Josef Gredler

Sein Leben leben

 

Die schrecklichen Ereignisse von Brüssel, bei dem zwei Selbstmordattentäter an zwei verschiedenen Orten fast gleichzeitig mehr als dreißig Menschen mit in den Tod gerissen haben und mehr als hundert verletzt worden sind, hat die ganze Stadt vorübergehend in eine Schockstarre versetzt. Wie soll das Leben weitergehen in dieser Stadt? So fragten sich viele dort. Ein Journalist hat diese Frage einem jungen Mann gestellt. Nach einer kurzen Nachdenkpause meinte dieser schließlich, man dürfe den Attentätern nicht dadurch recht geben und zum Erfolg verhelfen, dass man sich aus Angst vor weiteren Terroranschlägen in seiner Lebensweise einschränken, sich gleichsam in Fesseln legen lasse, denn das sei ja das Ziel dieser Terroristen, sondern jeder muss „sein Leben leben“. So ähnlich titelte am nächsten Tag auch eine große Zeitung. Auf dem Hintergrund des Schreckensszenarios bekommt diese Antwort noch einmal eine ganz besondere Bedeutung und auch eine bestimmte Note und Färbung. Man darf sich die Selbstbestimmung über sein Leben nicht nehmen lassen. Und tatsächlich ist dies die einzig richtige Reaktion, um terroristische Keimzellen mit ihren Angriffen auf Paris, Brüssel und letztlich Europa nicht schon von vornherein zu Siegern zu erklären.

Aber ganz losgelöst von den tragischen Ereignissen in Brüssel, ist es nicht überhaupt der Auftrag jedes Menschen, sein Leben leben? Aber was heißt das, wie geht das, sein Leben leben? Ist das nicht die Frage, der wir alle hinterherlaufen und auf die wir dennoch so unterschiedlich antworten? Sie stellt sich ja nicht erst seit den Vorfällen von Brüssel. Sie war und ist immer präsent. Diese Frage muss sich jeder sein Leben lang stellen, der die Verantwortung für sein Leben übernimmt. Sein Leben leben, das heißt zuerst einmal, die Selbstbestimmung über die eigene Zukunft nicht aufzugeben, die Freiheit nicht einzutauschen in der Auseinandersetzung mit den Fragen, die das Leben stellt. So führt diese Frage in eine ganz grundsätzliche Reflexion über das Leben überhaupt. Was ist das Leben? Was ist Sinn und Ziel des Lebens? Worauf kommt es an? Wo diese Fragen nicht mehr gestellt werden, wird das Leben auf seine vitalen Funktionen reduziert, auf Lust oder Unlust, auf gesund oder krank, auf Funktion oder Disfunktion. Wo das gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben vom satten Wohlergehen bestimmt ist, beginnen die vitalen Interessen zu dominieren, und ihre Befriedigung verdrängt immer mehr die Sinnfrage oder löscht sie völlig aus. Am Ort, wo gestern noch so Schreckliches passiert ist, versammeln sich Menschen tief getroffen, erschüttert und wachgerüttelt, halten sich gegenseitig fest, schweigen, gehen in sich, haben Tränen in den Augen und zünden Kerzen an, die dann dort brennen, wo das geschehen ist, was nicht geschehen hätte dürfen. Auf einmal wird deutlich, das Leben muss mehr sein als seine vitale Funktion.

Sein Leben leben! Als ob das so einfach wäre. Auch ohne die Ereignisse von Brüssel und Paris. Beim Leben reden so viele mit. Viele können gar nicht ihr Leben leben oder wagen es nicht, sondern erfüllen nur die Vorstellungen anderer oder verwirklichen Pläne, die gar nicht die ihren sind. Hindernisse sind zu überwinden, die andere in den Weg gelegt haben. Hürden sind zu nehmen, die man sich nicht selber ausgesucht hat. Man unterwirft sich Kriterien, die nicht die eigenen sind. Die Fremdbestimmung bildet gesellschaftliche und individuelle Metastasen, die die Selbstbestimmung überwuchern. Ist das Leben des Einzelnen nicht schon so sehr mit unzähligen Zivilisationsfaktoren, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, kulturellen und ideologischen Gegebenheiten verzahnt, dass nichts mehr anderes bleibt, als sich wie ein Rädchen in einem undurchschaubaren globalen Mechanismus mitzudrehen?  Man könnte diese Gedanken weiterspinnen und sich in einen Zivilisationspessimismus wie in einem Spinnennetz verfangen. Man kann sein Leben leben, man muss es, auch wenn die dazu notwendigen Möglichkeiten eingeschränkt und die Freiräume begrenzt sind. Aber innerhalb dieser Begrenzungen und Einschränkungen liegt jene Verantwortung, die niemanden von der Möglichkeit und Notwendigkeit entbindet, sein Leben zu leben.

Man kann sein Leben festmachen in Religion, im Glauben an Gott oder in einem Relativismus, der keine verbindliche Wahrheit mehr kennt, nichts Absolutes mehr gelten lässt. Man kann sich für einen Agnostizismus entscheiden, der die Existenz oder Nichtexistenz einer höheren Instanz gar nicht erst zu klären versucht, oder sich zum Atheismus bekennen, der eine transzendente, göttliche Existenz einfach verneint. In beiden Fällen wird sich der Mensch selber zum Maß aller Dinge.  Man kann sein Leben unter ein anspruchsvolles Ethos stellen und sein Leben nach verbindlichen sittlichen Werten ausrichten oder sich einem solchen entziehen. Wer ethische Werte anerkennt, muss sein Gewissen an diesen Werten bilden und sich dann daran orientieren, damit es wie ein innerer Kompass verlässlich auf das zeigen kann, was gut und daher zu tun ist. Das anerkannt Gute wird zum Imperativ für das Handeln. Man kann Gewalt und Krieg unter Völkern und Staaten, Streit und Feindseligkeit zwischen Gruppierungen und Nachbarn achselzuckend hinnehmen oder der Gewalt abschwören, für den Frieden eintreten, selber den Frieden zu leben versuchen. Man kann sich von Not und Elend berühren lassen oder sich damit begnügen, dass man selber „über die Runden kommt“. Man kann das Schwache beschützen oder zertreten. Man kann lieben und sich lieben lassen oder sich selbst genügen. Man kann auf die Unterschiedlichkeit und Vielfalt der Menschen mit Toleranz antworten, mit Achtung vor dem, was fremd ist, mit Wertschätzung oder mit Misstrauen, Verachtung oder Aggression. Man kann Menschen, die fremd sind, zur Integration ermutigen, einladen, sie dabei unterstützen und oder sie ausgrenzen bzw. in die Isolation treiben. Man kann mit den Ressourcen dieser Welt verantwortungsvoll umgehen oder sie kurzsichtig und verantwortungslos verbrauchen, als würde hinter uns niemand mehr davon leben müssen. Man kann sich die Klimaerwärmung zur eigenen Sorge machen oder ignorieren, dass wir die erste Generation sind, die diese Klimaerwärmung zu spüren bekommt, aber gleichzeitig die letzte, die etwas dagegen tun kann. Man kann ernsthaft versuchen, ein guter Mensch zu sein, oder  sich dafür entscheiden, nur der Sieger sein zu wollen, der Erfolgreiche, der Stärkere… Man kann sich am Schönen erfreuen, am Schönen, das man sehen, hören oder erspüren kann. Man kann den Sinn für das Schöne verlieren, wenn man alles nur nach seinem Nutzen bewertet. Man könnte diese Gedanken fast endlos fortsetzen, sie sind niemals abgeschlossen. Das Leben schafft immer wieder neue Situationen, Herausforderungen und Imperative. Man kann sich vom Lauf der Dinge, vom Strom der Zeit nicht einfach treiben lassen, denn Menschsein bedeutet, sich den vielen großen und kleinen Fragen des Lebens nach bestem Wissen und Gewissen zu stellen, selber Fragen an das Leben zu stellen, nie aufhören, um verantwortungsvolle Antworten zu ringen, sich dann für diese Antworten einzusetzen, für diese Antworten zu leben. Sein Leben leben.

 

© Josef Gredler