Josef Gredler

Tickt diese EU überhaupt noch richtig?

 

Diese Frage muss man sich allen Ernstes stellen, wenn man liest, hört und sieht, was sich EU-Mannen und Frauen alles erlauben. Viele von ihnen scheinen völlig die Bodenhaftung verloren zu haben und gebärden sich so, als sei Brüssel der Olymp. Auf diesem thronten einst die Götter der griechischen Mythologie, völlig losgelöst von den Menschen unten in den irdischen Niederungen, auf die sie im wahrsten des Wortes hinunterschauten. Vor allem Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker scheint das Selbstverständnis eines gewöhnlich Sterblichen abhandengekommen zu sein. Er redet und gebärdet sich so, als sei er Zeus persönlich. Die EU scheint sein narzistisches „Spielzeug“ zu sein, mit dem er eben Zeus oder Jupiter spielt. Mag sein, dass er tatsächlich glaubt, er throne göttergleich über den 27 Mitgliedsstaaten und über 400 Millionen EU-Bürger/innen. Anders sind seine dreisten verbalen Entgleisungen und sein selbstherrliches Gehabe nicht zu erklären. Allen Ernstes – noch dazu nach Brexit – zu sagen, man  (= die EU) werde den CETA-Handelspakt notfalls auf eigene Faust, ohne die nationalen Parlamente beschließen, das heißt durchsetzen, bekommt Züge von pathologisch selbstherrlichen Phantasien. Dass die zuständige Kommissarin inzwischen zurückgerudert ist, darf man nicht voreilig als Einsicht, geschweige denn als Bekehrung missverstehen. 

Während die Griechen die Götter auf dem Olymp unangetastet ließen, können Juncker und Co davon ausgehen, dass die Bürger/innen der EU sie früher oder später da herunterholen werden. Brüssel kann nicht zu einem europäischen Olymp verkommen, auf dem die Götter, Juncker und Co, auf die nationalen Parlamente und die Bürger/innen der Mitgliedstaaten aus der Vogelperspektive hinunterschauen und, falls nötig, sogar gegen sie entscheiden. Wenn Juncker und Co so weitermachen, sind die Tage der EU mit Sicherheit gezählt und deren Rückfall und Zerfall in Einzelstaaten nicht mehr aufzuhalten. Ein derart destabilisiertes Europa wird das weltpolitische Kräfteverhältnis empfindlich verändern und bedeutet eine globale Destabilisierung. Überhaupt ist schleierhaft, wie sich die EU zu einem solchen Konstrukt entwickeln konnte. Liegt es auch daran, dass in der EU vorwiegend Politiker/innen das Sagen haben, die deshalb dort sitzen, weil sie in ihren Ländern durchaus entbehrlich bzw. erfolglos waren = gescheitert sind? Sitzt in der EU möglicherweise gar nicht die Crème de la Crème der Mitgliedstaaten, sondern auch oder gar vorwiegend solche, für die in ihrem Land kein Platz mehr auf der politischen Bühne war und die nun in die EU entsandt bzw. entsorgt worden sind?  Mit bestem Salär, versteht sich. Wenn die Menschen genug haben von dieser EU, dann sind ihre Tage gezählt. Nach dem Brexit hat der EU sowieso die Stunde geschlagen. Wenn die Bürger/innen der verbleibenden 27 EU-Mitgliedstaaten den Eindruck bekommen sollten, dass das Vereinigte Königreich nach dem Brexit besser dasteht als vorher, ist es nur eine Frage kurzer Zeit, bis das nächste Mitglied zwecks Exit in der Warteschlange steht. 

Juncker erinnert mich immer mehr an die tragische Figur aus dem Drama „Biedermann und die Brandstifter“ von Max Frisch. In diesem erkennt der Biedermann nicht, dass die Brandstifter getarnt in seinem eigenen Haus wohnen, und wird so schließlich naiv, blind und ohne es zu merken, zum Helfer der Brandstifter. Was bei Juncker noch dazu kommt, ist seine unerträgliche Selbstherrlichkeit. Die Brandstifter sitzen längst in den EU-Gremien – siehe Brexit! – und in den nationalen Parlamenten und bereiten von dort aus ihren Coup vor. Wenn die EU und die nationalen Parlamente und Regierungen der Mitgliedstaaten nicht endlich begreifen, dass es fünf vor Zwölf ist, um der EU durch echte Reformen nicht nur ein neues Gesicht, sondern auch ein neues Innenleben zu geben, und zu den dafür notwendigen tiefgreifenden Reformen sich durchringen, hat die EU ein Ablaufdatum. Und der Tag des Ablaufes ist nicht mehr fern.

 

© Josef Gredler