Josef Gredler

Warum leeren sich die Kirchen immer mehr?

 

Wenn wir von einem Wandel der Kirche bzw. in der Kirche sprechen, dann müssen wir auch den Wandel ansprechen, den die Kirche gar nicht gewollt hat, der sich aber seit Jahrzehnten gegen ihren Willen vollzieht, über sie hereingebrochen ist: Ihr kommen immer mehr die Leute abhanden, ganz besonders die jungen Menschen. Damit sind nicht nur die Vielen gemeint, die jährlich ganz offiziell ihren Austritt aus der Kirche erklären, sondern auch jene, die zwar nach der Papierform noch immer ihr angehören und statistisch ihr zugerechnet werden, den Taufschein aber nur noch als bedeutungsloses Papier besitzen, vielleicht sogar noch – in Österreich – ihren Kirchenbeitrag zahlen, aber mit dieser Kirche nichts mehr zu tun haben. Dieser Prozess anhaltender Entkirchlichung hat die einstmalige Volkskirche längst schon in den Minderheitenstatus befördert und diese Entwicklung setzt sich wie auf einer schiefen Ebene weiter fort. Dieser Wandel der Kirche verändert die Gesellschaft und umgekehrt. Von einer Weltkirche zu sprechen weckt völlig falsche Vorstellungen. Ein christliches Abendland oder ein vom Christentum geprägtes Europa gibt es längst nicht mehr, wenn es das in der behaupteten Form überhaupt jemals gegeben hat. Es war ein statistisch, zahlenmäßig bestimmender gesellschafts- und kulturpolitischer Faktor, der die Zeiger des Abendlandes auf einem oberflächlich christlichen Ziffernblatt bewegt hat. Allenfalls in Berufung auf unsere christliche Tradition und Kultur, leider vor allem von den am rechten Politrand positionierten Parteien und Gruppen eingefordert, bekommt die Kirche scheinbar neu Bedeutung, als notwendig gemeintes Bollwerk gegen den Islam, vor dem sich Christen, die keine mehr sind, angesichts des großteils muslimischen Flüchtlingsstromes zu fürchten beginnen, entweder um ihre existentielle Zukunft oder um ihre souveräne kulturelle Identität. Nichts ist daher kirchlicherseits naheliegender und auch notwendiger, als sich ernsthaft und ehrlich die Frage zu stellen, warum das so ist. Warum kommen der Kirche immer mehr die Menschen abhanden? Warum werden unsere Kirchen zunehmend noch leerer? Warum werden Kirchgänger immer mehr zu Exoten? Warum schrumpfen die christlichen Gemeinden zu einem kleinen Häuflein? Wenn man dieser Frage auf den Grund zu gehen versucht, dann kommt man auch um eine tiefgreifende Kritik an der Kirche nicht herum, ohne sie allein und für die gesamte „Talfahrt“ verantwortlich zu machen. Der Zeitgeist und alles, was man unter diesem Begriff zusammenfasst, hat der Kirche bezüglich Mitglieder den Rückwärtsgang eingelegt. Ich möchte den Lesern dieser Zeilen nicht verschweigen, dass ich mich als Teil dieser Kirche fühle, dass ich mit ihr lebe, dass sie mich hoffen und zugleich leiden lässt und ich ihr die folgende Kritik nicht lieblos von außen entgegenschleudere, aber in großer persönlicher Betroffenheit und Verbundenheit nicht ersparen kann. Diese Kritik verbindet sich mit der Bereitschaft, dass sie immer wieder auch zur Selbstkritik wird, weil ich mich zu dieser Kirche bekenne und mich mit ihr identifiziere. Es ist auch meine Kirche:

Aus dem ab dem dritten Viertel des vergangenen Jahrhunderts  nochmals rasant Fahrt aufgenommenen weltanschaulichen, religiösen Pluralismus als Folge der immer noch weiter zunehmenden Globalisierung ist der Kirche übergroße und nicht mehr überschaubare Konkurrenz erwachsen. Auf diesem Terrain verwirrender Vielfalt an Weltanschauungen, Lebenskonzepten und Heilsangeboten war die Kirche nicht gerade erfolgreich. Sie hat zu spät den Verlust ihrer Vorrangstellung zur Kenntnis genommen und damit umzugehen gelernt. Sie hat ihren Standort falsch bestimmt und ist immer mehr in die Defensive gedrängt worden. Dabei hat sich die Kirche so verhalten, als hätte sie in diesem „Wettbewerb“ der Religionen, der echten und vermeintlichen bzw. der Ersatzreligionen, noch immer die Nase vorn. Ihr prozentueller Anteil an der Gesamtbevölkerung hatte das schon längst widerlegt. Diese Fehleinschätzung hat zu ganz falschen, kontraproduktiven Verhaltensweisen geführt, in denen sich die Kirche so verstanden und präsentiert hat, als habe sie noch immer die gesellschaftspolitische Führungsposition inne. Sie hat nicht aufgehört doktrinär zu agieren und doktrinär ist man in liberalen Zeiten in einem globalen Megapluralismus nicht „konkurrenzfähig“.

Ein „postpostmoderner“ zweiter Aufklärungsschub durch einen ungeheuerlichen Aufschwung bisheriger und neuer Wissenschaften hat ein dynamisiertes und verwirrendes Weltbild entstehen lassen, in dem die Kirche als isolierter Monolith oft zum Störfaktor und Außenseiter wurde, der die Forschungsdynamik gerne eingebremst hätte, es jedoch nicht mehr vermochte. Die uneingeschränkte Anwendung der Forschungsergebnisse, vor allem im Zugriff auf das menschliche Leben, ließ sich von der Kirche weder verhindern noch relativieren. Am Tisch derer, wo solche Entscheidungen fallen, hat die Kirche keinen Sitz und keine Stimme mehr. Ihre Meinung, ob es moralisch gerechtfertigt ist, neue Erkenntnisse auch zu erproben und anzuwenden, interessiert eigentlich kaum mehr. Man lässt die Kirche reden, aber der Lauf der Dinge wird von ihr nicht mehr mitbestimmt. Nicht nur, dass man nicht auf sie hört, man hört ihr vielfach gar nicht mehr zu. So fristet sie ein  Dasein eher am Rande dieser ultrapostmodernen Gesellschaften. Die Religion kann der nachpostmodernen liberalen Ratio nicht Paroli bieten, die  Dogmen der Kirche werden von „Dogmen“ der wissenschaftlichen Forschung im ursprünglichsten Sinn des Wortes „wegrationalisiert“. Im Gegensatz zur „ersten“ Aufklärung zwischen dem 17. und 18. Jahrhundert musste nun der Glaube der Kirche auch an der gesellschaftlichen Basis der „Vernunft“ weichen.  Kirchlicher Glaube wird auch in der breiten Bevölkerung der mythologisierten Weltdeutung verdächtigt. Nach vollendeter Entmystifizierung sind Wirtschaftswachstum, Konsumismus, Forschung, Virtualisierung und „Digitalismus“ die neuen Götter, denen man huldigt.

Man glaubt der Kirche schlichtweg nicht mehr.  Man erinnert sich, dass Vieles von der Kirche Behauptete und von den Menschen Geglaubte, sich im Licht neuer Erkenntnisse als falsch herausgestellt hat. Zudem wurde die Glaubwürdigkeit der Kirche von ihr selber am meisten beschädigt. Skandale und Missbrauchsfälle in der Kirche, von der Kurie in Rom bis an die Grenzen der Erde, haben die kirchliche Glaubwürdigkeit wie ein Erdbeben erschüttert und die großen und kleinen Nachbeben dauern noch an. Dabei hat die Kirche nicht nur Glaubwürdigkeit, sondern immer auch Sympathie verspielt und gegen Ablehnung eingetauscht. Nach jedem neu aufgedeckten Skandal baute sich eine neue Welle der Abneigung und Empörung auf, die sich unmittelbar darauf in zusätzlich ansteigenden Austrittszahlen bestätigte. Nein, nicht die ganze Kirche hat Dreck an den Schuhen, aber Schafe in ihren Reihen haben sich im Schlamm gewälzt, der an ihrer Wolle klebt, sodass sie eben „schwarze Schafe“ sind, an denen man dann man dann die ganze Kirche misst. Diesen „schwarzen Schafen“ könnte man viele Lichtgestalten gegenüberstellen, die es in der Kirche zu jeder Zeit gegeben hat und auch heute noch gibt, aber den Schatten eines einziges „schwarzes Schafes“ können zehn Lichtgestalten nicht wettmachen.

Junge Menschen kommen immer weniger oder gar nicht mehr auf die Idee zu fragen, ob sie die Kirche brauchen bzw. was sie von ihr brauchen, damit ihr Leben gelingt. Mit dem Gelingen ihres Lebens hat die Kirche aus ihrer Sicht nichts zu tun. Allerdings hat sie diese Frage der Jugend noch nie wirklich gestellt. Die Kirche ist bei den Jugendlichen aus dem Rennen. Sie spielt in deren Leben, in deren Überlegungen nur in Ausnahmefällen eine Rolle. Man kommt gut ohne die Kirche und ihre Angebote aus. Die großen Fragen des Lebens, woher wir kommen und wohin wir gehen, werden kaum mehr gestellt, und wenn doch, dann nicht an die Kirche gerichtet. In Fragen der Sexualmoral erweist sie sich aus der Sicht der Jugend, aber nicht nur dieser, sowieso nur als Spielverderber und Neinsager.  Überhaupt scheint ihre Moral, vor allem die Sexualmoral welt- und lebensfremd. Ob das nur daran liegt, dass die Sexualmoral seit jeher immer nur von Männern diktiert wurde? Aus der Sicht der Jugendlichen verändert die Kirche weder die Welt noch das Leben zum Besseren. Sie wissen nicht, was sie mit dieser Kirche anfangen sollten. Bedarf haben sie jedenfalls keinen. 

Mir ist keine Umfrage bekannt, in der man jungen Menschen einfach die Frage stellt, warum sie mit der Kirche nichts zu tun haben (wollen). Die Antworten wären nicht nur höchst interessant, sondern auch sehr geeignet, dass man sich innerkirchlich weltweit ernsthaft damit beschäftigt. Eine solche Umfrage wäre dann schon eine eigene Synode wert, die ja nicht unbedingt in Rom stattfinden muss, sondern besser in den einzelnen Kontinenten durchgeführt werden sollte. In Südamerika sind ganz andere Ergebnisse zu erwarten als in Europa oder Asien. Dazu müsste die Kirche den jungen Menschen schon näher kommen, sich mehr mit ihrer Lebenswelt auseinandersetzen und in aller Demut und Sensibilität fragen und sich sagen lassen, was sie da versäumt hat, dass sie kein Thema mehr ist.

Weite Teile der Gesellschaft sind so mit sich selbst beschäftigt, so auf den Lauf der Dinge dieser Welt fixiert, dass es für sie ganz selbstverständlich ist, dass außerhalb dieser ihrer Welt nichts ist, zumindest nichts Wichtiges. Was sollte da schon sein? Vielleicht gibt es irgendetwas danach, man weiß ja nicht. Aber dieses Irgendetwas kommt über ein abstraktes Prinzip nicht hinaus und hat mit dem personalen Gott der Bibel nichts mehr gemein. Nichts also, was besondere Beachtung verdient. Dieser fast totale Transzendenzverlust macht die Kirche quasi überflüssig. Was soll man da noch von Gott reden, wenn man nicht weiß, wohin mit ihm, wenn man ihn eigentlich gar nicht braucht? Wo kein Platz mehr ist für Gott und auch gar kein Bedarf mehr, da hat die Kirche oder haben die Kirchen ihre Legitimation verloren. Insofern ist die fortschreitende Entkirchlichung auch eine Folge von Religionsverzicht und Transzendenzverlust. Natürlich gewinnt die Kirche auch Menschen, immer wieder treten Menschen neu in die Kirche ein oder kehren wieder zurück, und es gibt zweifellos partiell lebendige kirchliche Aufbrüche, aber die Gesamtbilanz ergibt unter dem Strich in den westlich orientierten Ländern leider ein deutliches Minus.

Der Wink mit dem Leben nach dem Tod war früher ein noch einigermaßen probates Mittel, um Menschen in die Kirche zu holen. Aber der Großteil der Menschen, vor allem junge Menschen, ist genug mit diesem Leben beschäftigt. Und sich um das zu kümmern, was danach kommt, ist für sie fast Zeitverschwendung. Und außerdem ist für viele überhaupt nicht nachvollziehbar, was die Kirche dazu zu sagen haben soll. Schließlich „ist noch niemand zurückgekommen“, der uns sagen könnte, was wirklich los ist – so die strapazierte Floskel, um verbale Ausflüge ins Jenseits zu kommentieren. Die Kirche wird für solche Fragen nicht mehr als kompetent erachtet. Für das, was nach dem Tod sein soll, hält man sie für nicht zuständig. Dass es der Kirche früher durchaus gelungen ist, mit Tod, Gericht und Hölle zu drohen, könnte genetisch zwar noch Spuren hinterlassen haben, aber… Angst kann man dem modernen Menschen, wenn er psychisch gesund ist, mit Tod und Hölle nicht mehr machen, wiewohl die Kirche das in der Vergangenheit durchaus getan hat.

Etwas, was gar nicht gut ankommt, vielen sauer aufstößt, ist das Auftreten der Kirche bzw. vieler ihrer Amts- und Würdenträger. Der Absolutheitsanspruch ihrer Lehre, der Anspruch der Unfehlbarkeit der obersten Kirchenleitung, das kann niemand mehr verstehen. Und dazu kommt noch, dass sich dieser Anspruch auch in einem oft feierlichpompösen Outfit sichtbar wird, wenn zum Beispiel purpurgetränkte Bilder über den Bildschirm flimmern. Keine Frage, die Kirche muss da an ihrem äußeren Erscheinungsbild arbeiten. Sie muss grundsätzlich bescheidener und glaubhafter werden in ihrem Auftreten und darf die hierarchische Struktur nicht so heftig zur Schau stellen. Allerdings muss ich diese kritischen Gedanken an dieser Stelle kurz unterbrechen und darauf hinweisen, dass Papst Franziskus gerade diesbezüglich der Kirche einen neuen Weg weisen möchte. Seine Kirche der Glaubwürdigkeit, der Bescheidenheit, der Nähe zu den Menschen, besonders zu den Armen bekommt innerkirchlich zu viel Gegenwind zu spüren. Die unbestreitbare Sympathie und Glaubwürdigkeit seiner Person wird nicht der Kirche zugeschrieben.

Interessant ist, dass durch die starke Zuwanderung, vor allem aus muslimischen Ländern, und durch diesen einer muslimischen Völkerwanderung gleichenden Flüchtlingsstrom unser „christliches Abendland“ wieder als Argument entdeckt und benutzt wird. Man geht dafür sogar mit Transparenten und Sprechchören auf die Straße. Bei näherem Hinschauen erkennt man aber bald, dass es da nicht wirklich um Religion oder Kirche geht. Da geht es um das Bewahren von Tradition und die Angst vor „Überfremdung“. Diese Angst kann sich auch in Gewalt verwandeln und entladen. Dieser scheinbare oder scheinheilige Rückenwind für das Christentum kommt von der politisch rechten, also nationalistischen Seite und hat mit Gott und Religion letztlich nichts zu tun. Da verkommt Kirche zum bloßen Kultursubstrat und wird für Fremdenfeindlichkeit missbraucht.

Auch wenn man im Blick zurück in die Geschichte der Kirche nicht nur die schwarzen Flecken sehen darf, so gibt es doch unbestreitbar einen großen Ballast, den die Kirche aus ihrer Geschichte mit sich schleppen muss. Sie trägt da einen schweren Rucksack, auch wenn ihn viele nicht wahr haben wollen. Zu weit hat sie sich immer wieder von der Botschaft dessen entfernt, den zu verkünden und nachzufolgen ihre Aufgabe gewesen wäre. Bei vielen sind es nur einzelne dunkle Fragmente aus der Geschichte, um die sie wissen, und diese erwecken im Halbwissen dann den Eindruck, die ganze Geschichte zu sein. Auf eine Aufzählung der großen Sünden wider das Evangelium soll hier bewusst verzichtet werden, aber die Verbrennungen und Kreuzzüge müssen stellvertretend erwähnt sein. Und es stimmt nicht, dass es nur ein paar dunkle Flecken wären auf einer ansonst weißen Weste. Für jemanden, der von der Geschichte her auf die Kirche zugehen möchte, ist es nicht einfach, in seine Zelte aufzuschlagen. Das ist auch heute nur von der Person Jesu und seiner Botschaft her möglich.

Eine vollständige Beantwortung der in der Überschrift gestellten Frage sind diese Zeilen natürlich nicht, aber sie wollen einige wesentliche Bedingungen aufzeigen, denen die Kirche ausgesetzt ist, sie wollen aber auch Verschuldungen der Kirche nicht verschweigen – in der Hoffnung, dass sie den Leser zum Nachdenken anregen, das er dann selber fortsetzen soll. Die Kirche – und das ist vor allem auf die Leitung ganz oben gemünzt –  darf den Glauben nicht nur ängstlich bewachen, sie darf sich nicht zwischen Jesu Botschaft und den Menschen stellen, sodass sie den Blick auf diesen Jesus aus Nazaret versperrt.  Sie muss die Menschen erkennen und spüren lassen, dass sie sich auch zweitausend später in den Fußspuren dieses Jesus von Nazaret bewegt. Und am Ende dieser Zeilen möchte ich mich auch selber wieder in der Verantwortung wissen. Denn wie gesagt, diese Kirche ist auch meine Kirche.

 

© Josef Gredler