Josef Gredler

Dürfen Eltern von ihren Kindern Dankbarkeit zurückfordern?

 

Diese Frage scheint nahezu überflüssig zu sein, ist es doch fast selbstverständliches moralisches Gut, dass Kinder ihren Eltern zu Dank verpflichtet sind und diese Dankbarkeit auch zeigen sollen, vorausgesetzt natürlich, dass es sich nicht um sogenannte “Rabeneltern” handelt.  Wenn diese sittliche, moralisierende Forderung Kindern gleichsam schon in die Wiege gelegt ist, kann sie diesen später immer mehr zu einer großen Hypothek werden, die schwer auf den erwachsenen Kindern lastet. Vor allem dann, wenn Eltern diese vermeintlich geschuldete Dankbarkeit bewusst und gezielt als Instrument einsetzen und ihre “Kinder”  gleichsam in Haft damit nehmen, indem sie zurückfordern, was sie meinen, geschenkt zu haben. Was man aber geschenkt hat, darf man nicht mehr zurückfordern. Das ist der große Unterschied zwischen Geschenk und Leihgabe oder Darlehen. Heranwachsende und erwachsene Kinder, die einem solchen Dankbarkeitsanspruch ihrer Eltern ausgesetzt sind, können dadurch in ihrer Entwicklung schwer belastet werden, können sich auch im Erwachsenenalter oft nicht loslösen bzw. befreien von ihren Eltern und deren Ansprüchen. Sie kommen ihr Leben lang nicht aus den   “Rückzahlungen” heraus, obwohl sie nie ein Darlehen aufgenommen haben.  Die Schuldgefühle, die jedesmal durch die elterliche Forderung nach geschuldeter Dankbarkeit ausgelöst werden, halten sie gefangen, brechen mitunter sogar ihren Mut, selber wirklich erwachsen zu werden und selbstlos zu lieben. Jedes Kind, von seinen Eltern  ungefragt ins Leben gerufen, hat den selbstverständlichen Anspruch, von seinen Eltern über alles geliebt zu werden und in der Liebe seiner Eltern heranzuwachsen, bis es selber einmal fähig wird, ganz zu lieben.

Wenn Eltern ihre Kinder als Geschenk annehmen, werden sie ihre Liebe an diese verschenken und nicht zum Darlehen machen. Eltern schulden ihren Kindern ihre ganze Liebe und liebenden Eltern ist diese Schuld erfüllende Lebensaufgabe. Sie sehen und wissen sich gerne in der Schuld ihrer Kinder. In aller Liebe, die sie ihren Kindern geschenkt haben, erkennen sie niemals das Recht, dafür etwas zurückzufordern. Das Leben darf nicht mit einem Schuldsein beginnen, den Eltern später einmal glauben, einfordern zu können. Kinder müssen schuldenfrei die Liebe ihrer Eltern erfahren dürfen und kein Tag, an dem sie geliebt sind, darf zu einem Sollsaldo anwachsen. Es ist das Recht eines jeden Kindes, von seinen Eltern nicht nur gezeugt und geboren zu werden, sondern ganz im Brennpunkt ihrer Liebe zu stehen und in dieser Liebe heranzuwachsen, ohne eine Hypothek auf sich zu laden. Liebe stellt nicht in Rechnung, Liebe wird immer geschenkt, nie verliehen. Man liebt Kinder um ihrer selbst willen, dafür müssen sie nichts erbringen. Sie sind da, um geliebt zu werden. Wenn Kinder die Liebe, die sie von ihren Eltern empfangen haben, mit ihrer Liebe, später auch mit den Zügen dankbarer Liebe beantworten, sollen Eltern sich von solcher Liebe beschenkt wissen, niemals aber erine Forderung darin erfüllt sehen. Auch Liebe, die zurück kommt, ist immer Geschenk. Wer aber liebt, damit diese Liebe zurückkommt, liebt nicht wirklich, so täuschend ähnlich berechnendes Geben einer selbstlosen Liebe mitunter werden kann. Liebe ist in ihrem Wesen immer bedingungslos, selbstlos.

 

© Josef Gredler