Josef Gredler

Kann man diese Fußball-EM angesichts der großen Terrorgefahr überhaupt verantworten?

 

Mittlerweile ist evident, dass für Großveranstaltungen wie einer Fußball-EM in Zeiten wie diesen allerhöchste Terrorgefahr besteht. Das wissen auch die französische Regierung bzw. die französische Exekutive und natürlich auch die UEFA. Das wissen alle Länder, die daran teilnehmen, alle nationalen Fußballverbände und natürlich jeder einzelne Spieler. Wenn man den enormen Aufwand an Sicherheitsmaßnahmen und die täglich noch weiter ansteigende Nervosität der für eine sichere Durchführung dieser EM verantwortlichen Sicherheitskräfte bedenkt, weiß man, wie ernst die Gefahr eines Terroranschlages ist und auch eingeschätzt wird. So könnte man leicht zum Schluss kommen, dass unter diesen Umständen eine solche Fußballeuropameisterschaft nichts anderes als abgesagt werden muss. Auf den ersten Blick eine logisch völlig schlüssige, ja die einzig richtige und notwendige Entscheidung. Was ist wichtiger, der Europameistertitel, der ganze Spektakel und Hype rundherum, das viele Geld, das in Bewegung gesetzt wird, oder die Sicherheit von Menschen? Wenn die Frage so gestellt wird, liegt die Antwort schon auf der Hand: Absagen! 

 Auf den zweiten „Blick“ aber muss man diese Antwort nicht nur anzweifeln, sondern sogar ablehnen, denn die Absage dieser Fußballeuropameisterschaft kürt dann einen völlig ungewollten „Europameister“: den Terrorismus, von woher immer er kommt. Eine Absage käme einer völligen Kapitulation vor jedwedem Terrorismus gleich. Der Sieger hat dann einen klaren Namen: Terror. Der Verlierer ebenfalls, und der heißt nicht bloß Fußball, sondern trägt alle Namen, die für eine rechtsstaatlich strukturierte, demokratisch organisierte und nach den Menschenrechten ausgerichtete Welt oder Teilwelt stehen. Darf man den Terror zum „Europameister“ küren? Oder zum „Weltmeister“? Oder zum „Olympiasieger“? Nein und nochmals nein! Dieses eindeutige Nein mindert aber nicht das Ausmaß der Bedrohung, die über diesem sportlichen Großereignis schwebt, vom ersten bis zum letzten Spiel, in den Stadien und außerhalb, überall dort, wo Menschensammlungen zu terroristisch attraktiven Zielen werden.

 Man muss die terroristische Logik gedanklich nachvollziehen: Terroristische Institutionen oder Einzelpersonen wissen natürlich um den hohen Sicherheitsaufwand bei dieser EM und dass es so schwierig wie nie sein wird, einen Terroranschlag „erfolgreich“ auszuführen. Daher werden sie nicht einen einzigen Anschlag geplant haben, sondern mit größter Sicherheit mehrere, zum Beispiel zehn, die völlig unabhängig voneinander ausgeführt werden sollen, wenn nicht… Und wenn die französische Sicherheitsmaschinerie neun Anschläge erfolgreich verhindert und einer gelingt, dann ist es völlig bedeutungslos, welches Land sich am Schluss Europameister nennen darf, denn dieser „Titel“ ist bereits vergeben an jene, die keinen einzigen Ball gespielt, kein einziges Tor erzielt, kein einziges Spiel gewonnen: die Urheber, Drahtzieher und Handlanger des Terrors.

 Als Zuschauer, ob im Stadion oder beim Public Viewing oder im Stammlokal oder zu Hause im Wohnzimmer, soll man auch diesmal über Tore und Siege sich freuen und jubeln, aber nicht auf den ganz großen Sieger vergessen, auf den wir alle hoffen und über den wir uns, alle Grenzen überschreitend, freuen wollen: eine sichere Europameisterschaft.

 

 © Josef Gredler