Glaube an die Auferstehung Jesu darf nicht an einen so seidenen Faden gehängt werden. Allein das Ansinnen, die Auferstehung Jesu durch einen Gegenstand beweisen zu wollen, ist theologischer Unfug. Dass Christen an die Auferstehung des gekreuzigten Jesus glauben, hat seinen Grund und seine Berechtigung im Auferstehungsglauben und Auferstehungszeugnis der Jünger Jesu und der Frauen aus seiner Gefolgschaft sowie des Bruders Jesu und wahrscheinlich seiner ganzen Familie, wie es in den Evangelien und den anderen Schriften des Neuen Testamentes bezeugt ist. Das Grabtuch von Turin ist gewiss ein überaus interessantes, vielleicht geheimnisvolles, möglicherweise sogar echtes oder doch unechtes Laken, das die einen als das Grabtuch Jesu verehren, andere interessant finden und wieder andere als Fälschung abtun.

 

© Josef Gredler