Josef Gredler

Amoklauf – Ursachen, Hintergründe…

 

Der Amoklauf in München, der neun jungen Menschen den Tod gebracht hat, hat die ganze bayrische Metropole in eine Schockstarre versetzt, ein ganzes Land in Entsetzen gestürzt, dessen Wogen auch die Nachbarländer erreicht haben. Unbegreifliches ist wieder einmal Realität geworden. Die TV-Stationen haben in Sondersendungen über die Geschehnisse oder auch nur Vermutetes exzessiv berichtet. Die sozialen Netzwerke haben im Minutentakt immer wieder ihre News online gestellt.  Zeitungen haben die ersten Seiten mit großen Schlagzeilen, Berichten und Bildern über die Schreckenstat gefüllt. Neben dem berechtigten und aufrichtigen Entsetzen hatte man jedoch manchmal den Eindruck, dass auch Voyeurismus und Sensationsgier bedient werden mussten. Dass in Kabul fast gleichzeitig achtzig Menschen bei einem Terroranschlag ums Leben gekommen waren, fand vergleichsweise nur geringe mediale Resonanz. Es soll hier nicht wiederholt werden, was schon zur Genüge und darüber hinaus bereits gesagt, geschrieben und in Bildern übermittelt worden ist. Man wird die Fragen und Möglichkeiten der Sicherheit wieder und weiter überdenken und noch weiter zu verbessern suchen, aber es wird nicht gelingen, ein Maß an Sicherheit zu schaffen, dass so etwas nicht mehr passieren kann. Ja man muss sogar mit Bestimmtheit davon ausgehen, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis sich so etwas so oder so ähnlich, vielleicht sogar noch schlimmer, irgendwo, irgendwann wiederholt. Und dann werden auch die Worte und Bilder sich wiederholen bzw. einander sehr ähnlich sein.

 Die Sicherheitsmaßnahmen müssen noch weiter verbessert werden, aber diese Bemühungen werden an Grenzen stoßen. Die Täter, so sie nach dem Amoklauf noch am Leben sind, müssen nach Recht und Gesetz verurteilt werden. Die Betroffenen müssen psychologisch betreut, die Verletzten medizinisch versorgt werden. Aber damit behandeln wir nur die Symptome. Wir müssen uns mehr mit der Persönlichkeit der Täter befassen. Wir müssen tiefgründige Ursachenforschung betreiben. Die größtmögliche Sicherheit schafft eine Gesellschaft dann, wenn sie die Umstände erkennt, verhindert oder beseitigt, die eine Entwicklung zum Amoklauf begünstigen oder fördern. Der Amokläufer von München, der Amokfahrer von Nizza, der Gewalttäter im Zug bei Würzburg, alle drei haben in ihrem Persönlichkeitsprofil etwas gemeinsam: Sie waren schwerst Frustrierte, zu kurz Gekommene, an den Rand Gedrängte, Ausgegrenzte, Abgekapselte, Benachteiligte, Entwurzelte, von der Welt Vergessene oder nicht mehr Bemerkte … In diesem völligen Abseits ist ihr Plan und Entschluss gereift, sich an der Gesellschaft dafür zu rächen. Dass solche Zusammenhänge mehr Aufmerksamkeit bekommen müssen, ändert natürlich nichts daran, dass diese Tat eines Außenseiters ein abscheuliches Verbrechen bleibt. Sie sollen aber das Bewusstsein stärken, dass unsere Gesellschaft zunehmend selber jene Bedingungen produziert, die Menschen zu solch gefährlichen Außenseitern machen. Von dieser Tatsache geht eine Bedrohung aus, die wir noch nicht hinreichend erkannt haben.  Wenn man die Persönlichkeitsprofile des Amokläufers von München und des Amokfahrers von Nizza und das vieler anderer miteinander vergleicht, dann hatten sich alle in ihre eigene Welt zurückgezogen, gleichsam abgekapselt, ohne dass man dies von außen ausreichend bemerkt hatte. In dieser seiner Welt, zu der es keine Zugänge mehr von außen gab, hat der Amokläufer von München – ein achtzehnjähriger Schüler!!! – ein ganzes Jahr lang minutiös seinen Auftritt bzw. seine einmalige Rückkehr in unsere Welt geplant. In diese Welt wollte er nur noch einmal zurückkommen, um sich an ihr zu rächen für das Mobbing, das sie ihm angetan hatte. Virtuelle Gewaltspiele, wie sie die Gesetze erlauben, haben ihn mental fit gemacht. Dass dieser kurze Auftritt auch gleichzeitig sein Abgang wurde, hatte er höchstwahrscheinlich sogar einkalkuliert. Der eigene Tod ist häufig das eingeplante Finale eines solches Plans. Was ist schon ein Leben, das längst keine Perspektive mehr hat und nur noch die Rache als einziges Ziel hat? Außerdem mag auch die Gewissheit, für ein paar Stunden aus der Weltvergessenheit ganz im Brennpunkt der medialen Aufmerksamkeit zu stehen und so einen pompösen Abgang zu bekommen, ein Gefühl besonderer Befriedigung und höchster Genugtuung ausgelöst haben. Dass ein bisher unbeachteter „Trittbrettfahrer“ durch den Amoklauf so in den Mittelpunkt aller Aufmerksamkeit rückt, ihm eine solche beleuchtete Bühne vor einem Millionenpublikum geboten wird, könnte in der Planung ein großes Stimulans sein. Einmal für ein paar Stunden in aller Munde zu sein. Diesen psychologischen Mechanismus muss man unbedingt bedenken Deshalb ist auch die Art dieser exzessiven Berichterstattung dahingehend zu hinterfragen, ob sie nicht Nachahmungstäter fördert. Die Logik solcher Außenseiter, Ausgegrenzten, in sich selbst Abgekapselten funktioniert völlig anders, nicht mehr „normal“. Ihre Logik ist nicht mehr von dieser Welt, aus der sich ja schon zurückgezogen haben. Wir können diese Logik nicht nachvollziehen, aber wir können sie  auch nicht ändern und haben ihr nichts mehr entgegenzusetzen. Wir können ihr nur noch zuvorkommen, um den Amok zu verhindern. Wenn wir nicht schnell genug sind, dann passiert das, was in München, Nizza und Würzburg passiert ist. Ein Meer von Blumen und Kerzen zeugt von der großen Anteilnahme vieler, wird aber unbeabsichtigt auch zum Mahnmal, mehr gegen die Bildung von Brutstätten für Ausgegrenzte, Isolierte und potentielle Amokläufer zu tun.

Terrorismus und Dschihadismus haben eine Stufe oder Reichweite höher grundsätzlich dieselben Wurzeln und ähnliche Ursachen. Der internationale bzw. globale Kampf gegen Terrorismus ist auch ein Kampf gegen die Sünden der großen internationalen Macht- und Wirtschaftspolitik. Wenn diese Sünden heute fortgesetzt werden, ernten wir morgen neuen Terror. Der Logik des Amokläufers, der Logik des Terrorismus, des Dschihadismus hat die bedrohte übrige Welt nichts mehr entgegenzusetzen.  Wer wie Selbstmordattentäter sein eigenes Leben zum Töten benutzt, ist nicht mehr berechenbar. Wir werden die Sicherheitsmaßnahmen um ein Vielfaches erhöhen können, wir werden Amokläufe und Terroranschlage damit aber nur erschweren, reduzieren, nicht grundsätzlich verhindern können. Ohne schonungsloses Aufdecken und Erkennen von Ursachen und Zusammenhängen zwischen Amok bzw. Terror und Ausgrenzung, Isolation, Frustration und Ungerechtigkeit werden wir weiterhin Amokläufe und Terroranschläge nur wie Symptome bekämpfen, am verursachenden Nährboden werden wir nichts ändern.

 

© Josef Gredler