Josef Gredler

Das Alter ist auch eine Aufwärtsentwicklung

 

Wer seinen Arbeitsplatz verliert und auf die Fünfzig zugeht, tut sich sehr schwer, eine neue Arbeit zu finden, trotz aller Erfahrung, auf die er oder sie verweisen kann. Der Arbeitsmarkt bevorzugt jugendlichen Elan, jugendliche Flexibilität und Dynamik, jugendliches Aussehen. Alt sein ist bei der Jobsuche fast ein ausschließendes Kriterium.  Anti-Aging-Produkte, die die Falten glätten und die Haut wieder straffer und jünger erscheinen lassen, verkaufen sich gut. Mitunter sollen sogar Operationen die Spuren des Alters verwischen. Wir können zwar das Altern nicht aufhalten, möchten aber dessen sichtbare Zeichen durch Cremen, Mittelchen, Behandlungen… verhindern. Ab einem gewissen Alter wird die Zahl hinter dem runden Geburtstag, vor allem von Jubilarinnen, lieber verschwiegen. Vielen ist gar nicht nach Jubeln zumute. Frauen scheint das Los des Alterns noch mehr zu treffen als Männer, deren grauweiße Haare, falls sie noch vorhanden sind,  scheinbar nochmals besonders interessant machen sollen. Männer tun sich offensichtlich eine Zeit lang leichter, das Altern zu negieren und so zu tun, als sei es an ihnen vorübergegangen. Männliche „midlife crisis“ endet unter Umständen sogar in der Flucht zu einer um vieles jüngeren Frau, die eigentlich Tochter sein könnte. Aber letztlich hilft alles nichts, wir werden älter und rücken damit auch unserem Lebensende näher, ob Mann oder Frau, ob reich oder weniger, ob erfolgreich oder weniger.

Man sieht den Prozess des Alterns meist nur als Verlust, als Verlust der Jugend, der Frische, der Vitalität, der körperlichen Leistungsfähigkeit, der glatten Haut, der Haarfarbe oder der Haare überhaupt. Aber hat das Älterwerden nicht auch zunehmende Möglichkeiten, dass da im positiven Sinn etwas wächst? Liegt im Älterwerden nicht auch genuin die Chance, reifer zu werden in einer Weise, die das Leben bereichert? Bedeutet Älterwerden nicht auch Entfaltung der Persönlichkeit in eine Richtung, die als Gewinn zu verstehen ist? Jeder Mensch sollte sich mit fortschreitendem Alter dieser Frage stellen. Man muss diese Möglichkeit im Alter als Chance und Auftrag wahrnehmen. Die Ernsthaftigkeit pathologischer Alterungsprozesse wie die verschiedenen Formen der Demenz oder anderer altersbedingter Erkrankungen, die einen solchen Auftrag erschweren oder ganz verhindern, darf natürlich nicht ausgeblendet werden. Viktor Frankl schreibt dem Leben aber auch im Prozess des scheinbaren Verfalls noch einen unbedingten Sinn zu. Er spricht vom unzerstörbaren Sinn auch in Situationen scheinbarer Sinnlosigkeit.

 Wir erinnern uns wahrscheinlich nicht mehr an unsere erste Trotzphase. Jedenfalls haben wir nachher nicht mehr so um seiner selbst willen zu allem und jedem einfach nein gesagt. Wir sind gereift, und es wäre ein Jammer, wären wir in dieser Phase, so notwendig sie auch war, stehen geblieben. Wir erinnern uns aber vielleicht noch an die pubertären Jahre, als ein neues Aufbegehren gleichsam ausgebrochen ist. Auch das war ein notwendiger und damit wertvoller „Alterungsprozess“. Aber es war ein Prozess, nichts Endgültiges. Hätten wir diese Phase nicht überwunden, wäre unsere Persönlichkeit heute noch in pubertären Denk- und Verhaltensmustern gefangen. Erinnern wir uns an die Anfangsjahre unseres beruflichen Schaffens! Wie waren wir damals doch voll überbordender Energie, wir konnten unsere Kräfte kaum zügeln und einteilen, mussten es auch gar nicht. Ganz aufgeladen mit Energie waren wir oftmals zu kompromisslos, zu restriktiv, zu überzogen in unserem Urteil. Wir konnten Kritik beim Austeilen nicht richtig dosieren und beim „Einstecken“ schwer annehmen. Wir sind auch da im Laufe der Jahre hoffentlich zunehmend reifer, „gescheiter“ geworden und haben gelernt, unsere Meinung etwas zurückhaltender kundzutun und gegenteilige Standpunkte  auch zu bedenken. So haben wir uns mit wachsender Kontrolle über unseren Impetus der Lebensmitte genähert.

 Wenn wir den Nachmittag unseres Lebens beginnen, sind unsere Meinungsäußerungen hoffentlich abgeklärter, gemäßigter geworden, nicht dass sie an inhaltlicher Deutlichkeit eingebüßt hätten, aber die Art des Sich Mitteilens ist inzwischen weiter gereift, ist einfühlsamer, bedachtsamer geworden. Wir sind heute eher bereit und fähig zu glauben, dass der oder die andere recht haben könnte und dass wir uns getäuscht haben. Wer das nicht kann, hat etwas nachzulernen und sollte die Jahre dazu nützen. Wir haben Fortschritte gemacht. Wenn nicht, sind wir retardierte, entwicklungsverzögerte Persönlichkeiten geblieben. So spannt sich über unseren Lebensbogen ein ständiges Reifen, das zunehmen soll, auch wenn dieser Lebensbogen den Zenit überschritten hat und sinkt. Da bleibt etwas, das nicht sinkt, im Gegenteil. Da geht etwas mit zunehmendem Alter stetig aufwärts, kann und soll es jedenfalls. Unser inneres Wachstumspotential ist noch nicht ausgeschöpft, wir sind noch nicht am Ziel unserer Persönlichkeitsentwicklung, unserer Möglichkeiten angekommen, da liegt noch zu Erreichendes vor uns. Und wenn unsere biologische Uhr vorher stehen bleibt, dann sollten wir so weit es uns möglich war gekommen sein.

 Wenn jemand im Brustton der Überzeugung im Alter sagt, er würde alles wieder ganz genau so machen, muss das nicht Anzeichen dafür sein, dass man alles richtig gemacht hat. Es kann auch Ausdruck dessen sein, dass ein Reifungsprozess nicht stattgefunden hat, sodass man noch immer nicht erkennt, wo man aus heutigem Blickwinkel anders oder besser entscheiden und handeln hätte können. Es ist gut und ein Zeichen von Reifungsprozessen, wenn uns längst vergangene Entscheidungen erkennen lassen, dass wir sie heute, reifer geworden, nicht mehr so treffen würden. Wenn wir mit der heutigen Persönlichkeit erkennen, dass wir das oder jenes anders machen würden, ist das ein Zeichen, dass wir „dazugelernt“ haben. Wir dürfen und sollen lebenslang reifen, ein ganzes Leben lang lernen, nicht nur intellektuell, auch emotional, sozial, ideal, charakterlich... Die Alterspension ist keine Einladung und auch kein Freibrief zum Stillstand des inneren Reifens. Den bekannten Satz vom Apfelbaum, den man heute noch pflanzt, auch wenn morgen alles vorbei wäre, könnte man umformen: Und wenn mein Leben morgen zu Ende wäre, kann ich heute noch etwas lernen. Es geht hier nicht um ein Lernen, das ganz am Nützlichkeitsdenken ausgerichtet ist. Es geht um ein Lernen, das die immer noch zunehmende Entfaltung der Persönlichkeit anstrebt, ohne sie verzwecken zu wollen. Vielleicht könnte man das, was man dazulernen soll, was ein Leben lang zunehmen soll, am besten als Weisheit bezeichnen.

 Die Schritte werden langsamer, die Kräfte der Muskeln lassen nach, vielleicht auch die Sehschärfe und das Hören. Vielleicht wird gerade dadurch der Weg frei zu einem größeren inneren Weitblick, zu mehr inwendiger Tiefenschärfe, zu mehr Gelassenheit. Wir regen uns nicht mehr so leicht auf, wenn nicht alles so geschieht, wie wir es gern hätten. Vor Jahren hätten wir uns noch mächtig darüber beschwert, heute können wir ruhig bleiben. Wir verstehen immer mehr, dass jeder sein Leben leben können muss, in eigener Verantwortung und als autonome Person. Das fällt uns umso schwerer, je näher uns Menschen stehen. Konflikte zwischen den Generationen haben darin oft ihren Grund. Eltern, die es gut meinen, wollen gleichzeitig, dass die Kinder und Enkelkinder so oder so sein, das und jenes tun müssten. Und es fällt ihnen schwer sich zurückzuhalten. Gleichzeitig haben die nachrückenden Generationen das Gefühl, in ihrer Freiheit und Eigenverantwortung eingeschränkt zu werden. Vieles, von dem wir früher geglaubt haben, dass es wichtig ist, sodass wir uns mächtig ins Zeug gelegt haben, erkennen wir, älter geworden, als zweitrangig oder nebensächlich. Großes ist kleiner geworden und manches Kleine größer. Gerade der Blick für das Wesentliche und Unbedingte könnte mit zunehmendem Alter schärfer werden, auch wenn die Sehkraft der Augen nachlässt. Vielleicht ist gerade die Fähigkeit, das Wesentliche vom Unwesentlichen zu unterscheiden, ein Vorrecht oder eine Chance des Alters. Diese Fähigkeit dieser Unterscheidung ist Weisheit. Wir können und sollen mit zunehmendem Alter weiser werden. Während die physisch-organischen Kräfte sinken, ihre Kurve nach unten zeigt, soll die Zunahme an Weisheit eine Kurve sein, die nach oben geht.

 Gerade das Alter, in dem man nicht mehr so viel tun kann für die Seinen und die Welt da draußen, könnte uns immer mehr entdecken helfen, dass wir uns nicht nur über andere –

und seien es unsere Liebsten – definieren dürfen. Jedes Leben hat seinen eigenen Wert und unzerstörbaren Sinn, auch wenn um mich herum Zerfall und Bruch passiert. Da ist ein Lebenssinn, der unzerstörbar bleibt, solange Atem in mir ist. Auch wenn wir physisch-organisch schwächer werden und immer mehr auf Hilfe angewiesen sind, kann die Person in ihrem Innersten autonomer werden. Dieser Prozess hat mit unserer Geburt begonnen und sollte im Alter ans Ziel gelangen.

 

© Josef Gredler