Josef Gredler

Kann man den Glauben weitergeben?

 

Wenn im Leben für uns etwas ganz bedeutsam, wertvoll, gleichsam heilig geworden ist, dann möchten wir es gerne an jene weitergeben, die wir über alles lieben, damit auch sie davon beglückt und erfreut werden. Der Wert ist für andere vielleicht gar nicht erkennbar, nicht sichtbar. Es könnte ein Buch sein, dessen Seiten schon vergilbt sind. Vielleicht ist es nur ein Blatt Papier mit ein paar Zeilen beschrieben. Es könnte ein Schmuckstück sein, dessen Wert sich nicht in Karat messen lässt. Vielleicht ist es auch nur ein Bild, ein Foto, das wir sorgsam in einer Schublade verwahrt oder immer bei uns haben. Eine Erinnerung vielleicht an einen Menschen, an Augenblicke oder Stunden großer Innigkeit und Bedeutung. Wenn die Zeit gekommen ist, übergeben wir dieses „Juwel" an unsere Kinder oder Enkelkinder, denen unser ganzes Herz ja schon gehört.

 Dieser Wunsch oder diese Vorstellung lässt uns in der Kirche von einer „Weitergabe des Glaubens" reden. Und dann machen wir die Erfahrung, dass sich dieser Glaube nicht einfach weitergeben lässt wie..., auch wenn wir es noch so sehr möchten. Damit diese Frage einer möglichen oder unmöglichen Glaubensweitergabe nicht zu akademisch oder theoretisch isoliert erörtert wird, müssen wir zuallererst die weltanschauliche Großwetterlage mitberücksichtigen, die – aus welchen Gründen auch immer – zu einer Verdunstung des Glaubens in den europäischen bzw. westlichen Ländern geführt hat. In diesen „Klimazonen“ sind Familien ja nur mehr in Ausnahmefällen christlich geprägt. Auch wenn man den Glauben wie ein Paket schnüren und weitergeben könnte, bleibt die Tatsache, dass es in den meisten Familien diesbezüglich ja nichts mehr zum Schnüren gibt bzw. niemand da ist, der ein solches „Paket“ weitergeben möchte. Hier wird „Weitergabe des Glaubens“ zur bloßen Fiktion. Aber auch in christlich geprägten Familien und christlichen Inseln der Gesellschaft ist dieser Glaube gefährdet und höchst selten unangefochtener Besitz.

 Man muss aber auch in diesen christlich geprägten Familien und Lebensräumen hinter der „Weitergabe des Glaubens" ein großes Fragezeichen machen, diese Vokabel wegen Missverständnis korrigieren oder ersetzen. Auch wenn sie ein zentraler Begriff geworden ist im Denkmuster, wie Kinder als die nächste Generation einer kirchlichen Familie den Glauben ihrer Eltern fortführen. So gut gemeint diese Vorstellung von einer Weitergabe des Glaubens auch sein mag, so naiv ist sie gleichzeitig und entspringt der grundsätzlich irrigen Meinung, dass Glaube „transportabel“ sei. Und wenn die Kinder und Enkelkinder den praktizierten Glauben ihrer Eltern und Großeltern, ihrer Familie nicht fortsetzen, mit diesem Glauben und der Kirche auf Distanz gehen, hat dann die Glaubensweitergabe versagt? Hat der unbestreitbare Glaubensschwund, quantitativ auf die Anzahl der Gläubigen bezogen, gar in der versagenden Glaubensweitergabe in der Familie eine wesentliche Ursache? Jedenfalls wird dieser Glaubensschwund teilweise und zu oberflächlich so erklärt. Und in der Neubelebung und Intensivierung dieser Glaubensweitergabe in der Familie wird dann auch das Rezept gesehen, wie wir der zunehmenden kirchlichen Entfremdung und fortschreitenden Entkirchlichung entgegenwirken können. Und die Familie, so bedeutsam und unersetzlich sie als Keimzelle für Gesellschaft und Kirche und eine gesunde Entwicklung der Nachkommen auch ist, wird diesbezüglich in ihrer Möglichkeit völlig überfordert. Auch wenn wir zur Kenntnis nehmen, dass das klassische Bild der Familie von familienähnlichen gesellschaftlichen Keimzellen, von Teilfamilien mit allein erziehenden Elternteilen ergänzt und auch abgelöst wird, diese Vorstellung einer Glaubensweitergabe ist hier wie dort nicht anwendbar.

 Dieser grundlegende Irrtum einer vermeintlichen Glaubensweitergabe besteht darin, dass man in den Glauben nicht einfach durch Erziehung hineinwachsen kann, dass man sich Glauben nicht aneignen kann wie gute Manieren und höfliches Benehmen, sondern dass Glauben ein Prozess oder ein Geschehen in der tiefen Mitte der Person ist, geheimnisvoll und gnadenhaft zugleich, der sich dem Zugriff von Eltern, Erziehern, Lehrern und Vorbildern entzieht. Familie und Eltern können die Bedingungen für diesen Prozess optimieren, aber bewerkstelligen können sie ihn nicht. Diese Mitte der Person ist nicht einfach ihr erzieherisches Handlungsfeld. Sie können versuchen, durch Liebe und Vorbild diese Mitte zu stärken, aber sie können sie nicht nach ihren Vorstellungen formen. Sie können auch durch Vorbild und Zeugnis, durch praktiziertes kirchliches Leben in der Familie, durch familiäre Katechese diesen Glauben dort nicht implantieren. Der Glaube der Kinder entzieht sich der Machbarkeit durch ihre Eltern und Erzieher!

 Wenn diese Glaubensweitergabe schon in der Familie nicht möglich ist, dann ist sie es im Religionsunterricht der Schule erst recht nicht. Dass die Kirche in ihrem traditionellen Verständnis den Religionsunterricht dennoch als Glaubensweitergabe bezeichnet, konfrontiert diesen Religionsunterricht mit Ansprüchen, denen er niemals gerecht werden kann. Und selbst wenn er das Unmögliche könnte, es wäre nicht seine Aufgabe. Dadurch reduziert sich der Religionsunterricht aber nicht auf eine bloße Religions- oder Glaubenskunde. Religionsunterricht kann grundsätzlich nur konfessionell sein, nicht in der separierenden Bedeutung der in Konfessionen gespaltenen Christenheit, sondern in der Bedeutung, dass Religionsunterricht nie distanziert, wertfrei und neutral im Sinne einer bloßen Religionsbeschreibung möglich ist, sondern immer nur durch einen Religionslehrer, eine Religionslehrerin gelingt, der bzw. die selber bekennend (konfessionell),  bezeugend aus diesem Glauben heraus unterrichtet und den Schüler/innen begegnet. So muss Religionsunterricht auch immer mehr sein als Vermittlung von Glaubenswissen. Dass Glaubenswissen von sich aus zu einer Glaubenspraxis führe, ist ein ebenso verhängnisvoller wie hartnäckiger Irrtum in traditionell geprägten kirchlichen Kreisen. Religion darf nie bloß als Wissenskompendium an den Lebenshorizont der Schüler/innen gestellt werden, da würde ihr jedwede einladende, herausfordernde Dimension und lebensgestaltende Kraft abhanden kommen. Religionsunterricht muss immer auf dem Bekenntnis der Religionslehrer/innen zur Religion, zu ihrem Glauben gründen, ohne aber zu meinen, auch bei den Schüler/innen für diesen Glauben verantwortlich zu sein. Schüler/innen sollen im Religionsunterricht die herzliche Einladung der Kirche spüren, die auch ihnen gilt. Sie sollen spüren, dass die Tore dieser Kirche auch für sie weit offen stehen. Wenn aber der Religionsunterricht meint, seine Schüler/innen gläubig machen zu müssen, wird er ihnen nicht gerecht, ganz besonders jenen nicht, die diesen Religionsunterricht besuchen, ohne dass sie und ihre Familie mit der Kirche leben, und das ist heute der weit überwiegende Teil der Schüler/innen. Die Dimension der Einladung darf auch ein konfessioneller Religionsunterricht nie überschreiten. Ich bin zudem der Meinung, dass selbst die Katechese im spezifisch kirchlichen Raum, zum Beispiel im Gottesdienst, die Ebene der Einladung nicht überschreiten darf. Evangelisierung muss immer einladend, dienend, bekennend und in diesem Sinn gewinnend sein, nie vereinnahmend, indoktrinierend.

 Wenn also der Glaube nicht einfach weitergegeben werden kann, ist damit nicht gemeint, dass Eltern die religiöse Entwicklung ihrer Kinder nicht im positiven Sinn fördern können. Religionslehrer/innen können die religiöse Entwicklung ihrer Schüler/innen unterstützen, aber nicht ihren Ausgang bestimmen. Eltern können durch ihr Zeugnis, ihre Liebe, ihr Beispiel die Tür für ihre Kinder zum Glauben offen halten, aber sie können ihre Kinder durch diese Tür nicht hinein schieben. Den Schritt durch diese Tür muss jeder selber tun, so er ihn tun will. Man kann die Kinder auch nicht einfach an der Hand nehmend durch diese Tür ziehen, damit sie dann „drinnen“ sind.  Eltern sollten deshalb nicht in Selbstvorwürfen glauben, versagt zu haben, wenn aus ihren Kindern nicht die Christen geworden sind, wie sie das gerne hätten. Eltern können Kinder zeugen, gebären, annehmen, erziehen, schützen und lieben, als gläubige Eltern auch für sie beten, aber sie können aus ihnen nicht Menschen nach ihrer Vorstellung machen. Dass Glaubensweitergabe, auch wenn sie grundsätzlich möglich wäre, auch dadurch verhindert wird, dass in der Familie gar kein Glaube da ist und folglich auch niemand diesen weitergeben kann, muss bewusst bleiben. Der Religionsunterricht kann die Schüler/innen in die großen Fragen des Lebens einführen, kann ihnen die Antworten aufzeigen, die Glaube und Religion darauf geben, Religionslehrer/innen können ihren Schüler/innen zuwendend, einladend, helfend, unterstützend, begleitend, ermutigend, selber glaubend und hoffend begegnen, aber Christen aus ihnen zu machen bleibt ihnen verwehrt und ist – richtig verstanden – auch nicht ihre Aufgabe und in Respekt vor dem Willen ihrer Schüler/innen und Eltern auch nicht ihr Recht in der Schule. Wenn Schüler/innen jedoch den Religionsunterricht so einladend, ermutigend und Weg weisend erleben, dass sie selber anfangen, von der Botschaft des Glaubens zu leben versuchen und sich der Gemeinschaft der Glaubenden zu nähern oder anzuschließen, dann ist dieses Recht keineswegs verletzt worden, weil die Freiheit unangetastet geblieben ist. Wenn der Religionsunterricht Schüler/innen zwar nicht der Kirche zuführen kann, ihnen aber Orientierungshilfe gibt, sie in ihrem Leben stärkt, den Sinn für das Gute, die Bereitschaft zu Mitmenschlichkeit weckt, Hilfe für gelingendes Leben wird, vielleicht auch die Möglichkeit einer Transzendenz erahnen hilft, dann hat dieser Religionsunterricht trotzdem eine ganz wichtige Aufgabe erfüllt. Wenn diese Einschränkung bei kirchlichen Vertretern zur Ansicht führt, dass sich dann für die Kirche die Mühe um den Religionsunterricht gar nicht lohne, offenbart sich in einer solchen Argumentation ein bedauerliches Defizit an Wertschätzung und Liebe zu den Menschen. Einem Religionsunterricht im Sinne alles oder nichts, ist die Liebe abhanden gekommen, auf die ihn gerade die Bibel als verbindliche Grundlage des Religionsunterrichtes verpflichtet. Christlicher Glaube darf sich den Menschen nicht nur unter dem Kalkül zuwenden, sie „bekehren“ zu können. Die Kirche muss die Option für die Armen, Schwachen und Ausgegrenzten ungeachtet deren religiöser oder weltanschaulicher Orientierung einlösen. Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter, der seinen Liebesdienst am geschundenen Opfer nicht von dessen Religionszugehörigkeit abhängig macht, muss der Kirche ein Testament für ihre Präsenz in einer christlich weithin ausgezehrten Umgebung bleiben.

 

© Josef Gredler