Josef Gredler

Notwendige Schritte der Kirche aus dem sexuellen Missbrauch an Kindern und Jugendlichen durch kirchliche Amtsträger

 

Die Fälle von sexuellem Missbrauch an Kindern und Jugendlichen durch Priester bzw. Geistliche erschüttern die Kirche bis in ihre Grundfeste. Jeder einzelne sexuelle Missbrauch eines Kindes durch eine Person im kirchlichen Dienst ist einer zu viel und ein Skandal, aber es wird von einer erschreckend hohen Zahl solcher Fälle berichtet, von Abertausenden in verschiedenen Ländern. Viele Missbrauchsfälle sind durch kirchliche und staatliche Gerichte bereits erwiesen. Tausende stehen noch zur Untersuchung bzw. Erhebung an. Mit Entsetzen, Abscheu und Wut reagieren Menschen auf diese Meldungen des Unbegreiflichen. Menschen, die überlegt haben, ihre Tür zur Kirche wieder aufzumachen, schlagen diese angewidert wieder zu und wollen mit einer „solchen Kirche nichts zu tun haben“. Für viele sind diese skandalösen Vorfälle Anlass zum vernichtenden verallgemeinernden Urteil „so ist die Kirche“. Aber alle Empörung, Wut, Traurigkeit, vernichtende und verachtende pauschale Verurteilung der Kirche von außen sind nichts gegen die Wunden, die jenen zugefügt worden sind, die – anstatt durch die Kirche die liebenden „Hände Gottes“ zu spüren – am eigenen Leib erfahren haben müssen, wie Vertreter der Kirche sich ihnen nähern, um sie sexuell zu missbrauchen. Der für die Kirche dadurch entstandene Schaden muss hinter den Schädigungen, die in Kindern angerichtet worden sind, an die zweite Stelle rücken, also zweitrangig sein. Das schlimmste Unheil ist in den Herzen dieser missbrauchten Kinder angerichtet worden.

Seit Jahrzehnten fegen sexuelle Missbrauchsmeldungen wie Hurrikans durch die internationalen Medien und hinterlassen ein Spur der Zerstörung, nicht umgestürzte Bäume und eingestürzte Häuser, nicht überschwemmte Landstriche und vermurte Siedlungen, nicht verbrannte Wälder, sondern inwendig schwer verletzte Opfer, damals noch Kinder oder Jugendliche, eingestürztes Vertrauen, zerstörte Hoffnungen, Verwüstungen in den Herzen der Opfer und ihrer Angehörigen, verbrannte Seelen… Ich schreibe diese Zeilen nicht von außerhalb der Kirche. Ich gehöre zu dieser Kirche, sie ist auch meine Kirche, ich will mit und in ihr leben; ich hoffe, glaube, leide und freue mich in und mit ihr. Ja, diese Kirche, von der diese furchtbaren Vergehen an Kindern berichtet werden, ist meine Kirche und wird es bleiben. Aber diese abscheulichen, abartigen Vergehen und Verbrechen durch Menschen, die wie ich in der Gemeinschaft der Kirche sich auf das Wort und Leben Jesu berufen, erfüllen mich mit großer Traurigkeit und maßlosem Entsetzen. Papst Franziskus findet in einem Brief dazu dramatische Worte, schreibt von Scham und notwendiger Reue.

Diese Kirche muss zuallererst sich diesen Vorwürfen und Anschuldigungen stellen und selber eine schonungslose Aufklärung in Gang setzen, ans Tageslicht holen, was sonst im Dunkel des Verdrängens und Verbergens versinken könnte. In der Vergangenheit der Kirche gibt es diesbezüglich leider schwere Versäumnisse. Schonungsloses Aufklären ist für die Kirche, die bisher immer wieder auch mit der Neigung zum Zudecken und Verstecken behaftet war, ein Novum. Schonungslose Aufklärungsarbeit mit einem „Null-Toleranz-Prinzip“, wie Papst Franziskus fordert, ist das unverzichtbare Gebot angesichts dieser abertausendfachen Vergehen und Verbrechen. Eine Entschuldigung allein wird da zu wenig sein. Da wird es schon einer umfassenden Erklärung mit schmerzerfülltem Schuldeingeständnis und demütiger Vergebungsbitte gegenüber den Opfern, dem Kirchenvolk und der Weltöffentlichkeit bedürfen. Kirchliche Verantwortungsträger müssen da quasi den Kopf hinhalten für Vergehen und Verbrechen, die nicht sie persönlich begangen haben.

Eine solche umfassende weltöffentliche Vergebungsbitte darf aber nicht nur an den Lippen kleben, sie muss spürbar werden in einem Prozess der Umkehr und Erneuerung der Kirche. Kirche muss lebendig sein und sich immer erneuern, fordert Innsbrucks Diözesanbischof Hermann Glettler. Wo teilweise Heilung der Opfer möglich ist, muss sich die Kirche unter Aufbietung all ihrer Möglichkeiten mit allergrößtem Einsatz darum bemühen. Das Gebet um Heilung für Opfer und Betroffene muss in der Kirche präsent bleiben, aber es darf nicht beim Gebet bleiben. In vielen Fällen wird Heilung nicht mehr möglich sein, höchstens ein aufrichtiger Versuch einer teilweisen Wiedergutmachung. „Entschädigungsleistungen“ können nicht wirklich entschädigen, aber sie sind eine ganz notwendige Geste der Versöhnung. Die Anführungszeichen sind berechtigt, damit das Wort nicht zum Hohn wird und den Opfern spottet. Geld kann nicht entschädigen für das, was passiert ist, aber zusammen mit dem Schuldeingeständnis und einer Vergebungsbitte eine Geste der Wiedergutmachung und Versöhnung sein. Psychotherapeuten, die sich um Missbrauchsopfer bemühen, sagen, dass für Opfer beides sehr wichtig ist, um wieder einen teilweisen inneren Frieden finden zu können.

Dieser Missbrauchsskandal, mit dem die Kirche behaftet ist, muss zu einem tiefen In-sich-Gehen und einer daraus folgenden Erneuerung führen, einem Aufbruch in eine neue Zukunft der Kirche, die sich am Wort des Evangeliums neu festgemacht hat. Eine solche Kirche muss sich verabschieden von Machtansprüchen, die Institutionen, Organisationen, Systemen – auch kirchlichen – … eigen ist. Bischof Hermann Glettler drückt diese Anforderung klar aus, wenn er sagt, die Kirche müsse „auf Macht und Privilegien verzichten, wo es nur geht“, ihre Entscheidungen müssen aus dem Auftrag Jesu erfolgen, Dienst an den Menschen zu sein. Ein zukunftsweisendes Wort! Eine solche Kirche hat dann ihre Blickrichtung verändert: nicht auf sich selbst gerichtet, sondern auf die Menschen, weil sie sich dem Wort Jesu, Diener zu sein (Mk 10,43-44), neu verpflichtet weiß.

Dieses Wort Jesu ist nicht neu, zwei Jahrtausende schon niedergeschriebenes Wort Gottes. Die Kirche hat dieses Wort zwar nie in Frage gestellt, aber es wurde von ihren Vertretern „oben“ und dem einfachen Volk Gottes „unten“ oft nachlässig oder falsch ausgelegt. Dieses Wort muss hineinreichen in das kirchliche Tagesgeschäft und die kirchlichen Amtsstuben, wo täglich Entscheidungen getroffen werden – Personalentscheidungen, finanzielle Entscheidungen, strukturelle Entscheidungen, programmatische Entscheidungen der Kirche müssen immer transparent bleiben auf das Evangelium hin. „Auf Macht und Privilegien verzichten, wo es nur geht“ ist ein sehr mutiges, radikales Wort. Es ist ein Aufruf zur Erneuerung ganz von innen. Eine Kirche mit einem lebendigen und unmittelbaren Vertrauen auf die Verheißung Jesu wird es wagen, sich ihrer Privilegien und Macht zu entblößen und sich mit dem Mantel des Evangeliums zu bekleiden. Das ist jedoch nicht nur Auftrag für jene, die in der Kirche „oben“ sind oder „drinnen“ in den kirchlichen Amtsstuben sitzen, sondern natürlich auch für jene „unten“, auch für den Schreiber und die Leserinnen und Leser dieser Zeilen. Die Botschaft des Evangeliums ziehe ein in die kirchlichen Amtsstuben, aber auch in unsere Herzen, verbinde oben und unten, innen und draußen, die Starken mit den Schwachen, die Gesunden mit den Kranken, die Reichen mit den Armen, die Großen mit den Kleinen, die Satten mit den Hungernden, das Fremde mit dem Vertrauten…

Als eine unverzichtbar prophylaktische Maßnahme, solche Missbrauchsfälle künftighin zu verhindern, braucht es eine von Bischof Glettler geforderte „Kultur des Hinschauens“ statt eines verantwortungslosen Wegschauens. Viele dieser Missbrauchsfälle waren nur möglich, weil andere, wissend um die fatale Neigung der Täter und auch um ihre skandalösen Taten, weggeschaut haben. Auch dieses Wegschauen ist zur großen Schuld geworden, die der Umkehr bedarf. Der Vorwurf des Wegschauens an kirchliche Mitwisser steht unüberhörbar im öffentlichen Raum. Die Kirche muss gegen solche Mitwisserschaft ebenso vorgehen und ihr Verhalten als verbrecherisch erkennen wie die Verbrechen selber. Priester, die sich sexueller Vergehen an Kindern schuldig gemacht haben, dürfen nicht einfach – wie bisher doch immer wieder der Fall – bloß in eine andere „weit genug“ entfernte Gemeinde versetzt werden, sondern müssen sich innerkirchlich umfassend verantworten und auch vor der öffentlich-staatlichen Gerichtsbarkeit.

Einen Zusammenhang zwischen dem Pflichtzölibat und den Missbrauchsfällen darf man nicht vorschnell behaupten, aber ebenso wenig darf man einen solchen a priori ausschließen. Sich dieser Frage vorweg grundsätzlich zu verschließen heißt, sich einem aufmerksamen Hinschauen verschließen. Deshalb sollte die Kirche ein Expertenteam bilden, das sich profund mit der Frage beschäftigt, ob zwischen Pflichtzölibat und sexuellem Missbrauch ein Zusammenhang gesehen werden muss.  

Papst und Bischöfe können diese umfassende und in die Tiefe gehende Erneuerung nicht einfach herbeiführen, verordnen, sondern nur mutig anregen, einmahnen und ihr vorangehen. In aller Traurigkeit über das Geschehene sind die Worte des Papstes und unseres Bischofs und vieler anderer kirchliche Amtsträger Lichtblicke in eine hoffentlich neue kirchliche Zukunft. Eine solche Erneuerung von innen ist DIE Herausforderung der Kirche auf dem Weg in eine neue Zukunft. Dazu muss die Kirche auch selber allen Mut zusammennehmen und sich bewegen, weil sie angesichts dessen, was geschehen ist, nicht einfach verharren kann.

 

© Josef Gredler