Josef Gredler

Giftspritze oder fünf Freiwillige, die schießen

 

Im Vollzug der Todesstrafe durch eine Giftinjektion ist es in den USA wiederholt zu Pannen gekommen, bei der die Delinquenten langsam, in einem Zeitraum zwischen zehn Minuten und fast zwei Stunden, qualvoll verenden mussten. Wie ich bereits im Beitrag "Kann man die Todesstrafe  moralisch rechtfertigen?" dargelegt habe, bin ich als Verfasser dieser Zeilen ein entschiedener Gegner der Todesstrafe. Sie ist ein unmenschlicher, moralisch nicht zu rechtfertigender Strafvollzug und auch durch die Abscheulichkeit des Verbrechens, dessentwegen der Täter und Verurteilte im Namen des Gesetzes getötet werden soll, nicht zu rechtfertigen. Wenn diese Exekution dann zum langsamen qualvollen Verenden wird, bekommt eine solche Hinrichtung Ähnlichkeiten mit bestialischen Exekutionsmethoden, wie sie außerhalb kultivierter Rechtsstaatlichkeit praktiziert werden. Köpfen, Halsabschneiden, sogar das Verbrennen bei lebendigem Leib führen schneller zum Tod als solche „Giftspritzenpannen“. Offensichtlich gab es immer größere Probleme, den erforderlichen und „geeigneten“ Giftmix von Pharmafirmen zu erhalten. Nach diesen Pannen sind Pharmabetriebe offensichtlich noch weniger bereit, das hiefür erforderliche Gift zur Verfügung zu stellen. Ob es humanitäre, rechtliche oder mediale Beweggründe sind, bleibt dahingestellt, sie wollen für solche „Pannen“ bzw. Verendungsszenarien nicht verantwortlich sein oder gemacht werden. Der Vorschlag der Republikaner, das Todesurteil künftig statt mit einer Giftspritze durch Erschießen zu vollziehen, lässt aufhorchen und Entsetzen aufkommen. Auch wenn diese „Exekutionsmethode“ für den Delinquenten tatsächlich schneller zum Tod führen würde, bleibt das Ansinnen dennoch verachtenswert makaber. Dazu würde man, so der  kolportierte Vorschlag der Republikaner, fünf Freiwillige aussuchen, die bereit sind, ihre Waffe auf den  Verurteilten zu richten und dann zum tötenden Schuss abzudrücken. Gerichte suchen dann in Hinkunft fünf Personen – ich nehme an, es handelt sich um Exekutivbeamte und nicht um Zivilpersonen –, die bereit sind, den Verurteilten zu erschießen, bzw. dies vielleicht sogar gerne tun. Die abartige Freude am Töten lässt sich  bei solchen Freiwilligen ja nicht ausschließen. Welcher Spezies von Menschen bedient sich da der Rechtsstaat? Welche Charaktere von Menschen sucht da der Staat bzw. der jeweilige Bundesstaat, um dieses, den Tod bringende „Geschäft“ zu erledigen? Wie groß ist dabei die Gefahr, dass abartige Charaktere hier eine Möglichkeit finden, auf ganz legale Weise jemanden zu erschießen? Ich bin überzeugt, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen der Tatsache, dass der Staat im Namen des Gesetzes tötet und dies möglicherweise künftig durch Erschießen besorgt, für die sich fünf „taugliche“ Personen freiwillig „zur  Verfügung stellen“, und den wiederholt berichteten ungerechtfertigten tödlichen Schüssen von Exekutivbeamten.  Diese fünf Freiwilligen als Alternative zur „pannenanfälligen Giftspritze“ ist laut Medienberichten das Ansinnen der Republikanischen Partei oder Teile dieser. Nun darf dieses Ansinnen nicht auf den entpersonifizierten Begriff einer Partei reduzieren, denn diese Partei repräsentiert mehr als ein Drittel  der amerikanischen Wähler/innen. Hinter dieser abscheulichen wie abartigen Idee stehen damit rund hundert Millionen Männer und Frauen in den USA. Wenn dem nicht so ist, dann können diese ja „ihre“ Partei nächstes Mal abwählen. Wenn sie es nicht tun, dann sind sie dafür mitverantwortlich. Jene Demokratie, jener Rechtsstaat, jene Großmacht, die so etwas wie einen Leadershipanspruch in der Weltpolitik stellt und wohl auch hat, tut im Prinzip dasselbe, zumindest Ähnliches wie jene, die sie nicht müde wird, wegen ihrer bestialischen Tötungsmethoden lautstark zu  verurteilen und zu bekämpfen. Wie glaubwürdig ist es, wenn ein Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika bei einem Staatsbesuch Fragen der Menschenrechte thematisiert? Eine moralische Leadershiprolle dürfen die USA nicht für sich beanspruchen. Kritik an der Todesstrafe grundsätzlich und an der Art der Hinrichtung im Besonderen darf sich natürlich nicht auf die Vereinigten Staaten beschränken. Außer den USA waren es noch 58 Länder, in denen 2010 die Todesstrafe noch gesetzlich möglich war. Aber wegen ihres faktischen Führungsanspruches in der Weltpolitik müssen sie es sich gefallen lassen, dass sie unter besonderer Beobachtung der Weltöffentlichkeit stehen und die Tatsache, dass sie bezüglich Todesstrafe zu den „führenden“ Staaten gehören, ihnen die Glaubwürdigkeit in Sachen Menschenrechte nimmt.

 

© Josef Gredler