Josef Gredler

Damenfußball als Balsam für die wunde österreichische Fußballseele

 

Der völlige Absturz der österreichischen FußballnationalMANNschaft bei der vergangenen Europameisterschaft in Frankreich hat die österreichische Fußballseele tief ins Herz getroffen. Nach einer sehr erfolgreichen Qualifikation für die Endrunde, aus der man überraschend als Gruppensieger ohne eine Niederlage hervorging, haben dann hierzulande die Erwartungen zu ganz unrealistischen, ja absurden Höhenflügen angesetzt. Nicht nur bei den Fans, auch bei den Spielern, bei Funktionären in den Chefetagen des ÖFB, bei wirklichen und selbsternannten Experten, Kommentatoren, Analytikern... Man glaubte tatsächlich, der mittlerweile – aus arithmetischen Gründen zwar – erreichte Rang 10 in der Weltrangliste entspräche dem tatsächlichen Leistungsniveau unserer Fußballherren. Österreich war in der Selbsteinschätzung eine vermeintlich große Fußballnation geworden. Die Bäume der Erwartung waren in den Himmel gewachsen. Man hatte vergessen, dass unsere Siege in der Qualifikation gegen Montenegro und Moldawien mit jeweils (nur) einem Tor Unterschied gegen Fußballnationen eingefahren wurden, die ja in der Weltrangliste wirklich unter „ferner liefen“ rangierten. Russland und Schweden waren die zwei „gefährlichen“ Gegner, die dann allerdings in Frankreich die Vorrunde auch nicht überlebten. Unsere Qualifikationsgruppe G war nach der Vorrunde dort nicht mehr vertreten. Bleiben also ein einziger wirklich grandioser Auswärtssieg in Schweden und ein einziges beachtliches 1:0 auswärts gegen Russland als ernsthafte Parameter einer tatsächlichen Aufwärtsentwicklung. Diese zwei Highlights können aber nicht ausreichen, uns selbst in den Fußballhimmel der Großen zu hieven. Vollmundig titelten die Fußballjournalisten in den Schlagzeilen „Frankreich, wir kommen“.

Das Überstehen der Vorrunde bei der Europameisterschaft galt schon als selbstverständlich, das Viertelfinale hielt man für durchaus möglich. Auch noch Größeres wurde nicht mehr ausgeschlossen. Wenn Erwartungen wider die Vernunft so hochklettern, ist die Gefahr groß, tief zu stürzen. So kam es dann auch. Österreich legte in Frankreich eine lupenreine Bauchlandung hin, wurde brutal aus den nationalen Fußballträumen gerissen und musste den Leistungen entsprechend nach Hause fahren. Nationaler Katzenjammer, bittere Enttäuschung, eine tiefe Wunde in der österreichischen Fußballseele. Mittlerweile spielen Österreichs Fußballherren wieder dort, wo sie schon waren, mit nur noch theoretischen Chancen, sich für die Endrunde der Fußballweltmeisterschaft 2018 in Russland zu qualifizieren. Die öffentliche Schelte für Trainer und Spieler ist aber nur insofern berechtigt, als diese sich selber an dieser Fehleinschätzung und Hybris beteiligt hatten. Aber trotz ihres Misserfolgs in Frankreich schulden wir den abgestürzten Fußballern unseren Respekt. Fairerweise muss man mildernd einräumen, dass im Herrenfußball die Trauben aufgrund der Entwicklung und Leistungsdichte nochmals höher hängen als im Damenfußball.

Weil der Traum von unseren Fußballhelden in Frankreich zum Desaster geworden war, musste die ganze Euphorie einer fußballerischen Staatstrauer weichen. Dass unsere Fußballdamen sich mittlerweile heimlich und leise für die Endrunde derEuropameistermeisterschaft in den Niederlanden qualifizierten, fand in der Fußballöffentlichkeit wenig Beachtung. Während die Namen der in Frankreich erbarmungslos und blamabel abmontierten österreichischen Fußballhelden nicht nur Insidern bestens vertraut und geläufig waren, kannte man die Namen unserer Fußballnationaldamen kaum oder gar nicht. Viele wussten nicht einmal, dass es eine österreichische FußballnationalFRAUschaft hat. Diese fuhr ohne große Erwartungen zur Europameisterschaftsendrunde. Sie wollten und sollten dort erstmals punkten. 1 Punkt war die Erwartung, das gesteckte Ziel. Wahrscheinlich hatte man für die Damen und ihre Betreuer schon den vorzeitigen Rückflug gebucht. Aber es kam ganz anders. Aus der Gruppenphase stiegen unsere Damen wie eine Phoenix aus der Asche ins Viertelfinale auf – mit Tugenden, die so ganz unösterreichisch sind wie absoluter Kampfgeist und unbeugsamer Siegeswille. Womit niemand auch nur um entferntesten gerechnet hatte, war Wirklichkeit geworden. Die Sensation war perfekt, unsere Damen waren unten den besten acht Teams Europas. Manche Kanäle der sozialen Medien sprangen erst verspätet auf den fahrenden Zug der Begeisterung auf. Aber das rotweißrote               Fußballmärchen ging weiter. Von „Heldinnen“ war in den Schlagzeilen zu lesen. Jetzt kannte man auch ihre Namen. Die Schlagzeilen wurden größer, die Rubriken in den Zeitungen zunehmend seitenfüllend. Jetzt überschlugen sich die Kommentare auch aller (männlichen) Analytiker vor Begeisterung. Dabei war es noch gar nicht so lange her, dass gelegentlich aus männlich besetzten Analytikersesseln zu hören war, eine drittklassige Herrenmannschaft würde über das Damennationalteam „drüberfahren“. Dass solche Äußerungen, ob nun richtig oder falsch, jedenfalls strotzend dumm sind, soll an dieser Stelle nochmals begründet werden:

Kein Experte oder Kommentator wäre auf die abstruse Idee gekommen, den Olympiasieg der Frauen über 100 Meter zu relativieren, weil die Siegerzeit der Männer über dieselbe Distanz um neun Zehntel schneller war. Die Zeit der Olympiasiegerin hätte bei den Männern nicht einmal zur Qualifikation für Olympia gereicht. Aber in der Leichtathletik kommt niemand auf die Idee, die Zeiten, Weiten und Höhen der Frauen mit jenen der Männer zu vergleichen. Aufgrund der unterschiedlichen Physis sind 100 Meter der Frauen und 100 Meter der Männer eben zwei verschiedene, nicht vergleichbare Bewerbe. Jedweder wertende Vergleich zwischen den beiden ist – schlichtweg dumm. Mittlerweile sind die den Damenfußball abwertenden Bemerkungen verstummt. Niemand wagt es, diesbezüglich noch weiter Unsinn zu reden. Gut so. Noch besser allerdings ist, wenn man kapiert, dass Damenfußball nur mit Damenfußball verglichen werden darf. Nur wenn man das kapiert hat, macht es auch Spaß, den Damen beim Fußball zuzuschauen, aus bloßer Begeisterung oder auch fachkundig. Das heißt nicht. Dass sich Damen und Herren fußballerisch wechselseitig etwas abschauen könnten. Wer jetzt meint, nur die Damen könnten sich etwas von den Herren abschauen, der sollte bei diesem Absatz nochmals von vorne zu lesen beginnen. Warum waren die Fußballspiele der Frauen bei dieser EM so spannend? Ich erinnere mich an richtige Langweiler bei der Champions League oder fußballerischen Großereignissen der Herren. Hinsichtlich Teamgeist, Einsatzbereitschaft und Siegeswille soll sich Österreichs Fußballnationalmannschaft die weiblichen Kollegen unbedingt zum Vorbild machen.

Das Sommermärchen unserer Fußballdamen war aber im Viertelfinale noch nicht zu Ende. Dort schaltete unser weibliches Fußballnationalteam die Fußballgroßmacht Spanien aus. „Man“ stand im Semifinale. Unglaublich! Fast verrückt! Edi Finger sollte seinen legendären Spruch aus dem Jahr 1978 – als Krankl das Siegestor gegen Deutschland erzielte – unseren sensationell erfolgreichen Fußballerinnen zurufen können. Wenn man vor einem Jahr vielerorts vergeblich große Leinwände für ein kollektives Public Viewing aufgebaut hatte, ist man heuer vom Erfolg der Damen derart überrascht worden, dass man zu spät mit deren Errichtung begann. Damenfußball im Public Viewing, auch für Männer zum Zuschauen. Dass im Semifinale Österreich dann im Elfmeterschießen besiegt wurde, darf die Begeisterung nicht schmälern. Wenn man unerwartet auf einmal so galaktisch Großes wie ein Finale in der Fußballeuropameisterschaft vor sich hat, dürfen die Nerven schon flattern.

Damenfußball könnte nun in Österreich zu einem Höhenflug ansetzen, der jedoch nicht in den Fußballhimmel führen kann. Wer aber den Erfolg unserer Damen gegen den Misserfolg unserer Herren ausspielen möchte, vielleicht sogar für schadenfrohe Konstruktionen und Vergleiche missbraucht, der hat vom Sport grundsätzlich und vom Fußballsport im Besonderen nichts verstanden.

 

© Josef Gredler