Josef Gredler

Sexueller Missbrauch durch Priester und Bischöfe erschüttert die Kirche

 

Papst Franziskus beklagt auf dem Rückflug vom Treffen der Religionen in Abu Dhabi öffentlich sexuellen Missbrauch von Nonnen durch Priester und Bischöfe. Mit dieser Selbstanklage im Namen der katholischen Kirche löst er ein Beben aus, innerhalb der Kirche und auch außerhalb. Die ehemalige Nonne Frau Doris Wagner berichtet in einem Vieraugengespräch mit Kardinal Schönborn – das Bild geht um die Welt – im Studio des Bayrischen Rundfunks, dass sie von einem Priester mehrfach vergewaltigt worden ist. Jahrelang hat sie vergeblich versucht, einen hohen kirchlichen Verantwortungsträger zu finden, der zu einem Gespräch mit ihr in dieser Causa bereit ist. Kardinal Schönborn hört sie an, hört ihr auf Augenhöhe zu und glaubt ihr. Und räumt ein, dass er als Jugendlicher selber Opfer eines sexuellen Annäherungsversuches durch einen Priester geworden war. Der 88-jährige Kardinal McCarrick von Washington wird vom Papst wegen schweren sexuellen Fehlverhaltens gegenüber Minderjährigen vom Papst nicht nur als Kardinal abgesetzt, sondern seines priesterlichen Amtes enthoben und in den Laienstand versetzt. Ein hochrangiger Vertreter der Glaubenskongregation im Vatikan, Mitglied der ordensähnlichen Organisation „Das Werk“, muss unter dem Druck des Vorwurfs der Vergewaltigung zurücktreten. Schwere spirituelle, seelische, körperliche und sexuelle Gewalt – von sexueller Sklaverei durch Kleriker wird berichtet – , schwerste Schuld kirchlicher Verantwortungsträger mit seelischen und körperlichen Schäden, ausgeübten Zwang zur Abtreibung und auch Suizid von Opfern sind unglaubliche Realität geworden, auch wenn in konkreten Einzelfällen noch die Unschuldsvermutung gelten muss. Unvorstellbares, bisher nicht Geglaubtes ist wahr geworden. Dunkle Gewitterwolken ziehen auf am Himmel über der Kirche des Jesus von Nazaret, den Johannes in seinem Evangelium sagen lässt „ich bin das Licht der Welt“.

Als Verfasser dieser Zeilen bekenne ich mich ausdrücklich zu dieser Kirche, in der ich die Zelte meines Lebens aufgeschlagen habe, und suche mit folgenden kritischen und auch anklagenden Worten, enttäuscht, traurig, wütend, Wege aus der Dunkelheit zu skizzieren, die über die Kirche hereingebrochen ist. Wie ein Krebsgeschwür haftet dieser Missbrauch an der Kirche. Die Befürchtung, dass dieses Krebsgeschwür Metastasen über den ganzen Körper verstreut hat, ist berechtigt. Die Kirche, die von ihren Gläubigen, wenn sie vom Weg des Evangeliums abgekommen sind, Umkehr verlangt, bedarf jetzt selber tiefgreifender Umkehr und Erneuerung. Die Kirche muss in sich gehen und sich als Institution angesichts der verbrecherischen Vergehen hinterfragen, ihr Gewissen erforschen, wie sie es ihre Gläubigen gelehrt lehrt, ihre Schuld bekennen, öffentlich die Opfer um Vergebung bitten und Wiedergutmachung versuchen, soweit das hinterher überhaupt möglich ist. Jeder einzelne kirchliche Verantwortungsträger, der sich solcher sexuellen Übergriffe schuldig gemacht hat, muss sich vor der staatlichen und kirchlichen Gerichtsbarkeit verantworten und den Weg seiner individuellen persönlichen Umkehr gehen. Aber auch die Kirche als Institution muss in sich gehen und Wege der Umkehr, der Läuterung und Erneuerung finden.

Wenn der Papst von sich aus gegenüber der Weltöffentlichkeit den Missbrauch von Nonnen durch Priester und Bischöfe gesteht, wenn Kardinal Schönborn der vergewaltigten Ex-Nonne Zeit, Gehör und Glauben schenkt, dann zeigen beide damit, welches der erste Schritt der Umkehr sein muss: endlich aufhören damit, dass die Kirche Versagen und Schuld kirchlicher Verantwortungsträger verschweigt und zudeckt. Auch jetzt gibt es viele kirchliche Amts- und Würdenträger, die glauben, der Papst hätte diese Vergehen von Priestern und Bischöfen besser für sich behalten und verschwiegen. Das Verschweigen von Vergehen ihrer Amtsträger darf aber nicht weiter gängige kirchliche Praxis sein, denn dieses Verschweigen wird zur großen Mauer, hinter der solche Übergriffe sich verstecken können und geschützt werden. Die Kirche muss beginnen, diese Mauern einzureißen und zu schleifen, um der Welt ehrlich gegenüberzutreten, auch in ihrem Versagen und in ihrer Schuld. Von der römischen Kurie über die diözesanen Ämter in der Welt bis hinunter zu den pfarrlichen Kirchenstrukturen vor Ort muss dieses Verschweigen und Zudecken aufhören und dürfen nicht mehr jene feindselig betrachtet und behandelt werden, die Versagen und Schuld von Klerikern aufzeigen, anzeigen, öffentlich machen. Kirchliche Insider wissen, dass es noch immer so ist, nicht überall, aber an vielen zentralen Stellen und versteckten Nischen noch immer praktizierte Realität ist. Man darf nicht Opfer und Täter vertauschen, die Überbringer der unliebsamen Anklage selber auf die Anklagebank setzen. All jene zurückzuholen in ihre kirchliche Funktion, die diese verloren haben, weil sie den Mund aufgemacht haben, ist ein unverzichtbarer Schritt dieser Umkehr und Erneuerung. Angst vor innerkirchlicher Verfolgung nimmt Opfern den Mut, den Missbrauch an ihnen öffentlich anzuklagen.

Hierarchische Unterschiede dürfen nicht länger solche Übergriffe erleichtern oder ermöglichen, weil man gegen den hierarchisch Übergeordneten keine Chance hat, ihm gegenüber schutz- und hilflos ist. Das hat besonders Frauen und Kinder getroffen. Was hätte eine Nonne nach der Vergewaltigung durch einen Bischof denn tun können? Zum Generalvikar gehen? Einen Brief an den übergeordneten Kardinal oder an die Kurie in Rom schreiben? Die Kirche muss aufhören, a priori den Ranghöheren reflexartig zu schützen, indem sie einfach der oder dem Rangniedrigeren misstraut oder gar nicht erst glaubt. Die Weihe macht den Geweihten automatisch zum Ranghöheren gegenüber dem Nichtgeweihten. Auch das Geschlecht darf nicht länger ein Glaubwürdigkeitskriterium sein, im Sinne von männlich vor weiblich. „Männlich und geweiht“ ist für eine Frau eine unüberwindbare Hürde. So wurde eine sexuell missbrauchte geistliche Schwester aus dem Orden entlassen, während der geweihte Herr Prälat noch immer im Amt ist, so Kardinal Schönborn im Bayrischen Rundfunk. Die sakrale Erhöhung des geweihten Priesters begünstigt sexuelle Übergriffe. Hierarchische Unterschiede dürfen nicht länger Kriterium für die Wahrheitsfindung sein. Diese zwar nicht offizielle, aber doch geübte kirchliche Praxis muss ein- für allemal beendet werden. Seelische, körperliche, sexuelle Vergehen an Frauen durch Kleriker sind in der Kirche auch systembedingt, haben auch strukturelle Ursachen. Hier muss eine tiefgreifende innerkirchliche Reflexion einsetzen. Die Kirche wird ihre grundsätzlich hierarchische Struktur nicht aufgeben, aber strukturelle Spitzen und Kanten, systemische Begünstigung solcher Vergehen an Frauen durch Kleriker müssen beseitigt werden und hierarchische Strukturen durchforstet und gereinigt werden.  

Diese sexuellen Missbrauchsfälle sind auch in einem Zusammenhang mit der Frauenfrage in der Kirche zu sehen. Macht, Recht, Rang, Amt sind in der Kirche nach wie vor männliche Kategorien, die verhindern, dass eine Frau kirchlichen Amtsträgern auf Augenhöhe gegenübertreten kann. Die sexuellen Missbrauchsfälle haben einen direkten Zusammenhang mit der Machtüberlegenheit der Täter. Wenn Bischöfe Schwestern eines Klosters wie Prostituierte behandeln können, dann beweist das die Macht der Täter bzw. die Ohnmacht der Opfer. Wenn eine Nonne im Beichtstuhl vom Priester sexuell bedrängt werden kann, dann hat das mit der männlichen Macht des kirchlichen Amtes, des sündenvergebenden Priesters zu tun. Die traditionelle Moraltheologie wurde von Männern geschrieben. Frauen hatten da kein Mitspracherecht, sie werden dieser von Männern verfassten Moraltheologie jedoch verpflichtet. Könnte sein, dass Männer quasi als Mitautoren mehr dazu neigen, sich über diese Moraltheologie zu erheben bzw. zu glauben, sich „fallweise“ darüber hinwegsetzen zu können? Könnte es sein, dass die Obsession der traditionellen Moraltheologie auf das 6. Gebot etwas damit zu tun hat, dass diese von geweihten Männern, die selber zu zölibatärem bzw. sexuell enthaltsamem Leben verpflichtet sind, bis in verwunderliche und fragwürdige Einzelheiten festgelegt wurde? Da stimmt doch etwas nicht.

Sr. Beatrix Mayrhofer, Präsidentin der Vereinigung der Frauenorden Österreichs, fordert eine Ombudsstelle für Ordensfrauen. Solche Ombudsstellen – von Frauen besetzt, die in ihrer Verantwortung nicht kirchlicher Leitung unterstehen, also unabhängig sind – müssen möglichst rasch in allen Diözesen eingerichtet werden. Jede Diözese sollte zur Errichtung einer solchen Ombudsstelle verpflichtet werden. Jede Ordensfrau muss anonym und geschützt, ohne Angst vor kirchlichen Repressalien dort Hilfe suchen können und bekommen, wenn sie bedrängt, missbraucht oder vergewaltigt worden ist. Das Fehlen solcher Einrichtungen offenbart die Schutzlosigkeit von Ordensfrauen, wenn geistliche Männer sie bedrängen und missbrauchen.

Papst Franziskus hat wegen dieser unglaublichen Vergehen und Verbrechen durch kirchliche Amtsträger die Bischöfe zu einer Missbrauchskonferenz in den Vatikan Rom geladen. Wunder sind dort nicht zu erwarten, aber erste Schritte müssen getan werden. Es wird ein schwieriges Vorhaben, weil nicht das ganze Bischofskollegium in dieser Causa so denkt wie der Papst oder wie Kardinal Schönborn. Nicht alle werden ihre Gegnerschaft offen zeigen, aber mit angezogener Handbremse mutige Schritte aus der Krise zu verhindern suchen. Vielleicht ist der Mut des Papstes und jener Bischöfe, die da mit ihm im gleichen Boot sitzen, noch größer. Einen Zusammenhang zwischen Pflichtzölibat und diesen sexuellen Vergehen von zum Zölibat verpflichteten Klerikern zu behaupten ist voreilig, darf aber nicht von vornherein ausgeschlossen werden. Eine offene Diskussion darüber stellt nicht den Wert des Zölibats in Frage, wohl aber den Pflichtzölibat, der manchen Klerikern zu einem „Gefängnis“ werden kann. Aber sich darüber Gedanken machen und darüber diskutieren sollten die Bischöfe in Rom schon. Dass eine kategorische Verpflichtung zu sexueller Enthaltsamkeit manche Priester derart überfordert, dass es zu solchen abwegigen und verbrecherischen „Ausbruchsversuchen“ aus ihrem „zölibateren Gefängnis“ kommt, sollte nicht von vornherein aus der Diskussion bzw. von der Tagesordnung genommen werden. Alle teilnehmenden Bischöfe sollten die Bücher von Doris Wagner, „Nicht mehr ich – die wahre Geschichte einer jungen Ordensfrau“ und „Spiritueller Missbrauch in der katholischen Kirche“ gelesen haben.

Die Zelte meines Lebens bleiben weiterhin in dieser Kirche aufgeschlagen. Die Kirche besteht ja nicht nur aus Klerikern, die zu sexuellem Missbrauch bereit und fähig sind. Sie sind innerkirchlich eine Minderheit, die den Opfern ihrer verbrecherischen Übergriffe großen Schaden zugefügt hat und auch ihrer Kirche. Die Zelte meines Lebens bleiben in dieser Kirche aufgeschlagen, weil ich in ihr Jesus von Nazaret am besten begegnen, ihn in ihr am tiefsten erfahren kann, sein Wort in ihr lebendig bleibt.

 

© Josef Gredler