Josef Gredler

Die Versuchung

 

Auf einer ausgedehnten Fahrradtour mache ich in Hall einen kleinen Abstecher und schiebe mein Rad über das Kopfsteinpflaster des oberen Stadtplatzes, um dort im Freien vor einer Cafe-Konditorei eine kleine Verschnauf- oder sagen wir Kaffeepause einzulegen. Nach einem langen Winter ist es der erste wirklich ganz schöne Frühlingstag, an dem man es besonders genießt, in der Sonne im Freien sitzen zu können. Bald kommt auch schon der bestellte Espresso, der sich mit der wärmenden Frühlingssonne, der ich absichtlich meinen Rücken zukehre, zu einer ganz entspannenden Viertelstunde verbündet. Weil meine Trinkflasche auf den letzten Kilometern leer geworden ist, erfreue ich mich auch an dem Glas Wasser, das zum Kaffee serviert wird. Der duftende Espresso, das erfrischende Wasser, die Sonne im Rücken, was will man mehr? Mehr soll es jetzt auch nicht sein, mehr braucht es jetzt auch nicht, um diese Viertelstunde auszukosten.

Da fällt mein Blick auf eine aufgestellte Plakattafel unweit von meinem Sessel: „Unsere Obstkuchen, die müssen Sie versuchen.“ steht da in großen verführerischen Lettern mit einer noch verführerischeren überdimensionalen Abbildung eines herrlichen Obstkuchens.  Nicht dass ich jetzt keine Lust darauf hätte, aber… meine Radtour soll auch meiner Fitness dienen und da ist jetzt dieser zugegeben wirklich verführerische, aber bestimmt Kalorien beladene Obstkuchen nicht eingeplant. Nein, ich muss diesen Obstkuchen nicht versuchen. Ich belasse es bei der Augenweide, und eine solche ist er wirklich, der Obstkuchen da. Außerdem, ich lasse mir von niemandem gern sagen, was ich versuchen muss. Meine Augen und meine Gedanken sind aber immer noch beim Obstkuchen. Ich beginne in meinen Gedanken, mit dem Satz des Plakates zu spielen und mir fällt auf, dass man den Satz auch anders lesen bzw. verstehen kann. Ich vertausche Subjekt und Objekt und lese auf einmal, dass der Kuchen mich versuchen muss. „Unsere Obstkuchen, die müssen Sie versuchen.“ - Ach so ist das, die köstlichen Obstkuchen haben die Aufgabe, die Pflicht gleichsam, mich zu versuchen. Wirklich raffiniert dieses Plakat. Zwei ganz verschiedene Interpretationsmöglichkeiten. Die Obstkuchen, die da angeboten werden, sind auf mich, natürlich nicht nur, aber auch, angesetzt. Zu blöd, jetzt sitze ich schon zehn Minuten da und meine Gedanken sind immer noch beim Obstkuchen. Wer von uns beiden muss jetzt, der Obstkuchen oder ich? Muss ich den Obstkuchen versuchen oder muss der Obstkuchen mich versuchen?

Für heute hätten wir, der Obstkuchen und ich, das geklärt. Der Kuchen muss. Ich muss nicht, obwohl ich schon Lust hätte darauf. Ich bezahle meinen Espresso, werfe noch einen letzten Blick auf die das Plakat und schiebe mein Rad über das Kopfsteinpflaster stadtauswärts. Vielleicht komme ich am nächsten Wochenende wieder.

 

Josef Gredler