Josef Gredler

Was tun mit den Millionen auf der Flucht? 

 

Unvorstellbares, noch nie dagewesenes Flüchtlingselend hat sich über unseren Planeten Erde gebreitet. Nicht Tausende, nicht Hunderttausende,  sondern Millionen Menschen – Männer und Frauen, Kinder und Greise müssen ihr  Zuhause, ihre Heimat verlassen, um der Not, der Gewalt, dem Schrecken, dem Tod zu entkommen, und flüchten dorthin, wo sie glauben, Rettung zu finden und in Sicherheit zu sein. Sie wollen (über)leben. Manchmal können sie noch ein paar Habseligkeiten mitnehmen, meistens aber nur das nackte Leben und das, was sie gerade am Leib tragen. Viele von ihnen können ihr Ziel nicht erreichen, die Erde unter ihren Füßen oder das Wasser unter ihren überfüllten Booten wird ihnen zum Grab, auf dem nie ihr Name stehen wird. Ihre leblosen Körper werden zur stummen Anklage, die zum Himmel schreit. Jene, die ihre Flucht überleben, werden in Lagern aufgefangen oder in Zeltstädten untergebracht. Ihre Hoffnung verdunkelt sich, man weiß nicht wohin mit ihnen. Sie hängen an ihrem erbärmlichen Leben und sind denen, von denen sie Hilfe erhoffen, zur Plage geworden. Die Stimmen, die sich für sie erheben, reichen nicht aus für umfassende Hilfsmaßnahmen.

So diskutieren oder streiten die Länder der EU über einen „Aufteilungsschlüssel“, um jene Flüchtlinge möglichst so auf die einzelnen Länder zu verteilen, dass man sie dort nicht wirklich spürt. Von einigen Mitgliedsstaaten kommen ganz klare Absagen, Flüchtlinge aufzunehmen und sich so an der Lösung dieses humanitären Elends zu beteiligen. Hinter diesem beschämenden, weil unmenschlichen Nein steht eine im doppelten Sinn satte Mehrheit von Wählerstimmen. Skrupellose Politiker schüren bewusst die Angst vor diesen Flüchtlingen, missbrauchen sie als Leitersprossen, über die sie an die Macht gelangen wollen. Mit der Angst, dass diese Flüchtlinge unseren materiellen Wohlstand, unsere kulturelle und soziale Ordnung, unsere Sicherheit gefährden, lässt sich Politik machen. Diese Angst sichert Wählerstimmen und Macht. Leider ist auch in Österreich massiver Widerstand aus einigen Bundesländern zu spüren. Den Zeitungen werden Flüchtlinge zu Leser heischenden Schlagzeilen mit Seiten füllenden Schreckensmeldungen. Das Fernsehen liefert uns täglich diese Bilder ins Wohnzimmer, vor denen offensichtlich Menschen sitzen, aus denen sich europaweit keine ausreichende Prozentquote ergibt, die politisch wirksamen Einfluss nehmen könnte, um einen humanitären Kurs aller EU-Staaten einzuschlagen. Wären diese Frauen und Männer, Kinder und Greise auf der Flucht umgekommen, könnten sie größte Betroffenheit zeigen, wären aber das Problem los. Weil sie noch leben, sind die Flüchtlinge zum Problem geworden, das niemand will. Menschen in Not, und das sind diese Flüchtlinge zweifelsfrei, können sich nicht in Luft auflösen. Sie sind da. Dieses Problem menschlich zu lösen ist natürlich nicht ohne jedwede  Beeinträchtigung unserer eigenen Situation möglich. Nur eine aufrichtige von humanitärer Logik geleitete Politik kann diese Flüchtlingskatastrophe menschlich, der Spezies Mensch angemessen, lösen. Eine solche Logik stützt sich auf drei Eckpfeiler:

 Wir müssen die Ressourcen dieser Welt global verstehen. Es gibt auf der Welt genug Wasser, genug Rohstoffe, genug Lebensmittel, genug Platz…, dass alle leben können. Hunger und Not entstehen aus der ungerechten Verteilung dieser Lebensgrundlagen. Weil die einen zu viel von den Ressourcen haben = nehmen, haben andere zu wenig. Armut und Not sind eine Folge der ungerechten Verteilung. Wenn alle EU-Bürger, die es sich leisten können, bereit wären, von ihrem Wohlstand ein paar Prozent abzugeben, bräuchten die EU-Staaten nicht um Prozentsätze streiten, wie sie die Flüchtlinge verteilen können. Es geht ja bei diesem Verteilungsschlüssel offensichtlich darum, dass jedes Land nur so viele Flüchtlinge aufnehmen „kann“, dass diese den Lebensstandard der Menschen des jeweiligen Landes um kein Yota vermindern. Man darf die Flüchtlinge sozusagen nicht spüren, nicht im Geldbörsel, nicht auf der Straße, nicht in der emotionalen Befindlichkeit. Natürlich gibt es auch in der EU Menschen, die in Armut leben und die man daher nicht weiter belasten darf. Aber wenn alle anderen, „denen es gut geht“, ein paar Prozentsätze von ihrem Lebensstandard abtreten an jene, die zu uns geflüchtet sind, dann wäre die Diskussion um die Verteilungsquote der Flüchtlinge auf die einzelnen EU-Länder bzw. der Streit um die Verteilung der Flüchtlinge auf die einzelnen Bundesländer in Österreich schon erledigt. Der Libanon hat sechs Millionen Einwohner und zwei Millionen Flüchtlinge. Das ist weit über jedes zumutbare Maß, aber im Libanon doch Realität.

 Das Schicksal der anderen darf uns nicht gleichgültig sein. Jede soziale Einheit, von der kleinen Familie bis zum großen Staatswesen, braucht die Fähigkeit des Mitleidens und Mitfühlens. Ohne diese Fähigkeit wird sie innerhalb ihrer selbst unmenschlich und gefährdet sich selber. Viele Diskussionen um die Flüchtlingsproblematik sind von einer großen Gefühlskälte geprägt. Wenn es um die eigenen Ansprüche geht, werden viele Menschen zu emotionalen Kühlschränken. Wo Not nicht mehr berührt, prallen alle Argumente ab. Wenn uns die Flüchtlinge, die unsere Hilfe brauchen, kalt lassen, wird diese Kälte auch unser Zusammenleben prägen und uns selber immer wieder zum Problem werden. Es gibt unzählige Symptome dafür, dass die wirtschaftlich hoch entwickelten Länder am Virus sozialer, emotionaler Kälte erkrankt sind. Darüber können auch finanzielle Hilfsaktionen nicht hinwegtäuschen.

 Hilfe verlangt auch Klugheit. Natürlich schafft ein Leben mit Flüchtlingen auch Probleme. Wenn verschiedene Kulturen und Religionen aufeinanderprallen, können sich leicht Konflikte entzünden. Nur wer darum weiß, kann vorbeugend handeln. Wenn in einem Dorf mit zweitausend Einwohnern in einem leerstehenden Gebäude zweihundert Flüchtlinge untergebracht werden sollen, dann muss dieses Vorhaben von kompetenten Personen vorbereitet und betreut werden, damit diese humanitäre Maßnahme auch gelingt. Klugheit verlangt auch, dass man ein Übel möglichst an der Wurzel zu beheben sucht. Das heißt, jede Hilfsmaßnahme, die dazu führt, dass jemand nicht fliehen muss, ist besser als die Hilfe nach der Flucht. Deshalb ist die Verbesserung der Lebensumstände und der Lebensperspektive vor Ort die beste und wirksamste Hilfe. Klugheit muss auch erkennen, dass wirksame Hilfe flexibel und umfassend sein muss. Es braucht sofortige Rettungseinsätze, dann kurzfristige Hilfsmaßnahmen, dazu mittelfristige Übergangslösungen und schließlich langfristige Lösungen. Flucht wird so lange Realität bleiben, so lange es Krieg und Katastrophen gibt.

 Nur das Zusammenwirken aller drei Faktoren wird die Flüchtlingsproblematik menschlich, vernünftig und wirksam lösen bzw. regeln helfen.

 

 © Josef Gredler