Josef Gredler

Nur noch eine Stunde bis zur Pension

 

Herr S sitzt in seinem Büro, vor ihm der Bildschirm des Computers wie immer, daneben das Telefon und neben diesem das Handy wie immer, hinter ihm die geöffneten Büroschränke mit den vielen Ordnern und Ablagen wie immer. Auf dem Schreibtisch steht ein Bild seiner Frau und von der Wand lachen seine Enkelkinder. Aber etwas ist heute nicht wie immer. Etwas ist heute ganz anders. Es ist sein letzter Tag in diesem Büro. Die überaus herzlichen Verabschiedungen haben schon stattgefunden. Nur noch eine Stunde, dann geht er in Pension. Er hat sich den Ablauf dieser Stunde seit langem genau überlegt, wie ein Ritual geplant. Die anderen Mitarbeiter/innen sind schon gegangen, wie er es sich für diesen Tag erbeten hat. Er möchte diese letzte Stunde allein sein. Vor allem möchte er allein sein, wenn er dann wirklich aufsteht und dieses Büro endgültig verlässt. Da läutet noch einmal das Telefon, nicht ungewöhnlich, weil die Leute ja gewohnt sind, ihn auch nach Dienstschluss noch zu erreichen. Am anderen Ende der Leitung hat eine bekannte Stimme eine Frage. Herr S hört aufmerksam zu und beantwortet die Frage freundlich wie immer. Dann läutet das Telefon noch einmal. Diesmal ist es ein kleines Problem, verbunden mit einem Anliegen. Herr S verspricht, das Anliegen persönlich an seine Nachfolgerin weiterzuleiten. Noch in diesen Minuten ist alle Leidenschaft in ihm lebendig, mit der er seit über zwanzig Jahren seine Aufgabe erfüllen darf. Keine Spur von Amtsmüdigkeit. Nicht verglimmender Eifer oder auch nur geringste Anzeichen von Resignation sind der Grund, in Pension zu gehen. Die Uhr zeigt schon die letzten Minuten bis achtzehn Uhr an, das ist der Zeitpunkt, den sich Herr S selber gesetzt hat. Herr S schaut noch einmal genau, ob alles auch wirklich auf dem Schreibtisch liegt, wie er es sich vorgenommen hat. Alles soll so sein, dass morgen früh seine Nachfolgerin bestmöglich sich auf diesen Stuhl setzen kann, der jetzt noch für ein paar Minuten der seine ist. Für sie schreibt er noch ein paar Zeilen, die der erste Gruß sein sollen, wenn sie morgen da Platz nimmt, wo er bald aufsteht. Er weiß seine Aufgabe, die ihm dreiundzwanzig Jahre so am Herzen lag, in besten Händen. Das tut gut. Die Ziffern der digitalen Uhr auf dem Fensterbrett zeigen an, dass die Zeit auch jetzt voranschreitet wie immer, aber den Minuten scheint heute ein anderes Zeitmaß innezuwohnen. Schließlich ist es so weit. Alles ist getan, was noch zu tun war. Herr S steht auf, steckt das Bild seiner Frau in die Tasche und nimmt das Bild seiner Enkelkinder von der Wand, wirft noch einen Blick nach allen Seiten, schiebt den Sessel unter den Schreibtisch, verlässt das Büro und schließt ein letztes Mal diese Tür von außen. Ein schmaler langer Gang führt zum Hauseingang. Der orangefarbene Teppich fällt ihm heute besonders auf. Herr S öffnet die Haustür, hält sie für ein paar Augenblicke fest, dann lässt er sie hinter sich ins Schloss fallen. Noch nie hat er diesem Geräusch eine solche Aufmerksamkeit geschenkt. Jetzt ist die Tür zu, die er wohl an die zwölftausend Mal geöffnet hat. Und jetzt könnte er sie auch nicht mehr öffnen, denn er hat zuvor diesen Schlüssel im Haus hinterlegt, wie er es gewollt und mit der Sekretärin vereinbart hatte. Neben der Haustür steht eine Bank, die zu um diese Uhrzeit natürlich leer ist. Auf diese Bank setzt er sich und zündet eine Zigarette an, so wie er auch das seit langem geplant hat, und bläst deren Rauch heute bedächtiger als sonst in die Luft. Er schaut den einzelnen Rauschwaden nach, wie sie sich allmählich verlieren. Dieser vertraute Blick auf die Häuser ringsum und die Berge, die sich dahinter erheben, ist heute noch einmal anders. Eine seltsame Andacht wohnt diesem letzten Ritual inne. Dreiundzwanzig Jahre ziehen noch einmal wie im Zeitraffer vor seinem inneren Auge vorbei, unzählige Gesichter tauchen auf. So vielen von ihnen darf er von ganzem Herzen dankbar sein. Das hat er ihnen schon geschrieben oder persönlich gesagt, auch dass er sich freut, wenn sich irgendwo irgendwann wieder ihre Wege kreuzen. Und außerdem, er ist ja schließlich ab jetzt nicht aus der Welt. Herr S verspürt in der Wehmut dieser Minuten vor allem eine tiefe Dankbarkeit, deren innere Stille mit der Stille ringsum sich verbindet. Er ist froh, jetzt ganz allein zu sein, wie er es geplant hat, damit er sich ganz unbeobachtet wissen darf. Es gibt solche Stunden oder bloß Augenblicke, die bedürfen des Alleinseins. Auch diese Zigarette neigt sich schließlich dem Ende zu und Herr S drückt ihren Stummel im dem mit Sand gefüllten großen Aschenbecher aus. Dann geht er zum Auto, startet den Motor, legt den Gang ein und fährt nach Hause, wo seine Familie schon auf ihn wartet.

 

© Josef Gredler