Man kann in einen anderen Menschen nicht hineinschauen

 

Eine alte Volksweisheit, könnte man sagen. Aber sie ist heute kaum noch zu hören, kommt in unserer Sprache eigentlich nicht mehr vor. Man kann in einen Menschen nicht hineinschauen, hat man gesagt, wenn man zur Vorsicht mahnen wollte, über das Verhalten eines anderen Menschen zu urteilen und ihn zu verurteilen. Wie viel das genützt hat, will hier nicht erörtert werden. Dass diese Volksweisheit aber heute nahezu ausgestorben ist – man bekommt sie nicht mehr zu hören oder zu lesen – soll in diesen Zeilen zum Anlass werden, ihre Absicht und ihren Sinn, auch ihren Wert und ihre Berechtigung wieder genauer zu bedenken. Man kann in einen Menschen nicht hineinschauen. Man kann nicht wissen, was in ihm vorgeht, welche Beweggründe er hat, dies oder jenes zu tun, nicht zu tun oder gerade so zu tun. Vielleicht ist das Aussterben dieser weisen Redensart nicht bloßer Zufall oder Schicksal, vielleicht hat es damit zu tun, dass sie zu sehr gegen den Zeitgeist gerichtet ist, mit der Denkweise vieler nicht mehr kompatibel ist. Über das Tun und Lassen anderer zu urteilen, erfreut sich jedenfalls großer Beliebtheit. Wir haben die Kontrolle über die Geschwindigkeit, die Flut und auch die Oberflächlichkeit der modernen Kommunikation, unterstützt durch digitale Übermittlung, längst verloren. So konnte ein Satz wie dieser nicht mehr überleben. Das Urteilen und Verurteilen war noch nie so leicht und auch unterhaltsam wie heute. Man stellt ein Urteil – man nennt es zwar nicht so – einfach ins „Netz“. Die Folgen sind unglaublich. Man kann so Menschen fertigmachen, richtiggehend vernichten und man tut es. Digitale Plattformen profitieren davon. Urteilen und Verurteilen haben auch einen hohen Unterhaltungswert, wie die Einschaltquoten mancher  Talkshows und ähnlicher Fernsehformate beweisen. Dass man in einen Menschen nicht hineinschauen kann, ist als kluge Mahnung nicht mehr wirklich überzeugend in einer Zeit, die längst schon alle medizinisch-technischen Möglichkeiten hat, das „Inwendige“ eines Menschen sichtbar zu machen: Röntgen, …skopie, Sonografie, Computertomografie, Magnetresonanz… haben die Darstellung des inneren Menschen zur täglichen Selbstverständlichkeit gemacht. Man kann über Gefäße und Adern nahezu jedes innere Organ erreichen, fotografieren, filmen und teilsweise auch chirurgische Eingriffe daran vornehmen. Aber das Innere des Menschen, das in dieser Redewendung der Überschrift gemeint ist, sind nicht die inneren Organe, die Blutgefäße, Muskeln und Knochen, sondern  ist sein Denken, Fühlen, Wollen, Verstehen, die den Menschen erst handlungsfähig und verantwortungsfähig machen. Man könnte sie zusammen als das Ich bezeichnen oder die Seele. In diese kann man nicht hineinschauen. Auch wenn uns ein Mensch seine innere Befindlichkeit, seine Gefühle, sein inneres Empfinden und Erleben, sein Denken, Fühlen, Hoffen mitteilt. Wir können dann bestenfalls Rückschlüsse ziehen, was in ihm vorgeht, aber hineinschauen können wir immer noch nicht. Wir können das nicht sehen, was Menschen verantwortlich macht, was sie gut sein lässt oder schuldig macht.

Wir lesen in der Zeitung, dass eine Mutter ihr Kind getötet hat, unfassbar und unvorstellbar. Wie sie das getan hat, soll hier nicht näher ausgeführt werden, weil es unerträglich wäre. Das Kind ist tot, hat vorher vielleicht noch entsetzliche Stunden, Minuten oder Augenblicke durchgemacht. Das ist das Faktum. Und nur die Fakten zählen, so sagt man heute gern. Man hat damit aber nur zum Teil recht. Das Faktum aus der Zeitung zählt und wiegt unglaublich schwer, weil das Kind tot ist, nicht mehr lebendig wird, das Furchtbare nicht mehr rückgängig gemacht werden kann, das Unsagbare nicht mehr ausgelöscht werden kann und die Welt danach nicht mehr dieselbe ist. Die Realität des Geschehenen ist Faktum und dieses Faktum zählt. Aber es sagt noch nichts aus über die Verantwortung und Schuld der Mutter. Persönliche Schuld und Verantwortung ergibt sich aus vielen subjektiven Bedingungen. Der Mensch kann nur subjektiv, als Subjekt inwendig, nicht am bloßen Faktum der Tat schuldig werden. Und das Subjekt, das Ich, können wir nicht öffnen, um hineinzuschauen. Und weil man in einen Menschen nicht hineinschauen kann, kann man über ihn nicht wirklich urteilen, seine persönliche und moralische Schuld nicht wirklich bemessen. Man muss immer zwischen der Tat und dem Täter, der Täterin unterscheiden. Damit wird das, was die Mutter getan hat, nicht entschuldigt, nicht einmal relativiert. Und man kann sie, weil man in einen Menschen nicht hineinschauen kann, nicht verurteilen und nicht freisprechen. So klar wir über die Tat urteilen können und müssen, so wenig dürfen und können wir es über den Täter bzw. die Täterin. Mit diesem Beispiel der Mutter haben wir noch lange nicht die obere Skala der möglichen Schauergeschichten erreicht, die sich schon in Wirklichkeit verwandelt haben. Allein schon das Aufzählen der abartigsten Gräueltaten fällt schwer.

 Als am 26. Dezember 2004 ein Tsunami mit unvorstellbarer zerstörerischer Kraft über die Küsten Südostasien hereingebrochen ist, hat er über zweihunderttausend Menschen in den Tod gerissen. Ein fast nicht mehr vorstellbares Faktum. Dass für das Entstehen und Hinwegfegen des Tsunamis niemand verantwortlich gemacht werden kann, relativiert das Furchtbare des Geschehenen nicht. Man findet keinen Schuldigen und doch ist Entsetzliches passiert. Könnte nicht auch diese Mutter von einem inneren „Tsunami“ erfasst worden sein, als sie das Unvorstellbare tat? Wir wissen es nicht. Wir können die Mutter weder freisprechen noch moralisch schuldig sprechen, weil wir nicht in sie hineinsehen können. Wir relativieren ihr grausames Tun nicht, wir nehmen der Tat nicht ihre dunkelste Finsternis, wenn wir die subjektive Schuld der Mutter, ihre subjektive Verantwortung nicht bewerten – weil wir sie nicht bewerten können. Wie das Gericht dann urteilt und entscheidet, ist noch einmal eine andere Frage. Aber auch das Gericht kann nicht mit Bestimmtheit ein moralisches Urteil fällen, nur ein strafrechtliches aufgrund der bestehenden Gesetze.

 Das Faktum zählt, die subjektiven Beweggründe interessieren viele nicht. Wir können in einen anderen Menschen nicht hineinschauen, um zu wissen, was in ihm vorgegangen ist, als er… Wenn eine Mutter ihr Kind tötet, ist das Entsetzen darüber, der innere Aufschrei, dass so etwas möglich ist, notwendig. Er muss sein. Wenn es den Aufschrei darüber nicht mehr gibt, sind wir keine Menschen mehr. Aber dieses Nichthineinschauenkönnen in einen anderen Menschen gilt nicht bloß für kapitale Handlungen, es gilt auch die vielen kleineren und kleinen Taten, die Menschen setzen, Taten des täglichen Lebens, die uns so leicht und gerne zum Urteilen und Verurteilen Anlass werden. Wenn wir begreifen, dass wir in einen anderen Menschen nicht hineinschauen können, dann sollten wir sehr behutsam sein im täglichen Urteilen und Verurteilen.

 

© Josef Gredler