Josef Gredler

Ich habe Zeit, ich bin in Pension

 

Immer wieder, wenn jemand glaubt, sich bei mir entschuldigen zu müssen oder zumindest um Verständnis und Geduld zu bitten, dass es noch dauert, sage ich gerne: „Ich habe Zeit, ich bin in Pension.“ Ein überraschtes Erstaunen ist meist die Folge, manchmal fast ein leichtes Erschrecken. Damit hat der Herr oder die Dame nicht gerechnet.  Ich sage das aber nicht als leere Floskel oder um jemand zu erschrecken, sondern meine es ernst. Der oder die Gegenüber soll sich tatsächlich keinen Stress machen, denn ich habe bzw. nehme mir wirklich Zeit und ich bin tatsächlich in Pension. Als ich noch mit Leidenschaft meinen Beruf ausübte, war das natürlich nicht ganz so, obwohl ich im Blick zurück glaube, dass auch da so mancher Stress vermieden werden hätte können. Es gehört ja schon fast zur Selbstachtung, von sich sagen zu können, dass man keine Zeit hat. Könnte es sein, dass man sich für umso wichtiger und unentbehrlicher hält, je weniger Zeit man hat? Ist Zeitmangel ein Statussymbol geworden, ein Parameter für die Wichtigkeit einer Person? Wie auch immer, ich habe mir vorgenommen, in der Pension Zeit zu haben. Nicht Müßiggang meine ich oder Langeweile, sondern das Recht, eins nach dem anderen zu tun, und das ohne in Atemnot zu geraten. Dem Vorsatz bin ich treu geblieben. Ja ich habe Zeit, denn ich bin in Pension. Eigentlich bin ich ja deshalb in Pension gegangen, um nach vierzig Jahren den Fuß vom Gaspedal des beruflichen Lebens nehmen zu können, einen neuen Lebensabschnitt in einer neuen Weise des Lebens zu beginnen. Das ist wohl auch der Sinn der Pension.

Dieses Zeit-haben, das Warten-können bereichert das Leben. Warten heißt nicht unnütz dastehen und kostbare Zeit verrinnen lassen. Wartezeiten können sehr wertvoll sein. Immer wieder Tempo herauszunehmen hilft, immer wieder auch zur Ruhe und zu sich selbst zu kommen. So ein inwendiges Verschnaufen tut gut. Man kann sich Gedanken machen, Aufmerksamkeiten leisten, um „Dinge“ wahrzunehmen, die man sonst nicht vor das Auge oder die Seele bekommen hätte. Ein Leben, das nicht von der Eile, der fehlenden Zeit diktiert wird, fühlt sich doch gut an. Man muss manchmal den Mut zusammennehmen und zu sagen wagen „ich bin in Pension, ich habe Zeit.“ Man bekommt ein neues Gespür für die Zeit, wenn man sie wartend und geduldig immer wieder auch genießt. Da hat man soeben den Bus versäumt und könnte sich richtig ärgern. Aber man kann sich auch hinsetzen auf die Bank und Vieles vor dem inneren Auge vorbeiziehen lassen und die zwanzig Minuten, bis der nächste Bus kommt, einfach genießen, für Ruhe „nutzen“. Sie sind keine verlorene Zeit, sie können gewonnene Zeit sein, unverhofft gewonnen. Man kann sie annehmen wie ein Geschenk. Wenn man mit diesen frei gewordenen Minuten nichts anzufangen weiß, dann werden sie zur Strafe, zur Qual. Wer er nicht aushält, wenn er nichts zu tun hat, hat ein Problem. Die Dame am Schalter sollte endlich aufhören zu telefonieren, denn ich bin jetzt an der Reihe und habe es eilig. Es gibt ganz gewiss immer wieder gute Gründe, dass man es tatsächlich eilig hat, weil… Aber oft ist die Eile und, damit verbunden, die Ungeduld einfach eine Gewohnheit, ein Dauerzustand. Man kann die Ruhe. Die Geduld, das Warten verlernen.

Darf ich – heutzutage – überhaupt Zeit haben? Ist das nicht peinlich, so etwas von sich zu sagen? Was sollen denn die anderen von mir denken? Tatsache ist, dass viele Menschen viel Energie für das verwenden bzw. verbrauchen, was die anderen von ihnen denken sollen. Zeit haben, sich Zeit nehmen hat nichts mit mangelndem Arbeitseifer, fehlender Motivation oder Trägheit zu tun. Zeit haben, sich Zeit nehmen heißt, die Prioritäten des Lebens nicht der Geschwindigkeit anzuvertrauen. Es ist schon etwas dran an dem Spruch „gut Ding braucht Weil“. Manche „Dinge“ sind nicht gut, können nicht gut sein, weil sie aus der Hast geboren sind. Da kann man vieles übersehen, da unterlaufen einem leicht Fehler, da ist die Versuchung zur Oberflächlichkeit schon sehr groß. Ein arabisches Sprichwort sagt sogar, dass die Eile des Teufels ist. Es ist aus der Erfahrung geboren worden.

Dieses Plädoyer für das Zeit-haben und die damit verbundene Ruhe und Gelassenheit ließe sich noch lange fortsetzen. Es kommt nicht aus der naiven Ignoranz, die nicht weiß, wie sehr Zeitdruck ein Merkmal des heutigen Lebens geworden ist und dass viele Menschen unter diesem Druck leiden und manche auch zusammenbrechen. Zu meinen, jeder und jede könne es sich ganz locker selber so einrichten, dass man stets genügend Zeit hat, ist schlichtweg Dummheit. Aber die Gefahr, dass man sich von der fehlenden Zeit am Arbeitsplatz und der beruflichen Hektik auch in seinem Privatleben anstecken lässt und die Hektik und die Unruhe mit nach Hause nimmt, sollte man nicht übersehen. Natürlich kann man Beruf und Privates nicht immer ganz so trennen, da gibt es natürlich unvermeidbare Wechselbeziehungen und Überschneidungen. Aber man muss sehr aufpassen, dass das berufliche „ich habe keine Zeit“ nicht gedankenlos, ungeprüft, fast automatisch zur privaten Lebensmaxime wird. „Ich habe keine Zeit“ kann auch Gewohnheit oder billige Entschuldigung und Ausrede werden. Dieses „ich habe keine Zeit“ muss sich immer dem moralischen Auftrag jedes Menschen stellen, sich für die wichtigen „Dinge“ auch die notwendige Zeit zu nehmen. Wir müssen immer wieder unsere Prioritäten in unserem Zeitbudget überprüfen.

„Keine Zeit haben heißt nicht wollen“ – dieser Spruch ist zu neunzig Prozent falsch, aber wenn wir mit den zehn Prozent, die daran richtig sind, unsere eilige und hastige und eben auch oberflächliche Lebenspraxis überdenken und korrigieren, dann könnten wir unsere „Lebensqualität“ nachhaltig verbessern.

 

© Josef Gredler