Josef Gredler

Ein Papst als Sympathieträger der Kirche

 

Seit Jahren befindet sich die Kirche in einer medialen Abwärtsbewegung. Die öffentliche Meinung bläst ihr zunehmend wie ein eisiger Wind ins Gesicht. Die Missbrauchsvorwürfe und -vorfälle haben diesen medialen Abwärtstrend zeitweise in eine richtige Talfahrt verwandelt. Da taucht ein 76-jähriger Kardinal wie ein Phönix aus der Asche aus dem Konklave auf und wird zu einem Sympathieträger für die Kirche.

Natürlich hat jeder Papst seine Anhänger. Auch die Vorgänger von Papst Franziskus haben Massen mobilisiert und den Petersplatz gefüllt. Das ist schon mit der herausragenden Stellung eines Papstes in einer von Medien bestimmten Zeit und Welt unausweichlich verbunden. Bei diversen Papstreisen und Papstbesuchen haben, so weiß man, die vor Ort verantwortlichen Organisatoren zudem oftmals mit mobilisierenden Maßnahmen  nachgeholfen. Wenn aber die auflagenstärkste österreichische Tageszeitung ohne besonderen Anlass vor Pfingsten auf ihrer Titelseite einen lächelnden Papst Franziskus „plaudernd“ mit einer weißen Taube, quasi einem „Boten des Himmels“, auf seiner Hand zeigt, dann ist augenscheinlich, dass dieser Papst von den Medien als überaus sympathische, herzliche Persönlichkeit wahrgenommen wird. Ob dieses Foto nun tatsächlich, wie von der Zeitung kolportiert, ein Jahrhundertschnappschuss eines römischen Fotografen oder doch nur eine Fotomontage war, ist gar nicht so wichtig. Die mit Abstand auflagenstärkste österreichische Tageszeitung und viele internationale Journale meinen jedenfalls, diesen Papst mit diesem Bild gut „getroffen“ zu haben. Was ist es, das diesen Papst so sympathisch macht, dass ihm die Herzen vieler Menschen zufliegen, wie diese Taube auf dem Petersplatz?

Was kirchliche Lehre bzw. lehramtliche Aussagen betrifft, hat dieser Papst ja noch gar nichts Neues oder Besonderes gesagt oder geschrieben. Seine ersten Akzente gehen in eine ganz andere Richtung. Dass er eine „arme Kirche für die Armen“ will, das allerdings war schon eine große Ansage, deren Tragweite und Tiefe viele noch gar nicht erfasst haben. In lehrinhaltlichen Aussagen ist der Grund für seine großen Sympathiewerte jedenfalls nicht zu finden. Da war bisher nichts. Es ist die überaus gewinnende, herzliche, liebenswürdige Menschlichkeit dieses Papstes, die die Menschen spüren - auch außerhalb der Kirche.

So ganz normal von der Logggia des Petersdomes als neu gewählter Papst der enthusiastisch wartenden Menge in einfacher Liebenswürdigkeit „buona sera“ zu wünschen ist gänzlich neu im Auftreten eines Papstes. Franziskus lässt die Menschen spüren, dass er ein ganz normaler Mensch ist, zu ihrer Spezies gehört. Er hat sich übrigens noch nie als Papst bezeichnet, sondern stets „nur“ als Bischof von Rom tituliert. Er lässt sich nicht mit „Eurer Heiligkeit“ ansprechen, obwohl er mutig und entschlossen und mit großem Gottvertrauen die große Verantwortung seines schweren Amtes annimmt. Dazu bittet er die Menschen auf der Straße um ihr Gebet. Der Papst bindet sie gleichsam in sein Amt ein. Er wohnt noch immer im Gästehaus des Vatikans, er ist noch nicht ins päpstliche Palais gezogen, er fühlt sich im Gästehaus viel wohler, macht daraus auch kein Hehl. Dort setzt er sich beim Frühstück einfach zu den anderen, wer immer das ist.

Viele haben dem neuen Papst, pardon, dem Bischof von Rom neugierig auf die Schuhe geschaut. Hat er  die roten, für den Papst bestimmten Schuhe an oder nicht? Nein, hat er nicht und er soll sich sogar ganz ausdrücklich dagegen ausgesprochen haben. Er trägt noch immer seine alten, ganz normalen Schuhe. Er bevorzugt als päpstliche Gewandung das schlichte, einfache Weiß. Mit den Insignien päpstlicher Würde hat er es nicht. Als neu gewählter Papst wäre nach der Wahl eine eigene Limousine bereitgestanden, um ihn ins Gästehaus zurückzubringen. Er ist nicht eingestiegen, sondern fuhr mit „seinen“ Kardinälen im Bus zurück. Die für seine Sicherheit Verantwortlichen haben oft erhöhten Puls, weil er immer wieder ganz spontan den Abstand zu den Menschen so gering wie möglich hält. Er mag und sucht die Nähe zu den Menschen und die spüren das.

 Bei der Begegnung mit einem Schweizer Gardisten am frühen Morgen wollte er diesem, außerhalb jeglichen Protokolls, zur Begrüßung die Hand reichen, was nicht so einfach war, da der Gardist die eine Hand zum Salut benötigte und die andere, um die Hellebarde festzuhalten. Der Papst wollte zudem vom Gardisten wissen, wie lange er schon so dastehe. Die halbe oder ganze Nacht ist dieser in Erfüllung seiner Pflicht so dagestanden. Daraufhin verschwand Franziskus und soll wenig später mit einem Sessel und einer Tasse Kaffee für den päpstlichen Leibgardisten zurückgekommen sein. Menschlich einfach berührend.

Bei seiner Amtseinführung hat Papst Franziskus immer wieder von der Barmherzigkeit gesprochen. Er hat die Barmherzigkeit zu seinem Leitwort gemacht. Man täte ihm Unrecht, würde man ihm unterstellen, die Wahrheit der Lehre sei ihm nicht so wichtig. Aber er hütet die Wahrheit der Lehre offensichtlich nicht mit inquisitorischer Strenge, sondern macht sie in der Barmherzigkeit fest. Das erinnert doch auch an den Konflikt Jesu mit den unbarmherzigen Gesetzeshütern bezüglich des Sabbatgebotes. Jesus war nie bereit, das Gesetz über den Menschen zu stellen. Dieser Papst nimmt das ganz ernst. Ungewöhnlich war, dass er die „Barmherzigkeit“ wiederholt mit der „Zärtlichkeit“ ergänzt hat. Vom päpstlichen Palais herunter, das er nur zu offiziellen Auftritten benützt, hat er ausdrücklich auf das Buch eines Kardinals hingewiesen, das ihn sehr berührt habe. Schmunzelnd meinte er, dass er aber nicht kommerzielle Werbung für das Buch eines seiner Kardinäle machen wolle. Alle sind neugierig geworden, welches Buch er wohl meine. Den Leser/innen dieser Seiten sei es verraten: Es handelt sich um das Buch mit dem schlichten Titel „Barmherzigkeit“ von Kardinal Walter Kaspar, erschienen 2012 im Verlag Herder. Dieses glaubwürdige Einstehen für Barmherzigkeit geht Menschen einfach ans Herz.

Einer der ersten Schritte seiner Regentschaft war, dass er acht Kardinäle aus den verschiedensten Teilen der Welt in ein Konsistorium berufen hat, das ihn in wichtigen Fragen beratend zur Seite stehen soll. Er beschneidet freiwillig den päpstlichen Absolutismus, geht auf Augenhöhe und will seine Fühler zu den Regional- und Ortskirchen ausstrecken. Da wird ein überaus menschliches, ganz am Evangelium ausgerichtetes Amtsverständnis sichtbar. Das war in ähnlicher Weise  bei Johannes XXIII. spürbar, der die Herzen vieler Menschen erobert und die Kirche in eine positive Strömung gelenkt hat.  

Zum Schluss noch eine kleine wirklich erfundene Begebenheit, die aber gut zum Papst Franziskus passen würde. Die italienische Tageszeitung „La Repubblica“ schreibt in ihrer Morgenausgabe: Unvergesslicher Rombesuch für Gruppe deutscher Jugendlicher! Gestern am frühen Vormittag wurde zum großen Erstaunen der Passanten Papst Franziskus auf der Piazza Navona gesichtet. Aus der Kirche Sant’Agnese kommend sah Franziskus eine Gruppe jugendlicher Romtouristen am Vierströmebrunnen stehen. Der Papst ging auf sie zu und wollte wissen, woher sie kämen. Es war eine Gruppe Jugendlicher aus Deutschland. Alsbald entwickelte sich eine angeregte Unterhaltung zwischen diesen Jugendlichen und Papst Franziskus – in deutscher Sprache. Er lud sie zu einem Besuch des Petersdomes „zu sich in den Vatikan“ ein. Er selbst werde sich die Zeit nehmen und sie durch den Petersdom führen. Ein unvergesslicher Romaufenthalt für vierzehn Teenager aus Deutschland.

 

© Josef Gredler