Josef Gredler

Was ist Wein?

 

     Man könnte diese Frage ganz einfach beantworten: Wein ist vergorener Traubensaft, dabei ist der Zucker in Alkohol umgewandelt worden. Das ist önologisch ganz korrekt. Wer aber einmal bei einem guten Glas Wein gespürt hat, wie dieses eine gute Stunde in eine noch bessere verwandelt, dem Augenblick einen ganz besonderen Glanz verleiht, vor allem dann, wenn man dieses Glas Wein nicht allein trinkt, sondern den Genuss, die Freude daran mit jemandem teilen kann, dem genügt diese Antwort nicht.

     Wein ist nicht bloß ein alkoholisches Getränk, Wein ist mehr als vergorener Traubensaft. Wein ist das älteste vom Menschen erzeugte Getränk. Das Wasser war ja schon von Anbeginn da, war Voraussetzung für alles Leben. Und die Milch hat der Mensch nicht erzeugt, nur gewonnen, indem er Rinder, Schafe und Ziegen zu melken gelernt hat. Funde beweisen, dass schon vor zehntausend Jahren Weinreben angebaut und deren Trauben geerntet wurden. Durch Zufall entdeckte man, dass deren Saft alsbald zu gären beginnt und danach viel länger haltbar bleibt und zudem gut schmeckt, gut für den damaligen noch nicht verwöhnten Gaumen. Wir würden diesen Wein, wie er in den Anfängen seiner Geschichte bereitet wurde, heute nicht trinken. Und dieser vergorene Traubensaft ist dann im Laufe der Menschheitsgeschichte zu höchsten Ehren aufgestiegen. Seit Jahrtausenden werden immer dann, wenn etwas Bedeutsames geschehen oder zu Ende gebracht worden ist, wenn Verträge geschlossen oder wichtige Anlässe im Leben einzelner oder einer Gemeinschaft begangen werden, Feste gefeiert, zu denen Wein getrunken wird. Auf einer Festtafel darf seit eh und je der Wein nicht fehlen.

     Was ist dieser Wein, dass ihn so viele Geschichten und Mythen umranken? Der Mythos Wein lässt sich nicht bloß mit der Vergärung des Traubensaftes und dem dabei entstandenen Alkohol erklären. Da muss noch etwas anderes sein. Gewiss mag die berauschende Wirkung des Weines, wenn man zu viel davon getrunken hatte, dem Wein magische Bedeutung verliehen haben. Aber auch damit lässt sich das Geheimnis um den Wein nicht wirklich lüften. Warum wurde gerade der Wein auf den Thron der von Menschenhand bereiteten Getränke erhoben?

     Kein anderes von Menschen erzeugte Getränk hat sich so tief mit der Kultur und Religion verbunden, ist so tief in Fest und Feier, Kult und Rituale eingedrungen wie der Wein. Dass dieser bei den Griechen im Kult zu Ehren des Weingottes Dionysos, der dann bei den Römern im Namen des Weingottes Bacchus seine Fortsetzung fand, in hemmungslose Orgien entarten konnte, darf nicht dem Wein angelastet werden, sondern ist den Menschen zuzuschreiben. Und daran hat sich bis heute nichts geändert. Wer sich nicht mäßigen kann und zu viel von diesem vergorenen Rebensaft in sich hineinschüttet, anstatt ihn zu verkosten, zu genießen, missbraucht den Wein wie jemand, der mit Feuer, einem Segen für die Menschheit, ein Haus in Brand steckt. Niemand gibt dafür dem Feuer die Schuld. So ist auch der Wein nicht schuld an der Selbstverstümmelung des Betrunkenen und an dem Malheur, das er in diesem Zustand anrichten kann. Wer den Wein genießen will, braucht dazu klare Sinne. Nur klaren Sinnen offenbart sich der Wein.

     Im Alten Testament heißt es im Psalm 104,15: „Der Wein erfreue das Herz“. Das ist seine Bestimmung. Im Buch Jesus Sirach steht geschrieben: „Wie Lebenswasser ist der Wein für den Menschen, wenn er ihn mäßig trinkt.“ Der große Prophet Jesaja weiß in Jes 25,6 von einem großen Festmahl Gottes für alle Völker „mit den feinsten Speisen und mit erlesenen Weinen“. Noch an vielen anderen Stellen rühmt die Bibel den Wein. An ebenso vielen Stellen warnt sie aber auch vor den Gefahren des Weins. Der Wein verkörpert zu biblischen Zeiten das Fest, gehört zu den Ritualen des Sabath, des Pascha, der Hochzeit und soll uns etwas vom endgültigen Fest Gottes mit den Menschen erahnen lassen. Jesus nimmt gerne Einladungen zu einem Gastmahl an, bei dem natürlich auch Wein getrunken wird. Er verwendet das Bild vom Weinstock, um die Verbundenheit Gott - Mensch zu erklären. Der heilige Benedikt, der Mönchsvater, gesteht seinen Mönchen die berühmte Hemina Wein zu, von der man allerdings nicht weiß, wie viel das ist. Die heilige Hildegard von Bingen glaubt an die therapeutische Wirkung des Weines. Aber nur maßvoll genossen könne er heilend sein. Von ihr gibt es viele Kräuterrezepturen, für deren Zubereitung Wein benötigt wird. In den Gaben von Brot und Wein feiern katholische, orthodoxe und anglikanische Christen das tiefste Geheimnis ihres Glaubens.

     Wie entsteht guter Wein? Gute Weine werden nicht einfach gemacht, sie werden komponiert. Der Kellermeister schreibt in das Notenblatt der Natur die Partitur des Weines hinein. Den aufmerksamen Genuss eines edlen Weines könnte man mit dem Hören einer Sinfonie vergleichen. Man kann dabei die Partitur des Weines, seine Noten aus Farbe, Duft und Geschmack zu lesen versuchen. Ein gutes Glas Wein könnte man auch mit einem Text voller Poesie vergleichen, den man nicht einfach liest, sondern erlebt. Wein sei in Flaschen gefüllte Poesie, hat einmal ein Dichter und Weinliebhaber treffend formuliert.  Wein verrät etwas von der Seele des Landes und der Menschen, von denen er kommt. Er ist Ausdruck der Verbindung von Mensch, Landschaft, Kultur und Geschichte.

     Schon das Kredenzen von Wein hat etwas mit Zelebrieren zu tun. Das Entkorken der Flasche ist kein Kraftakt, sondern ein Ritual. Das Befüllen der Gläser geschieht nicht achtlos, sondern lässt die Wertschätzung des Inhaltes erkennen. Dann schenkt man der Farbe des Weins seine Aufmerksamkeit, in dem man das Glas etwas schräg hält, um die Farbnuancen besser zu erkennen, schnuppert am Glas, schwenkt es ein paarmal, damit der Wein sich mit Luft vermischt und so seine Aromen verstärkt, und schnuppert wieder, um dem Wein seine Duftaromen eindrucksvoller zu entlocken. Wenn man die Freude an diesem Glas Wein mit jemandem teilen darf, dann stößt man die gefüllten Gläser vorsichtig aneinander, bringt sie zum Klingen, begleitet von guten Wünschen, die man einander zuspricht. Dann erst nimmt man fast andächtig den ersten Schluck, umspült damit geräuschlos Zunge und Gaumen, um einen Eindruck der verschiedenen Geschmacksnoten zu gewinnen. Nachdem der Wein schon so viel Aufmerksamkeit bekommen hat, darf er schließlich die Kehle hinunter seiner Bestimmung zufließen. Manche halten danach noch etwas inne und prüfen, wie lange die Geschmacksaromen im Mund noch anhalten. Dieses stilvolle Geschehen ist wie ein Zelebrieren. Der große Schriftsteller Ernest Hemingway meinte einmal, verzaubert von einem guten Glas, der Wein sei eines der größten Zeichen der menschlichen Zivilisation.

 

© Josef Gredler