Josef Gredler

Mit Papst Franziskus von einer Kirche träumen, die…

 

„Wunden heilen und die Herzen der Menschen wärmen“ will. Das ist zwar nicht die Überschrift, aber doch der Grundakkord eines sechsstündigen Gespräches von Papst Franziskus mit der amerikanischen Jesuitenzeitschrift, das auf 29 Seiten festgehalten ist.  Ein Papier von ungeheuerer Sprechkraft, wäre man versucht zu sagen. Aber „Sprengkraft“ ist nicht die passende Vokabel für einen Papst, der so entschlossen und zielgerichtet auf Frieden, Dienen und Barmherzigkeit zusteuert. Das war nicht einfach ein Interview, das der Papst gegeben hat, er hat vielmehr seine Vision von Kirche programmatisch für die ganze Welt und vor der ganzen Welt formuliert, die dann auch weltweit – nicht nur innerhalb seiner Kirche – große Hoffnung ausgelöst hat. Aber bestimmt hat sich – innerhalb der Kirche – schon eine Gegnerschaft formiert, die sich allerdings noch nicht aus ihren Startlöchern wagt.

Die Schlagzeilen der Weltpresse über die Kirche haben sich mit diesem Papst schlagartig verändert. Er hat diese Kirche aus einem medialen Tief heraus geholt und sie in ihrem Ansehen ganz anders positioniert. Seine Person wird in der internationalen Presse mit Begriffen wie Trost, Segen, Heilung, Kraft, Barmherzigkeit, Wärme, Aufbruch, Wende, Ausstrahlung, Glaubwürdigkeit, Charisma, Heiliger… beschrieben. Von sich selber sagt Franziskus: „Ich bin ein Sünder, was sonst?“ Er nimmt den Thronsessel einfach nicht ein. Man ist geneigt, diese Selbsteinschätzung nicht ganz ernst zu nehmen, sie als eine überaus sympathische Redensart einer außergewöhnlichen, durch und durch vom Evangelium beseelten Persönlichkeit zu verstehen. Die Welt sieht in ihm einen Heiligen, er sieht sich als Sünder. In diesem Selbstverständnis fordert er eine Wende der Kirche.

 Damit meint er nicht eine Wende in der Lehre. Diesbezüglich stellt Franziskus wiederholt unmissverständlich klar, ein Mann der Kirche zu sein, und meint damit ganz schlicht, der Lehre der Kirche treu zu bleiben. Wer die Wende in der Lehre von ihm erwartet, wird vergeblich warten. Dieser Papst meint mit Wende, dass die Kirche zuerst einmal ihren Ton verändern muss, weg von der einer falsch verstanden Verpflichtung zur Strenge um der Wahrheit willen, unter der dann die Barmherzigkeit begraben wird, hin zu einem Ton des Verstehens, des Annehmens, des Dienens. Das kann eine Kirche nicht, die  in „übertriebener Weise die Sicherheit der Lehre sucht“. Dieser Ton soll die Kirche in eine den Menschen, nicht nur den Christen, nicht nur den Katholiken, dienende Kirche verwandeln. Die Kirche muss, wenn es nach Papst Franziskus geht, freigiebiger, barmherziger werden. Eine arme, dienende, im Glauben an die Botschaft des Evangeliums, in der mutigen, vertrauenden Rückbindung an den darin von Jesus geoffenbarten barmherzigen Gott, das ist die Vision dieses Papstes.

 Eine Kirche, die das wagt, verändert sich und die Welt, die aus den Fugen geraten ist. Im Syrienkonflikt hat sich Papst Franziskus nicht gescheut, mit Brief und Telefon sich an die Mächtigen zu wenden, und so aktiv in eine explosionsbereitbereite politische Machtkonstellation einzugreifen. Sein Wort hat am Rande dieses Abgrundes ein unglaubliches Gewicht bekommen und war ein entscheidender oder vielleicht gar der entscheidende Beitrag, dass der zwangsläufig ins Chaos führende Militärschlag bisher ausgeblieben ist. Papst Franziskus mobilisiert nicht nur seine Kirche zum Aufbruch in eine dienende, glaubende Barmherzigkeit, er mobilisiert auch die Mächtigen, er mobilisiert das Weltgewissen. Dieser Papst nimmt ohne Armee eine große weltpolitische Rolle ein. Er mobilisiert auch die Chefetage der Kirche, den Vatikan und dessen Kardinäle.

 Die Kirche soll ein Feldlazarett sein, das die Wunden verbindet, die das Leben, die diese Welt den Menschen zufügt. Ganz am Rande, der Beichtstuhl muss ein Ort der Barmherzigkeit sein. Das haben einige von uns ganz anders in Erinnerung und Erfahrung. Priester und Bischöfe müssen Hirten sein.  Einer Frau, die in großer persönlicher Bedrängnis ist, verspricht der Papst, ihr uneheliches Kind zu taufen. An dieser Stelle mögen sich bitte die Älteren unter uns doch erinnern, dass uneheliche Kinder einmal ganz anders behandelt worden sind – von der Kirche bzw. ihren Amtsträgern. Wenn man über diesen Papst etwas schreiben will, das ihm gerecht wird, dann kommt man ohne den wiederholten Gebrauch des Wortes Barmherzigkeit einfach nicht aus.

 

© Josef Gredler