Josef Gredler

Phänomen Weihnachten

 

Weihnachten ist das Fest, das über die Grenzen von Ländern, Ethnien, Kulturen, Religionen und Konfessionen hinaus fast weltweit die Gemüter bewegt. Mitunter bringt Weihnachten in Kriegsgebieten sogar die todbringenden Geschütze – für eine Nacht zumindest – zum Verstummen.  Kein Fest hat weltumspannend einen solch emotionalen Stellenwert erreicht, lässt den Seismograph der Gemütsregungen höher ausschlagen. Weihnachten ist gewissermaßen das Fest der Feste. Aber warum konnte gerade Weihnachten zu einem nahezu globalen Fest von solch unvergleichlicher emotionaler Bedeutung werden?

Wenn man eine Antwort darauf sucht, stellt sich zwangsläufig die Frage, was denn die Menschen zu Weihnachten feiern. Es muss einen ganz ausnehmenden Grund geben, der Menschen weltweit inwendig so bewegt. Aber man sucht diesen Grund vergebens. Wir Christen feiern zu Weihnachten in der Geburt Jesu die Menschwerdung Gottes. Aber statistisch fällt dieser Grund kaum ins Gewicht. Er erklärt das globale Phänomen Weihnachten nicht. Weihnachten mögen zwar wir Christen „erfunden“ haben, aber es gehört uns schon längst nicht mehr allein. Jahr für Jahr werden weit mehr Christbäume gekauft und geschmückt, als es bekennende Christen gibt. Die Lichterketten, die schon Wochen vor Weihnachten die Straßen unserer Städte erhellen, würden dies auch ohne uns Christen tun. Es werden viel mehr Geschenke gekauft, verpackt, verschenkt, geöffnet, als Christen an die weihnachtliche Menschwerdung Gottes glauben. Weihnachtslieder mit zum Teil ganz rührselig frommen Texten werden auch von Menschen gesungen, die keine Sekunde das für wahr halten, was sie da singen. Trotzdem verändert Weihnachten jedes Jahr für kurze Zeit – und wenn es nur ein paar Stunden sind – das Antlitz der Welt. Und wäre man blind, man könnte Weihnachten sogar hören. Es wäre völlig unmöglich, den weihnachtlichen Klängen zu entgehen. Man müsste sich die Ohren zuhalten, Radio und Fernsehen meiden, ebenso Geschäfte und Geschäftsstraßen. Und könnte man weder sehen noch hören, dann würde man Weihnachten vielerorts sogar riechen können… Weihrauch, der verbrannt wird, Glühwein, Punsch und Backwerk, deren Geruch Stadtplätze und Weihnachtsmärkte füllt, Feuerwerkskörper, die irrlichternd in den weihnachtlichen Himmel gejagt werden… Menschen suchen fieberhaft Weihnachten bzw. die damit verbundenen Regungen des Gemüts, inszenieren Weihnachten auf alle möglichen und auch unmöglichen Arten und Weisen, möglichst für alle Sinne, um jene Befindlichkeit zu erzeugen, nach denen sie hungern.

Ja es gibt diesen Hunger nach weihnachtlichen Gefühlen, nach Wärme, Geborgenheit, Liebe, Stille und Frieden – entstanden und genährt in den emotional ausgezehrten Seelen von Millionen. Das weihnachtliche Fastfood für die Seele kann diesen Hunger nur kurzfristig stillen und dann ist er wieder da dieser Hunger, den man gestillt glaubte. Wer den gemütsschwangeren vorweihnachtlichen Wochen und Tagen seinen emotionalen Eigenbedarf glaubt entziehen zu können, bleibt hungrig auf der Strecke - des Lebens. Wer die Freude nicht in dem die irdischen Grenzen übersteigenden Geheimnis dieser Menschwerdung Gottes im Kind Jesus festmachen kann, verfällt leicht der Versuchung, Weihnachten machen zu wollen. Und tatsächlich scheint Weihnachten machbar geworden zu sein. Jedenfalls wird emsig Hand angelegt, um die Welt mit ihren auch dunklen Konturen und bedrückenden Zügen in eine Art Christmaswonderland zu verwandeln.  Der Hunger ist da und die weihnachtlichen „Futtertröge“ sind vielerorts aufgestellt. Für ein paar Stunden oder noch weniger sich einer weihnachtlichen Glückseligkeit, einem weihnachtlichen Feeling hingeben. Wenn man schon nicht die Wirklichkeit haben kann, dann zumindest die Illusion einer solchen.

Wir Christen sollten uns jedoch hüten vor überheblichem Herabschauen auf diese billigen, entstellenden weihnachtlichen Szenarien, mit denen Unzählige ihren Hunger nach etwas zu stillen suchen, das nicht auf Tellern liegt. Schon gar nicht dürfen wir belehrend auf den Plan treten, um mit dem inneren Finger auf alle vergeblichen und törichten Versuche zu zeigen, so etwas wie Weihnachten zu inszenieren. Auch bei diesen Weihnachtsinszenierungen geschieht viel Gutes, ohne unser Zutun. Das soziale Gewissen wird an Weihnachten leichter geweckt als zu anderen Zeiten, um Licht ins Dunkel der Ärmsten zu bringen oder Menschen in Not leichter als Brüder und Schwestern in Not zu erkennen.

Wer an Weihnachten hoffend und glaubend von dessen erlösender Verheißung erfüllt wird, die alles menschliche Verstehen übersteigt, der weiß, dass Freude, wirkliche Freude nicht wie Stuck auf die Seele aufgetragen werden kann, sondern aus der Tiefe von innen und aus der Höhe von oben kommt. Solche Freude übersteigt den Horizont des Irdischen. Der Stern von Bethlehem – seine historische Existenz ist völlig nebensächlich – oben am Himmel einer bedrohten und erlösungsbedürftigen Welt, ist die sichtbare Verheißung des Kommens Gottes in unsere unheilvolle Welt, um ihr eine neue, eine Umkehrrichtung zu geben. Die Destination der Menschen darf nicht Untergang in individueller und kollektiver Schuld und Versinken im Dunkel der Evolution sein, sondern wird umgebucht auf Vollendung all dessen, was gottgläubige Menschen Schöpfung nennen. In einem Kind in der Krippe, zu dem wir hinunterschauen, bündelt sich unfassbar alle Hoffnung, die wir nicht erfüllen können, ganz gleichgültig, ob sich das in Betlehem, in einem Stall oder anderswo ereignet hat.

Lukas hat das Kommen Gottes in unsere Welt in einer ganz rührseligen Geschichte beschrieben. Niemandem vor oder nach ihm ist es jemals gelungen, eine derart berührende Geschichte zu erzählen. Heute noch ist sie die Hülle für die Botschaft dieser Rettung verheißenden Nacht. Kunst und Musik, Literatur und darstellendes Spiel, Brauchtum und Phantasie wurden davon unerschöpflich inspiriert. Oft ist von all dem eben nur die Hülle, das eigentliche gottmenschliche Mysterium jedoch verdeckt geblieben. Der weihnachtliche Mix aus einem süßlichen Christkind, putzigen Engelchen, leuchtenden Tannenbaum, tänzelnden Schneeflocken, warmem Punsch und Weihnachtskeksen, lichtgirlandenbehangenen Fassaden mit erleuchteten Fenstern in einer weißen Winterlandschaft… ist ein Suchen und Versuchen, jene Sehnsucht zu stillen, die im Wort der Weihnacht schlummert. Wir Christen sind nur mehr am Rande an diesen Weihnachten beteiligt. Die säkularisierte Welt hat sich der Weihnacht auf ihre Weise bemächtigt, obwohl man sie niemals in Besitz nehmen kann. Die Menschen wollen auf Weihachten, eigentlich auf seine Nebeneffekte, nicht verzichten.

Was sagen die Leute auf der Straße, wenn man von ihnen wissen möchte, was Weihnachten – für sie – ist? Ein Fest des Friedens? Ein Fest der Freude? Ein Fest der Familie? Ein Fest der hunderttausend Lichter (siehe vorweihnachtliche Fernsehshow in ORF und ARD!)? Ein Fest der…? Von ganzem Herzen wünsche ich den Leserinnen und Lesern dieser Zeilen, dass ihre Freude nicht hölzern bleibt wie das geschnitzte Jesuskind in unserer Krippe oder nicht zerrinnt wie das Wachs der Kerzen auf unserem Christbaum, sondern lebendig ist, weil der lebendige Gott als Kind in unsere Welt gekommen ist und so ganz persönlich Hoffnung auf Vollendung der gesamten Schöpfung verheißt.

 

© Josef Gredler