Josef Gredler

Lampedusa – Wegweiser von Papst Franziskus

 

Hätte man in einer Umfrage  Christen und auch Nichtchristen befragt, wohin die erste Reise von Papst Franziskus gehen wird, niemand wäre auf Lampedusa gekommen. Wer darauf gewettet hätte, hätte von den Wettbüros viel Geld bekommen. Aber für solche Überraschungen ist dieser Papst immer gut. Diese kleine Insel zwischen Sizilien und dem afrikanischen Kontinent ist der Welt bis jetzt nur als Ort für tausendfache menschliche Tragödien bekannt gewesen. Papst Franziskus hat sie als Ziel für seine erste „Dienstreise“ auserwählt. Wie darf man diese Überraschung –  und eine solche ist Lampedusa –  verstehen und deuten? Der Papst, Oberhaupt von weltweit über einer Milliarde katholischer Christen, hat Lampedusa nicht als Kanzel für bedeutsame theologische Aussagen genutzt, sondern sich vor aller Welt mit den unzähligen Opfern solidarisiert, deren Hoffnungen auf eine bessere Zukunft im Meer vor Lampedusa versunken sind. Längst schon sind innerkirchliche Glaubenswächter (siehe Beitrag „Traditionalistische Glaubenswächter als Hardliner“!) ungeduldig, wann denn dieser Papst endlich Klarstellungen zu angezweifelten oder zu wenig klar formulierten Glaubenswahrheiten und moralischen Satzungen trifft. Viele dieser Glaubenswächter sehen diesen Papst längst schon in der Schuld dieser Glaubenswahrheiten, obwohl er zweifelsfrei ganz auf dem Boden katholischer Glaubenslehre  steht. Papst Franziskus ist außerhalb jeden Zweifels ein Bewahrer des Glaubens. Wahrheit und Lehre werden von ihm nicht halbherzig an die Peripherie gedrängt, sondern entfachen in der Mitte seiner Person eine Liebe, die ihn in die Nähe der Ärmsten der Armen treibt, an die er offensichtlich sein Herz verschenkt hat. Wenn Wahrheit und Lehre nicht zur Liebe bewegen, müssen sie angezweifelt werden. Was soll das für eine Wahrheit sein, die nicht in die Liebe mündet? Kirchliche Lehre, die nicht in die Tat umgesetzte Liebe ist, hat keine Glaubwürdigkeit und letztlich wohl auch keine Berechtigung. So gesehen bezeugt dieser Papst die vielen Glaubenswahrheiten, von denen er bisher manchen zu wenig geredet hat, viel überzeugender als jene, die vor lauter Bewachungsdrang auf die Liebe vergessen. Glaubenswahrheit darf nie narzistische Züge bekommen, nie Selbstzweck sein. Alle Wahrheit, die in Jesus geoffenbart worden ist, hat ihr Ziel in der Liebe. Dieser Papst lässt die Wahrheit nicht von der Liebe isolieren und befindet sich damit ganz in der Nachfolge Jesu. In Lampedusa hat Franziskus vor der Globalisierung der Gleichgültigkeit gewarnt, in der Notschreie und Hilferufe nicht mehr gehört werden, weil sie nicht mehr das Herz der Menschen erreichen. Lampedusa ist mehr als eine eindrucksvolle Geste. In Lampedusa hat Franziskus den Wegweiser für Christen und letztlich alle Menschen guten Willens Richtung solidarische Liebe gestellt. Er bindet die Kirche wieder mehr zurück an die Botschaft Jesu, wie sie uns die Evangelien übermitteln.

 

© Josef Gredler