Josef Gredler

Lehrerinnen und Lehrer müssen mehr unterrichten?

 

Die Diskussion um die Anhebung der wöchentlichen Unterrichtzeit = Lehrverpflichtung der Lehrer/innen ist ja nicht neu. Neu ist auch nicht der populistische Stil, in dem diese Diskussion wieder geführt wird. Es ist noch nicht so lange her, dass man die Lehrer/innen in den Medien wie Kühe durch das Dorf getrieben und als Spezies dargestellt hat, deren mangelnder Einsatzbereitschaft man jetzt endlich per Gesetz einen Riegel vorschieben muss. Viele haben sich vehement, emotional und ohne entsprechende Sachkenntnis an der Diskussion beteiligt, die öffentlich im Stil einer Anklage geführt wurde. Endlich hatte man die „faulen Lehrer“ auf der Anklagebank und hoffte auf ein „gerechtes“ Urteil. Die Bank der Verteidigung war leider schwach besetzt und nicht imstande, Fakten und Hintergründe sachlich aufzuzeigen. Die einzigen fundierten und überzeugenden Argumente mit Einblicken in ihre tatsächliche Arbeit in der Schule kamen von einzelnen Lehrer/innen selbst, aber diese konnten sich gegen die öffentliche Stimmung, die nun einmal mit medialer Unterstützung gegen sie gerichtet war, nicht durchsetzen.

Lehrer/innen müssen in Hinkunft um zwei Stunden mehr pro Woche in der Klasse unterrichten. Eine Blitzumfrage einer großen österreichischen Tageszeitung, ob das zu begrüßen ist, hat wenig überraschend zum Ergebnis geführt: Mehr als siebzig Prozent sind dafür, nicht ganz dreißig Prozent sind dagegen. Als ehemaliger Lehrer und Verfasser dieser Zeilen möchte ich aufzeigen, warum dieser Beschluss der Regierung, dass Österreichs Lehrer/innen in Hinkunft pro Woche zwei Stunden mehr unterrichten müssen, ohne dass damit ihre Gesamtarbeitszeit angehoben wird, eine Mogelpackung ist. Ehe man die Lektüre dieses Beitrages fortsetzt, mögen die Leser den fettgedruckten Beschluss nochmals lesen, vor allem die Einschränkung nach dem Beistrich, die diesem Beschluss Züge einer Farce verleiht. Dabei geht es mir primär nicht darum, gegen zwei Stunden mehr Unterrichteszeit zu argumentieren, obwohl man auch diese Diskussion unterrichtsqualitätsbezogener führen müsste, sondern gegen den Zusatz, dass dadurch nicht die Gesamtarbeitszeit angehoben wird. Wenn die Regierung diese Einschränkung ernst meint, wie immer der Wortlaut des Beschlusses genau lautet, kann sie dafür nur zwei mögliche Beweggründe haben:

 Beweggrund 1:

Die Regierung ist der Meinung, die Lehrer/innen sind bisher gar nicht auf eine Vierzigstundenwoche gekommen, daher kann man ihre wöchentliche Unterrichtszeit = Lehrverpflichtung ohne weiteres um zwei Stunden erhöhen, ohne damit eine volle Arbeitswoche von vierzig Stunden zu überschreiten.

 Beweggrund 2:

Wenn die Regierung der Meinung ist, dass Lehrer/innen im Jahresschnitt bisher schon eine Vierzigstundenwoche hatten, dann bedeutet diese Einschränkung: Die Lehrer/innen sollen zwei Stunden mehr unterrichten und dafür zwei Stunden weniger Zeit für Vorbereitung bzw. Unterrichtsplanung aufwenden!

 Es gibt nur diese beiden Erklärungsmöglichkeiten und keine dritte. Wenn der Beschluss der Regierung aus dem Beweggrund 1 entstanden ist, dann hat sie bezüglich einem Nichtanheben der Gesamtarbeitszeit die Unwahrheit gesagt und das, was sie tatsächlich denkt, verschwiegen. Vielleicht um sich die befürchteten zu erwartenden Reaktionen aus der Lehrerschaft bzw. deren Vertreter zu ersparen. Auf alle Fälle rückt die Regierung dann nicht mit dem heraus, was sie tatsächlich zu dieser Entscheidung veranlasst hat. Aus eigener Erfahrung muss ich hier klar feststellen, dass eine pädagogisch, fachlich und methodisch-didaktisch fundierte Unterrichtsplanung genauso viel Zeit beansprucht wie der Unterricht selber. Wer das in Abrede stellt, hat bezüglich bestmöglicher Unterrichtsplanung eine ungenügende Vorstellung. Dass es vielleicht auch Lehrer/innen gibt, die dem nicht gerecht werden, ist eine ganz andere Sache. Ich kenne keine Berufsgruppe, in der es nicht auch schwarze Schafe gibt, aber man darf keine Zunft an ihren schwarzen Schafen messen. Dieses Problem muss man anders lösen, aber nicht durch ein quasi Kollektivstrafe. Wenn die Regierung jedoch den Beschluss aus dem Beweggrund 2 gefasst hat, dann ist sie offensichtlich der Meinung, dass weniger Unterrichtsplanung auch ausreichend ist. Diese Ansicht wäre auf dem Hintergrund der ganzen Diskussion um die Qualität der österreichischen Schule zumindest makaber. Ein guter Unterricht bedarf doch einer umfassenden, den neuesten Erkenntnissen von Lehren und Lernen entsprechenden Unterrichtsplanung, die natürlich auch schriftlich (!) erfolgen muss. Dass langjährige Berufserfahrung die Notwendigkeit einer schriftlichen Unterrichtsplanung aufhebt, ist blanker Unsinn. Die „Wunderwuzis“, die für alle Unterrichtseinheiten den Plan im Kopf haben, gibt es nicht. Außerdem geht es nicht nur um die Erfahrung der Lehrer/innen, sondern auch um immer wieder neue Erkenntnisse über Lehren und Lernen und den jeweiligen Unterrichtsgegenstand und seine fachspezifischen Inhalte. Damit wären wir bei einer ganz zentralen Schraube für die Qualität von Unterricht und Schule angelangt. In anderen Bereichen wäre es völlig undenkbar, bei der Planung einzusparen, ohne ein schlechteres Ergebnis in Kauf zu nehmen. Hier befindet sich die Regierung offensichtlich wieder einmal auf einem schulischen Rodeoritt. Seit Jahren will sie – aufgescheucht durch PISA und andere Evaluierungsergebnisse – die Schule verbessern, tritt dabei jedoch auf der Stelle. Sie hat ganz einfach die Schrauben nicht gefunden, an denen man drehen müsste, wenn man  Qualitätsverbesserung erreichen will. Dass diese Regierung Einsparungen vornehmen muss, wird jeder verstehen, der nur einigermaßen rechnen und volkswirtschaftlich denken kann. Auch über die Anhebung der Arbeitszeit oder des Pensionsalters nachzudenken muss angesichts der volkswirtschaftlichen Fakten erlaubt sein. Aber man darf sich bei der Suche nach einer Lösung nicht auf eine Berufsgruppe beschränken oder „einschießen“. Da auch diese Regierung um den unmittelbaren Zusammenhang zwischen Unterrichtsplanung und Unterrichtsqualität wissen muss, bleibt nur der Beweggrund 1 als Erklärung für ihren Beschluss übrig. Die erläuternde Einschränkung, dass mit diesem Beschluss die Gesamtarbeitszeit nicht angehoben wird, ist eigentlich blanker Zynismus.

 

© Josef Gredler