Josef Gredler

Nur ein Stier?

 

Wenn der Torero in der Arena dem Stier nach langem Gemetzel und unter kreischendem Gejohle der Zuschauer mit seinem Degen den finalen Todesstoß versetzt, wird dieser Stoß ganz unbeabsichtigt für die Kreatur ein Gnadenstoß, der einer barbarischen Quälerei ein Ende bereitet. Ganz selten nur kommt es vor, dass der Stier – vorher durch unzählige Lanzenstiche in den Nacken rasend gemacht – den Torero auf die Hörner nimmt oder diese, wie unlängst in einer Arena in Spanien, todbringend in den Leib seines Peinigers bohrt. In diesem seltenen Fall wird der Stier, der dem tödlichen Stoß zuvorgekommen ist, wie es die Tradition vorsieht, zur Strafe geschlachtet und die Mutterkuh in Sippenhaftung ebenfalls. Hier kommen ganz archaische und primitive Schuldmuster zur Anwendung. Das nächste Mal wird alles wieder seinen gewohnten Lauf nehmen und ein anderer Stier wird in die Arena getrieben, damit dieses grausame Spektakel zur Belustigung der Zuschauer und zum Ruhm des Toreros seinen Lauf nimmt bis zum tödlichen Stoß, nach dem der Torero sich in triumphierender Pose von den Zuschauern bejubeln lässt, während der Tierkadaver aus der Arena geschleift wird. Ist ja bloß ein Stier. Und das nächste Mal beginnt dieses grausame Schauspiel mit einem anderen Stier wieder von vorne. Und das nächst Mal wieder und wieder und wieder… Stierkampf nennt man so etwas. Wenn man das Martialische dieses Begriffes ausblendet, klingt das fast nach einem sportlichen Kampf, der in Wirklichkeit ein inszeniertes grausames, langsames Töten des Stieres ist. Den Protagonisten eines solchen Gemetzels nennt man auch Matador, was so viel wie „Schlächter“ bedeutet.

Dieses verabscheuungswürdige Schauspiel vollzieht sich – ganz mit Duldung bzw. im Rahmen der Gesetze – im 21. Jahrhundert in Europa immer noch. Die Menschen, die sich daran ergötzen, sind „zivilisierte“ Europäer. Jetzt könnte man einwenden, Europa hat mittlerweile ganz andere, viel größere Probleme, weshalb es fast lächerlich anmutet, sich wegen eines Stieres so aufzuregen. Ist doch nur ein Stier. Wenn man aber das, was in einer Stierkampfarena geschieht, nur halbwegs kritisch betrachtet und hinterfragt, dann stößt man schlussendlich auf eine völlige Missachtung von Kreatur und Leben. Diese emotionale und rationale Missachtung, die in der Arena einem Stier auf qualvollste Art und Weise den Garaus macht, führt anderswo und zu anderer Zeit zu ganz anderen lebensgefährdenden und lebensmissachtenden und lebenszerstörenden Verhaltensweisen. Seit vielen Jahren führt man erfolglos die Diskussion um den Stierkampf. Niemand konnte bisher diesem abartigen Schauspiel ein Ende bereiten. Stierkampf ist eben Tradition – so versuchen sein Befürworter, diese Tierquälerei zu rechtfertigen – und diese Tradition müsse man verstehen und bewahren. Aber gerade bei diesem Argument muss die Vernunft einsetzen.

Kann man mit dem Begriff Tradition das rechtfertigen, was unter dem irritierenden und völlig verharmlosenden Begriff „Stierkampf“ geschieht? Kann man mit Verweis auf Tradition rechtfertigen, dass zum Gaudium der Zuschauer ein Tier auf diese Weise gequält und zu Tode gebracht wird? Darf man Menschen die institutionalisierte Gelegenheit verschaffen, sich daran zu delektieren, wie vor ihren Augen eine Tierquälerei inszeniert wird? Darf eine solche Tierquälerei zur Unterhaltung werden? Was sind das für Menschen, denen das noch Spaß bereitet und Unterhaltung bietet? Was sind das für Menschen, die so etwas inszenieren? Tradition kann nicht rechtfertigen, was von Natur aus und in sich Unrecht ist. Tradition kann niemals Grausamkeiten rechtfertigen, nur aufzeigen, dass sie Menschen blind macht für das eigentliche Geschehen. Weil es immer schon so Brauch war, kommt niemand der Zuschauer auf die Idee, dass hier Abartiges geschieht und die Freude bzw. das Vergnügen daran abartig sind. Aber diese Abartigkeit, diese emotionale Rohheit, der es Vergnügen bereitet mitanzusehen, wie ein Stier durch die Arena getrieben, gequält wird, bis er zusammenbricht, sodass er leblos aus der Arena geschliffen wird. Auch wenn es nur um diesen Stier ginge, wäre dieser Stierkampf moralisch abartig und verwerflich. Dass das Quälen eines Tieres nicht nur gleichgültig, also kalt lässt, sondern Spaß und Freude macht, wirkt dunkelste Schatten auf dieses Treiben. Ist jemand ein Weichei, weil er das nicht mitansehen will und kann? Auf den Punkt gebracht lautet die Frage: Was sind das für Menschen, die sich daran ergötzen? Was sind das für Menschen, die das tun? Was ist das für Menschen, die das zulassen? Welche Gefahr ist ein solches Potential, sich am Quälen zu weiden?

 

© Josef Gredler