Josef Gredler

Je mehr du hast, desto mehr hat es dich

 

So zitiert Telemax auf der vorletzten Seite der Krone vom 4. August 2014 einen Mönch vom  Berg Athos. Der Satz hat in seiner sprachspielerischen Einfachheit etwas Anziehendes und wir stimmen anerkennend zu: Ja, das stimmt! Richtig! Genau so ist es! Wir bewundern die tiefe Weisheit dieses Mönches, wiederholen nachdenklich bewundernd diesen Satz, halten ihn aber gleichzeitig so weit auf Distanz, dass er uns nicht nötigt, ihn so ernst zu nehmen, dass WIR in unserem Lebensstil etwas ändern müssen. Dieser Satz gilt ja sicher nicht uns, unsereinen meint der Mönch ja nicht, aber es fallen uns viele Personen ein, auf die dieser Satz voll und ganz zutrifft, der und der und die und die. Es gibt ja wirklich sehr vermögende und reiche Leute, die ihr Geld bloß horten, sodass sie es nicht einmal mehr für sich ausgeben wollen und im Geiz gegen sich selber sich die Fesseln ihres Vermögens anlegen. Und doch glaube ich, dass dieser Mönch gar nicht so sehr an die gedacht hat, die uns jetzt einfallen, sondern dass er uns meint, uns, die wir nicht merken, dass wir schon so viel haben, dass die Dinge schon uns haben und dass wir noch immer nicht genug haben, sondern immer noch mehr wollen. und uns dabei wie ein Hamster ziellos im Laufrad drehen.

 Und wenn wir dann endlich kapiert haben, dass dieser Mönch uns gemeint hat, dann beginnen wir uns zu rechtfertigen und zu verteidigen: Man darf die Not nicht glorifizieren, denn Not lehrt nicht nur beten, Not lehrt auch fluchen. So ganz wollen wir den Mönch gar nicht verstehen. Er redet nicht der Not das Wort und meint auch nicht, dass wir die Not anstreben sollen. Er meint die Freiheit, die wir uns bewahren sollen, statt uns selber so an Güter zu hängen – und es müssen nicht immer nur die sogenannten materiellen Güter sein – , dass sie uns nicht mehr dienen und hilfreich sind, sondern uns nötigen, dass wir ihnen zu Diensten sind. Nicht wir haben sie, sondern sie haben uns. Und damit bringt uns dieser Satz schon in eine gewisse Bedrängnis oder zumindest Verlegenheit. Aber Bedrängnis und Verlegenheit können auch heilsam sein, die Augen öffnen, sehend zu werden, zu erkennen, wie sehr wir am Gängelband vieler Dinge und Güter hängen, die wir dann nicht mehr besitzen, sondern von ihnen besessen werden. Wagen wir es, die Weisheit dieses Mönches auf uns zu richten?

Bin ich vielleicht – auch – der, der ständig und überall, im Bus, im Cafe, an der Bar, im Wartezimmer, an der Haltestelle, vielleicht sogar im Auto, in jeder freien Minute zum Handy greift, wie hypnotisiert drückend und switchend damit hantiert und dabei seine Umgebung kaum oder gar nicht mehr wahrnimmt. Dieses Zauberding, gerade mal elf mal fünf Zentimeter groß, mit dem man telefonieren, sms-en, mailen, chatten, whatsappen, rechnen, spielen, facetimen, twittern, facebooken, fotografieren, fernsehen… kann, fesselt mich im doppelten Sinn des Wortes. Unvorstellbar, ein Leben ohne dieses Handy, pardon Smartphone! Wenn ich es nicht gleich finde, macht sich Nervosität breit und es beginnt panikartiges Suchen. Habe ich das Handy in der Hand oder hat das Handy mich in der Hand?

 In meiner Wohnung, im Wohnzimmer hängt natürlich der neueste Flachbildschirm, vielleicht hundertachtzig mal neunzig Zentimeter, und verwandelt mein Wohnzimmer bei Bedarf – und der wird immer größer – in ein Kino, natürlich in Stereo. Wäre ein solcher Bildschirm, vielleicht etwas kleiner, nicht auch noch im Schlafzimmer angenehm und vielleicht auch im Keller, wo der Hometrainer steht? Wie viele sind es dann, alle zusammengezählt? Bin ich ausreichend vernetzt, sodass mein PC, mein Laptop, mein Tablet, mein Smartphone, meine Fernsehgeräte, mein Drucker… zusammenspielen? Wie oft bin ich ein Getriebener, weil ich ja ständig erreichbar sein muss oder zumindest glaube, es zu müssen. Das Handy klingelt. Wo ist es gleich? Nervös durchsuche ich Taschen und Wohnung. Ein andermal, ich sitze im Theater oder höre wie hundert andere gerade den Ausführungen des Referenten zu, da klingelt ein Handy, störend, es ist meines, ich habe vergessen, es lautlos zu stellen oder auszuschalten. Endlich habe ich das Ding ruhig gestellt, indignierte Blicke meiner Sitznachbarn schon auf mich gerichtet. Zu Hause liegt der Laptop am Tisch im Wohnzimmer, eingeschaltet und online natürlich. Nur wenn ich online bin, bin ich wirklich. Aber es muss nicht immer Hightech sein, die sich in Handschellen verwandelt.

 Auch das Auto, für viele nicht nur Gebrauchsfahrzeug, sondern auch Kultobjekt, hat seine fesselnde Wirkung. Erfüllt das Auto alle meine Wünsche, vom Lack bis zur Elektronik? Benütze ich es oder verehre ich es? Ein Tag ohne Auto, schrecklich. In der Zeitung lese ich, dass Führerscheinentzug zum Suizid geführt hat. Beim Ausparken habe ich eine Säule übersehen, ein langer Kratzer über beide Türen verdirbt mir für die nächsten Tage die Laune. Der Nachbar schwärmt mir von seinem Automatikgetriebe vor. Eigentlich ist mir die ganze Schalterei auch schon lästig geworden. Das nächste Auto muss eine Automatik haben und vielleicht auch noch das intelligente Allradgetriebe, denn letzten Winter musste ich zweimal die Schneeketten montieren, hat ganz schön genervt. Mein „Navi“ funktioniert zwar noch, aber da gibt es inzwischen auch schon bessere, mit einem optisch weiterentwickelten, verblüffend wirklichkeitsnahen Display. Vielleicht…

 Ich schiebe den Einkaufswagen zwischen die bis ganz oben gefüllten Regale durch den Supermarkt, eine Einkaufsliste mit allem Notwendigen in der Tasche. An der Kasse angekommen ist aber viel mehr im Einkaufswagen, als auf dem Zettel steht, wie das halt so ist, wenn links und rechts das Warenangebot so verlockend aufgebaut ist, man sieht dies und jenes. Zu Hause wird dann damit der Kühlschrank gefüllt. So ein prall gefüllter Kühlschrank hat dann eine unwiderstehliche Anziehungskraft, vor allem abends vor dem riesigen Fernseher. Wenn der Kühlschrank ruft, muss ich einfach gehen.

 Ich stehe vor dem Kleiderschrank. Was soll ich anziehen? Die Wahl fällt schwer, wenn dort so viel zur Auswahl hängt oder liegt, Kleiderbügel an Kleiderbügel, Stapel neben Stapel. Im Schuhschrank stehen zwölf Paar Schuhe, aber das das optimale ist nicht dabei. Da hilft nichts, es werden bald dreizehn Paar Schuhe sein – müssen.

 Ein eigener Garten, herrlich oder selbstverständlich? Vor allem der Rasen muss gepflegt werden, nicht zu hoch, dicht genug, kein Unkraut. Ein guter und bequemer Rasenmäher gehört da zur Grundausstattung. So allerhand andere Geräte und Gerätschaften für spezielle Aufgaben gehören auch noch dazu.  Verschiedene Düngemittel, Unkrautvernichtungsmittel und, und, und braucht man auch noch. Da kommt schon einiges zusammen, aber wenn man einen eigenen Garten will oder hat… Wer A sagt, muss eben auch B sagen. Die Handschellen klicken schon.

 Gehaltskonto und Geldtasche sind zur Lebensmitte geworden. Sie entscheiden schließlich, wie es mir geht. Die Kontoauszüge werden zur Heiligen Schrift. Eine unerwartete Anweisung steigert die gute Laune, eine überrschende Abbuchung ist zumindest ärgerlich, wenn nicht mehr. Telebanking macht alles noch bequemer, auch das Ausgeben. Bargeld ist gut, aber nicht immer weniger notwendig, da gibt es Bankomatkarten, Kreditkarten und noch viele andere Karten in diesem begehrlich bequemen Format. Manchmal haben all diese Karten und das Bargeld in einer handelsüblichen Geldtasche gar nicht mehr Platz.

Und Schließlich muss man das ganze Hab und Gut, Grundstück, Haus, Wohnung, Einrichtung, Hausrat, Auto dann auch noch vor Verlust und Zerstörung schützen, man muss es versichern für den Fall des Falles: Hausversicherung, Hauhaltsversicherung, Autoversicherung, Kaskoversicherung, Rechtschutzversicherung, Lebensversicherung, Krankenversicherung, Zusatzversicherung…

Was hat der Mönch gesagt? Je mehr du hast, desto mehr hat es dich?

 

© Josef Gredler