Josef Gredler

Keine Sicherheit für Israel ohne Hoffnung für Palästinenser

 

Es gibt wohl nur wenige Punkte auf der Landkarte, wo Friede in so weite Ferne gerückt ist, dass er wie ein kleiner Partikel nicht mehr sichtbar, gar nicht mehr vorstellbar ist, wie in jenem Flecken Erde an der östlichen Mittelmeerküste, der seit 1946 Israel heißt. Der Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern gleicht seit damals einem ununterbrochen tätigen Vulkan, der seine zerstörende Glut in die Luft schleudert, mit wechselnder Gewalt, aber unablässig. Diese Zeilen wollen nicht den Nahostkonflikt in seiner geschichtlichen Entwicklung darstellen, wenngleich das Wissen um die Geschichte immer wichtig bleibt für eine Bewertung des jeweils aktuellen Geschehens, aber ebenso wichtig ist es, einen Blick voraus in die Zukunft zu wagen und dabei den Ballast der Geschichte loszulassen. Um aller Menschen willen, die dort auf diesem kleinen Flecken Erde, der sich auf einem Globus kaum abbilden lässt, muss ich die Frage stellen: Wie könnte hier für alle Friede möglich werden?

Wenn wie vor einigen Tagen zwei palästinensische Terroristen in eine Synagoge in Westjerusalem eindringen und dort mit einem Beil vier betende Juden niedermetzeln, dann ist das ein bestialisches Verbrechen, das von der ganzen zivilisierten Welt verurteilt und geächtet gehört. Für ein solches Verbrechen gibt es keine Rechtfertigung, auch keine mildernden Umstände, aber Gründe, deren Kenntnis zum Schlüssel dafür werden könnte, dass sie nicht mehr passieren. Wenn Israel jetzt als abschreckende Maßnahme beginnt, die Häuser von tatsächlichen, mutmaßlichen oder möglichen Terrorristen zu zerstören, wird es mit jedem Haus, das zerstört wird, den Hass vermehren. Schließlich wird keine Mauer mehr lang genug und hoch genug sein, um sich auf Dauer vor solchem Hass zu schützen. Jedes zerstörte Haus trägt zu weiterer Radikalisierung bei. Jene Kinder, die heute zusehen müssen, wie Israel ihr Heim zerstört, werden traumatisiert der Zukunft entgegen gehen und die neuen, noch schlimmeren Gewalttäter von morgen sein. Irgendwann wird auch die längste und höchste Mauer diese Gewalt nicht mehr aufhalten. Dass solche Attentäter die ganze Härte des Gesetzes erfahren und verurteilt werden, ist in jedem Rechtsstaat unverzichtbar. Dass man aber deren Kinder in die Sippenhaftung nimmt, indem man ihr Zuhause zerstört, ist verabscheuungswürdig und sollte in einem kultivierten Rechtsstaat keinen Platz haben.

 Die Hamas will keinen Frieden und nie einen wollen, weil sie dann ja überflüssig wäre. Hass und Gewalt sind die Voraussetzungen, mit denen die Hamas ihre Existenz vor ihrem eigenen Volk als notwendig zu begründen versucht – und das leider noch immer mit Erfolg. Je mehr Palästinenser erkennen, dass ihre Hamas an einem Frieden ja gar nicht interessiert ist und sie von dieser nur als Werkzeuge für deren Führungsanspruch und politische Ziele benützt werden, und sich Frieden anstrebenden Volksvertretern zuwenden, desto mehr werden in Palästina erste Voraussetzungen für Schritte zum Frieden geschaffen. Je mehr Menschen in Israel erkennen, dass die Politik der jetzigen Regierung um Präsident Netanjahu nur eine Logik der Gewalt anwendet, die nichts anderes als neue Gewalt hervorbringen kann, desto mehr werden auf israelischer Seite Voraussetzungen für erfolgreiche Friedensprozesse geschaffen. Solange nur gegenseitig aufgerechnet wird, Aug um Aug, ist kein Ende von Hass und Gewalt absehbar. Die Spirale der Gewalt wird immer tiefer in den Konflikt hineingetrieben. „Israel wird keine Sicherheit haben, solange die Palästinenser keine Hoffnung haben“ meint prophetisch der ehemalige Chef des israelischen Inlandsgeheimdienstes und stellt sich damit ganz gegen Netanjahus Vergeltungs- und Abschreckungslogik.

 Jeder Palästinenser, der einen Stein gegen Israelis wirft, wird zum Wahlhelfer Netanjahus und zum Steigbügelhalter einer israelischen Vergeltungspolitik. Und jeder geworfene Stein trifft letztlich das eigene Volk. Und jede politische Maßnahme der Israelis, die das Los der Palästinenser weiter erschwert und Hoffnungsperspektiven nimmt, verstärkt dort die Gewissheit, dass die Hamas die einzige wirksame Vertretung der Palästinenser ist. Diese Logik oder Spirale der Gewalt veranlasst die Palästinenser zu gewaltsamen Übergriffen und Israel zu gewaltsamen vorbeugendem Schutz. Schließlich lassen sich Schutz und Übergriffe nicht mehr unterscheiden. Auf beiden Seiten werden die Kinder von morgen an neuer Gewaltbereitschaft chronisch erkranken.

 

© Josef Gredler