Josef Gredler

Wenn die Realität der Gewalt die Phantasie überholt

 

Was man seit Wochen täglich über die Welle der Gewalt der Terrormilzen Islamischer Staat (IS) lesen, hören und sehen muss, ist wie ein Blick in die tiefsten und finstersten Abgründe des Bösen. Die Realität dieser Gräueltaten hat die Möglichkeit der Phantasie überholt. Abartig, höllisch! Wir stehen fassungslos vor der Frage: Wie können Menschen so etwas tun, den Kopf abschneiden, abschlachten? Viele Hunderttausende Männer, Frauen und Kinder versuchen diesem Schrecken durch Flucht zu entkommen und ihr nacktes Leben zu retten. Denen das gelungen ist, die hoffen und warten in Zeltlagern zusammengepfercht verzweifelt auf Hilfe. Die vielen Tausenden, denen das nicht mehr möglich war, werden dahingemetzelt oder niedergeschossen und in Massengräbern verscharrt, als wären sie Ungeziefer oder giftiges Getier, das es auszurotten und zu vertilgen gilt. Es ist ein Netzwerk des Todes, das hier die Bühne der Geschichte betreten hat. Das Ausmaß der Bedrohung vermag noch niemand wirklich abzuschätzen. Gegen diese Logik der Finsternis findet man keine wirksamen Mittel. Eine breite Antiterror-, aber in vielen Fragen doch uneinige und in sich gespaltene Allianz versucht mit Kampfjets, diesen ultra-islamistischen Staat, der sich selbst als Kalifat ausgerufen hat, niederzubomben und so zu verhindern. Kurdische Milizen versuchen, dieser Schreckensherrschaft am Boden gegenüberzutreten und Einhalt zu gebieten, um ihre Landsleute zu schützen. Letztlich weiß die Welt, die diesen Terror fürchtet, nicht, was sie tun soll bzw. ist sich in wesentlichen Fragen nicht einig und damit handlungseingeschränkt. Heute kann niemand sagen, wie das Ganze endet. Wir wissen nicht, was morgen sein wird. Wir wissen nicht, welche Rolle Scharia, Jihad und Kalifat in der Welt von morgen einnehmen. Wir sind völlig konsterniert darüber, dass es diesen IS-Milizen gelingt, weltweit Jihadisten zu rekrutieren, auch aus Ländern, von denen wir das nie vermutet hätten. Über viertausend aus der EU! Und der Nachschub scheint nicht zu versiegen.

 Wenn Barak Obama – warum nur er? – unter anderem eine offene Diskussion darüber fordert, „was überhaupt zu dieser Bedrohung geführt hat“, dann kommt eine solche Ursachenforschung zu spät und wird, wie ehrlich und ernsthaft sie immer auch geführt wird, kurzfristig im Irak und in Syrien nichts mehr ändern, wäre aber ähnlich wie ein weltweiter Klimagipfel die allerletzte Chance, langfristig den Lauf der Geschichte von der terroristischen Logik in Richtung humaner Lösungsbemühungen zu lenken. Der iranische Präsident Rohani kommt den Wurzeln terroristischer Gewalt sehr nahe, wenn er vor der UNO-Vollversammlung mahnend erklärt, "Terrorismus ist das Ergebnis von Armut, Unterentwicklung, Diskriminierung, Demütigung und Ungerechtigkeit". Wer dem Terrorismus langfristig den Nährboden entziehen will, muss Armut bekämpfen, Entwicklungshilfe leisten, sich um Verteilungsgerechtigkeit bemühen, die Würde des Menschen anerkennen und praktizieren. Wir verstehen nicht, dass sich junge Menschen aus den so genannten „westlichen Ländern“ dem Jihad anschließen. Was bewegt diese, ihr Wohlstandsland zu verlassen und in den Jihad zu ziehen? Diese Frage müsste weltweit ein vorrangiges Thema soziologischer Forschung werden. Man darf nicht naiv nach nur einer Ursache suchen, man muss nach einem Bündel von vielen verschiedenen Ursachen suchen, die in ihrer Konvergenz jene Situation schaffen, die inzwischen eine Radikalität erreicht haben, die man sich gestern noch gar nicht vorstellen konnte. Dieses Phänomen bedarf einer globalen Diskussion und Besinnung.

 Wenn jetzt einige Staaten unter der Führung der USA mit Luftangriffen diese Bedrohung aus der Welt bombardieren möchten, muss man einräumen, dass mit friedlichen Mitteln dieser jede Vorstellung übersteigenden Grausamkeit nicht mehr Einhalt zu gebieten ist. Aber ebenso müssen wir begreifen, dass Bombenteppiche langfristig terroristische Gewalt nicht verhindern werden. Diese Form des absoluten Terrors ist mit seiner Logik zur größten Bedrohung für die Menschheit geworden! Aber haben die Länder dieser Antiterrorallianz nicht selber mitgeholfen, jenen Boden zu bereiten, auf dem nun diese Saat der Gewalt aufgeht?

- Da wird seit Jahrzehnten mit aufsteigender Tendenz Gewalt über Video, Kino und Fernsehen in die Wohnzimmer transportiert, auch bei uns in Österreich. Diese Produktionen verkaufen sich gut. Und Geld regiert auch bei uns die Welt. Man kann im bequemen Sessel vor dem Fernseher sitzen, genüsslich Chips und Ähnliches in sich hinein schieben und sich an Gewaltszenen ergötzen. Da wird Gewalt zur Unterhaltung gemacht, zu einem Mittel gegen Langeweile. Wenn man bereit ist, eine ganze Generation mit solchem Unterhaltungsangebot zu verseuchen, darf es doch nicht verwundern, wenn aus dieser dann irgendwann junge Menschen ausbrechen, um selbst zu Gewalttätern zu werden, sei es in verbrecherischen Delikten in ihren Ländern oder auf der Bühne des Jihad, die in unvorstellbarer Weise die  absolute Schreckensherrschaft  zur Zukunft erklärt. Es wäre zu eindimensional naiv gedacht, wollte man den aktuellen Gewaltlevel einfach und direkt aus diesen Filmen ableiten, aber sie fördern die Gewaltbereitschaft. Worin denn sonst soll der Einfluss bestehen, den sie ausübe?

- Unzählige Computerspiele ermöglichen schon Kindern das virtuelle Abschießen, Töten und Auslöschen von "anderen". Diese Möglichkeiten virtuellen Tötens waren ja kein Geheimnis, man hat von ihnen gewusst, aber die Anstrengungen, sie zu verhindern, waren halbherzig und vor allem nicht erfolgreich. Man konnte oder wollte sie nicht verhindern, weil andere - wer immer diese Anderen sind - viel Geld damit gemacht haben. Dass dieses virtuelle Töten quasi ein Sprungbrett zum realen Töten werden kann, vor allem dann, wenn man jahrelang darin erprobt ist, muss einleuchten. Hinzu kommt verstärkend, dass der Hochkapitalismus immer mehr dazu geführt hat, dass Eltern für ihre Kinder nicht mehr die nötige Zeit aufbringen können, weil sie beide in den Arbeitsprozess eingespannt sind, um die materiellen Ansprüche und Notwendigkeiten zu befriedigen. Die Familie als Keimzelle "sozialer Menschwerdung" wird seit Jahrzehnten destabilisiert und teilweise aufgelöst. Noch nie waren so viele Kinder so viel allein zu Hause und vertreiben sich die Zeit mit Fernsehen und Computerspielen, die für sie produziert worden sind ohne Rücksicht auf ihre Lebensentfaltung.

- Es gibt immer noch Staaten, die der Meinung sind, wenn sie selber im Namen ihres Gesetzes töten, dann sei das rechtens.  Das heißt dann aber, töten ist nicht tabu. Die IS-Extremisten verstehen sich schon längst als Staat bzw. Kalifat und sie töten im Namen ihres Gesetzes, das zwar nicht aufgeschrieben ist, aber sich inwendig manifestiert hat. Sie haben ein Gesetz, das ihnen erlaubt zu töten. Dass sie auf so grausame und verabscheuungswürdige Art und Weise tun, Kopf abschneidend und abschlachtend, verbietet ihnen ihr Gesetz leider nicht.

- Die Welt der Hochfinanz ist gnadenlos und korrupt, da zählt der einzelne Mensch schon längst nicht mehr. Dieser menschenfeindliche Finanzkapitalismus hat die Achtung vor dem Leben längst verloren. Es ist zu einem Faktor degradiert, mit dem man rechnet, plus, minus. mal und dividiert durch. Zahlen haben in ihrer Bedeutung den Menschen schön längst ins  Abseits verschoben. Was sind schon Menschen gegen Zahlen mit vielen Nullen dahinter?

- Und diese Nullen sind es ja, die auch quasi friedliche Staaten Waffen produzieren lassen, um diese dann dorthin zu verkaufen, wo mit ihnen Konflikte ausgetragen und Ansprüche durchgesetzt werden. Und dann müssen sie Waffen gegen die eigenen Waffen einsetzen. Das Wirtschaftswachstum verlangt aber deren Produktion. Geld stinkt nicht. Und dieses Wirtschaftswachstum verhindert seit Jahren, dass Klimakonferenzen auch nur in Ansätzen erste positive Ergebnisse bringen. Emissionen verringern ist nicht möglich, weil das Wirtschaftswachstum das nicht zulässt. Es müssen immer neue Geldschöpfungsflächen erschlossen werden, auch wenn man den Lebensraum von Pflanzen, Tieren und Menschen immer mehr einschränkt.

- Alles, was sich zu Geld machen lässt, ist bedroht. Lebensmittel werden genetisch verändert, Lebensräume werden eingeengt oder zerstört, Menschen werden von skrupellosen Schleppern im Meer sich selbst überlassen. Dass in  Ländern, wo das Leben solchen Maximen unterworfen ist, sich Menschen finden - wohlstandverwahrlost, ausgegrenzt, ausgebeutet, benachteiligt, verfolgt, missachtet, ohne Sinn und Orientierung - darf doch nicht verwundern. Hier müssen sich die kapitalistischen Länder des Westens und des Ostens, des Nordens und des Südens, ob demokratisch regiert oder weniger, den Vorwurf gefallen lassen, dass sie wie der Zauberlehrling die Geister nicht mehr loswerden, die sie selber gerufen haben.

Wer den Terror bekämpfen will, muss tiefer ansetzen und in die Ursachen einzudringen versuchen. Alle Staaten, die sich vom Terror bedroht wissen, müssten  einer weltweiten Antiterrororganisation beitreten, deren einzige Aufgabe und alleiniges Ziel darin besteht,  umfassende wissenschaftliche Ursachenforschung zu betreiben. Wenn man dann Ursachen benennen kann, müssten entsprechende Maßnahmen überlegt und beschlossen werden. Friedensforschung muss weltweit zu einer vorrangigen Aufgabe werden. Eine der Friedensforschung dienende Organisation darf in ihrer Arbeit weder von der Politik, noch von der Religion beeinflusst werden. Die Ergebnisse müssen ohne Einflussnahme der Politik und Religionen veröffentlicht und diskutiert werden. In diese Diskussion müssten dann auch die Religionen, die den Terror ablehnen, einbezogen werden. Man darf die Religionen nicht aus ihrer Verantwortung entlassen, gleichzeitig aber müssen diese bereit sein, sich von der staatlichen Macht zu trennen. Auch das Christentum hat sich mit Blut besudelt, als es staatliche Macht ausüben konnte. Das Christentum hat diese verhängnisvolle Verstrickung mit weltlicher Macht durch die Aufklärung überwunden. Der Islam hat noch keine Aufklärung erfahren. Ein so genannter Gottesstaat ist wegen seines totalitären Anspruches abzulehnen. Eine Trennung von Staat und Religion ist unverzichtbar, sowohl für den Staat als auch für die Religion. Auch Institutionen und Organisationen, die direkt oder indirekt mit terroristischer Gewalt zu tun haben, müssten einbezogen werden. Alle Staaten, denen es ernst ist mit der Terrorbekämpfung, müssten in ihren demokratischen oder weniger demokratischen Entscheidungsebenen,  diese Antiterrormaßnahmen beschließen. Es braucht eine weltweite Antiterrorallianz, Antiterrorkonferenz, die die Ergebnisse einer globalen Friedensforschung in die Tat umzusetzen bereit ist.

 

© Josef Gredler