Josef Gredler

Zur Diskussion über eine Gesamtschule für Zehn- bis Vierzehnjährige

 

Die Diskussion um eine Gesamtschule = gemeinsame Schule für die fünfte bis achte Schulstufe lässt seit langem immer wieder die Wogen hoch gehen. Oft ist in der polarisierenden Diskussion gar nicht ganz klar, worum es genau geht. Wenn eine Tageszeitung berichtet, dass die Tiroler/innen mehrheitlich gegen eine Gesamtschule sind, also weiterhin die Neue Mittelschule (vorher Hauptschule) und das Gymnasium beibehalten wollen, dann muss man zumindest die Frage stellen, mit welchem Informationsstand worüber hier ein Votum abgegeben worden ist. Andernfalls begeben wir uns in einen bildungspolitischen Populismus.

Die Notwendigkeit der bestmöglichen Schulform für die fünfte bis achte Schulstufe hat absolute Priorität. Welche Schulform aber ist die  beste für unsere Zehn- bis  Vierzahnjährigen? Darum geht es und nur darum! Es geht um die Schüler/innen, nicht um die Lehrer/innen! Leider ist diese Frage schon viel zu sehr ideologisiert worden, sodass man den Eindruck gewinnt, es geht auf beiden Seiten um gewinnen müssen oder nicht verlieren dürfen. Die Gesamtschule darf kein Duell zwischen zwei bildungspolitisch ideologisierenden Lagern werden. Bei allen, die von dieser Entscheidung betroffen sind bzw. die sich an dieser Diskussion beteiligen, sind zuerst Information und Nachdenken vor einer Entscheidung angesagt:

Gesamtschule ist der Verzicht auf verschiedene Schulformen für ein und dieselbe Altersgruppe, also nicht mehr Neue Mittelschule und Gymnasium. Diesen  Verzicht  verstehen die Gegner/innen der Gesamtschule so, dass alle Schüler/innen ungeachtet ihrer Unterschiede in Begabung und Lernfähigkeit dieselbe "schulische Kost" serviert bekommen und der Unterricht dort zu einem Einheitsbrei für alle wird. Genau das wird der Gesamtschule mangels oder trotz besseren Wissens unterstellt. Die Gesamtschule ist aber keine Gleichmacherei, sondern schließt unverzichtbar die Möglichkeit mit ein, die Schüler/innen in ihrer unterschiedlichen Lernfähigkeit auch in einer gemeinsamen Schule, sogar in einer und derselben Klasse individuell fördern und differenziert unterrichten zu können. Daher sollte man Zehnjährige noch nicht auseinanderdividieren, die einen gehen auf diese Seite = ins Gymnasium und die anderen gehen auf jene Seite = in die Neue Mittelschule. Für Zehnjährige ist eine solche Differenzierung noch noch zu früh, zudem können sie sich selber kaum an der Entscheidung beteiligen. Es wird über sie entschieden, von den Eltern, von den Lehrer/innen. Vier Jahre später ist dafür der geeignete Zeitpunkt.

 Diese Zweidrittelmehrheit in Tirol gegen eine gemeinsame Schule für die "Mittelstufe" basiert auf der falschen Annahme von Gleichmacherei aller Schüler/innen in einer gemeinsamen Schule und Behinderung der höher begabten Schüler/innen dort in ihrer geistigen Entwicklung. Den Befürworter/innen der Gesamtschule ist es nicht oder noch nicht ausreichend gelungen, deutlich zu machen, dass und warum diese Befürchtung nicht begründet ist. Auch in einer gemeinsamen Schule, auch in einer gemeinsamen Klasse können Schüler/innen individuell gefördert werden. Die Gesamtschule schließt also wesentlich eine innere Differenzierung des Unterrichtes bzw. eine bestmögliche Individualisierung des Lernprozesses auch innerhalb einer Schule, innerhalb der vier Wände eines Klassenzimmers mit ein. Weil alle durch dasselbe Schultor gehen bzw. durch dieselbe Klassentür, heißt das nicht, dass alle Schüler/innen dasselbe Lernangebot bekommen. Dazu wird man die Gesamtschule organisatorisch und personell mit den entsprechenden Möglichkeiten ausstatten müssen, um differenziertes und individualisiertes Lehren und Lernen in einer gemeinsamen Schule sicherzustellen. Ein wesentliches Argument für die Gesamtschule ist auch, Zehnjährige noch nicht einer Selektion auszusetzen, die für sie noch zu jung sind und die allen damit verbundenen Stress durch Kopfzerbrechen, Entscheidungsdruck, Spezialisierungszwang, Schulwegverlängerungen... nicht rechtfertigen.

Wenn ein Schulsystem seine Schüler/innen nur dann bestmöglich fördern kann, wenn es möglichst homogenisierte, spezialisierte, filtrierte Lerngruppen bildet, leidet es an einem Defizit pädagogischer Phantasie, kreativem Potential und innovativem Lehr- und Lernverständnis. Wenn die Diskussion um die Gesamtschule mehr ideologisch als inhaltlich argumentativ ausgetragen wird, verdienen die Diskutanten eine "Nachzipf".

 

© Josef Gredler