Josef Gredler

Weihnachten aus der Vergessenheit (eine Weihnachtsgeschichte)

 

Wortlos sitzt Herr Losmann da am Fenster, wo er nach dem Mittagessen fast immer sitzt, und schaut hinaus. Ein paar Schneeflocken fallen, es muss Winter sein. Aber er schaut nicht wirklich hinaus, seine Augen suchen nichts da draußen, es ist wie ein Blick ins Leere, als sei er ganz in Gedanken versunken. Aber die Gedanken und Erinnerungen lösen sich immer mehr auf in einem großen See des Vergessens. Manchmal weiß er noch, was er gerade gegessen hat, aber immer öfter kommt es vor, dass er es nicht mehr weiß.

Vor zwei Tagen wollte eine Frau – er kannte sie nicht – von ihm wissen, was es zum Mittagessen gegeben hat. Er konnte es ihr nicht sagen. Dann behauptete diese Frau noch, sie sei seine Tochter. „Ich bin’s, die Annemarie, kennst du mich heute nicht mehr?“ Aber das Gesicht war ihm fremd, nein, er kannte es nicht. Er hat zwar eine Tochter, die auch Annemarie heißt, aber die hat er schon lange nicht mehr gesehen. Er weiß nicht, was mit ihr ist und wo sie ist. Warum kommt sie eigentlich nie? Allerdings weiß er noch gut, wie Annemarie ein kleines Mädchen war. Die Frau namens Annemarie hielt dann seine Hand, da war ihm doch, als würde er diese Hände kennen.

So schaut er beim Fenster hinaus und schaut doch nicht. Das ist nicht immer so. Manchmal schaut er den Autos zu, die unten am Parkplatz ankommen oder wegfahren, und beobachtet die Leute, wie sie aus- und einsteigen. Aber heute ist wieder so ein Tag, an dem die letzten Tage, Wochen, Monate im See des Vergessens ganz versunken sind. Wo ist er überhaupt? Er weiß es heute nicht. Und wer sind die vielen alten Leute da herinnen? Eine Frau, die aber nicht so alt ist, fragt ihn, ob er etwas trinken möchte. Dann hält sie ihm ein Glas Wasser an den Mund. Er nimmt einen kleinen Schluck, dann schaut er wieder zum Fenster hinaus, ins Leere. So vergeht Minute um Minute, manchmal der halbe Tag.

Manche sitzen wie er im Rollstuhl und warten darauf, geschoben zu werden. Wohin? Das weiß er selber nicht, aber es ist ganz angenehm, wenn der Rollstuhl sich bewegt, vorbei an den Fenstern, den langen Gang hinunter und wieder zurück, manchmal sogar mit dem Lift hinauf oder hinunter und durch den Garten. Da fasst wieder eine Frau seine Hand. Er starrt sie an. Sie sagt Papa zu ihm und sie sei die Annemarie. Und wieder fasst diese Frau seine Hände, drückt sie, hält sie fest und streichelt sie sanft. Das tut wohl. „Heute ist Heiliger Abend, Papa“, sagt sie. Heiliger Abend? Weihnachten! Erinnerungen kommen, die noch nicht im großen See versunken sind. Er sieht den schönen Christbaum in ihrer Wohnung, bis zur Decke, die Kerzen brennen, die vielen bunten Kugeln, seine Frau Anna und die kleine Annemarie, wie sie aufgeregt versucht, ein verpacktes Geschenk vom Papier zu befreien. Die Frau da heißt auch Annemarie. Was für ein Zufall! Sogar das Lied fällt ihm ein, das sie immer gemeinsam gesungen haben: „O du fröhliche, o du selige…“ Ist er kurz eingenickt?

Da schiebt die Frau Annemarie den Rollstuhl aus dem  Zimmer im zweiten Stock und fährt mit ihm den langen Gang hinunter. Warum hängen an den Fenstern überall Sterne? Weihnachten? Weihnachten! Vor der großen Weihnachtskrippe am Ende des Ganges hält Annemarie den Rollstuhl an. Herr Losmann schaut ganz anders als sonst, seine Augen suchen etwas. Allmählich tauchen Bilder längst vergangener Tage wieder auf. Er sieht die große, schöne Weihnachtskrippe vor sich, die er immer aus dem Keller geholt und aufgestellt hat. Mehrere Tage hat er dazu gebraucht. Die kleine Annemarie wich ihm dann nicht mehr von der Seite und war immer ganz aufgeregt, wickelte die Figuren aus und stellte sie einmal da und dann wieder dorthin. Zum Schluss durfte sie immer das Jesuskind in die Krippe legen.  Dabei konnte er sehen, wie ihre Augen leuchteten. Weihnachten war immer sehr schön.

Seine Augen kommen nicht mehr los vom Jesuskind, von Maria und Josef, den Engeln, den Hirten und Schafen. Auf einmal sind seine Gedanken bei der Krippe damals zu Hause. Er kann die Jahre nicht zählen, die zwischen diesen beiden Krippen liegen. Auch Frau Annemarie schaut und erinnert sich. Denken die beiden dasselbe? Dann entdeckt Herr Losmann den Stern, der über der Höhle schwebt. Auch über seiner Krippe damals hing ein Stern. Mit einem ganz dünnen Faden, den man nicht sehen sollte, hatte er ihn so an der Decke befestigt, dass er genau über der Höhle schwebte. Er sucht die drei Könige, die dem Stern gefolgt sind. Die sind noch nicht da. In der Höhle knien Hirten vor dem Jesuskind in der Krippe. „Heute ist Heiliger Abend, der David und der Michael kommen auch noch.“ David, Michael? Die Augen des Herrn Losmann sind wieder auf die Krippe gerichtet. Manchmal hält er inne, als müsste er nachdenken, als würde er sich erinnern. Ein Staunen ist in seinen Augen, die doch im Vergessen so viel loslassen müssen. Und in die schlaffen Gesichtszüge kommt etwas Bewegung. Frau Annemarie glaubt, ein Leuchten im Gesicht ihres Vaters zu sehen. Auch ihre Gedanken sind bei der Krippe, die der Papa jedes Jahr mit viel Liebe und frommer Leidenschaft aufgestellt hat und  die heute, fünfzig Jahre später, in ihrem Wohnzimmer steht, fast genauso wie damals. „Papa, weißt du noch, wie du immer mit mir die Krippe aufgestellt hast? Die steht jetzt bei uns daheim, fast genauso, wie sie damals war. Seit Stefan gestorben ist, kommt entweder David oder Michael und hilft mir.“ Ob Herr Losmann alles verstanden hat?

Sie sitzen schon fast eine Stunde vor der . Wenn Herr Losmann morgen an dieser Krippe vorbeigeschoben wird, wird er sie vielleicht anschauen, als sähe er sie zum ersten Mal. Aber vielleicht wird sie ihn wieder an seine Krippe, an seine kleine Annemarie und an seine liebe Anna erinnern. Dann wird es wieder für eine Stunde Weihnachten. Vielleicht wird er sie, Annemarie, morgen erkennen – sie wünscht es sich sehr –,  damit sie einander umarmen und frohe Weihnachten wünschen können.

 

© Josef Gredler