Josef Gredler

Der größte gemeinsame Nenner für Frieden

 

Wir werden täglich überschüttet, gleichsam eingehüllt mit Nachrichten und Bildern der Gewalt, die Menschen anderen Menschen antun. Wir kennen diese Bilder, wir sehen sie täglich und sind in Gefahr, uns an sie zu gewöhnen, als gehörten sie eben zum Leben. Es sind nicht bloß Inseln der Gewalt in einer ansonst friedlichen Welt, die uns da gezeigt werden. Es ist auch nicht so, dass wir unglücklicherweise im Gegensatz zu „früheren Zeiten“ in einer ausnehmend gewalterfüllten Epoche leben. Allerdings sind der Gewalt heute technische Möglichkeiten gegeben, dass globale Horrorszenarien möglich sind. Gewaltanwendung ist so alt wie die Menschheit. Mit dem Menschen ist auch die Gewalt, die bewusste Gewalt in die Geschichte gekommen. Die Geschichte der Menschheit ist auch eine Geschichte der Gewalt. Der Blick in die Zukunft ist zu Recht von Sorge und Angst geprägt ob der Gewalt, die kein absehbares Ende erkennen lässt und deren Folgen wir nur teilweise abschätzen können. Gleichzeitig gibt es unzählige Menschen - heute vielleicht mehr denn je -, die sich für eine gewaltfreie Welt einsetzen, mit gewaltlosen Mitteln darum kämpfen. Es werden große Anstrengungen um Frieden unternommen. Auch das Bemühen, das Ringen um Frieden ist so alt wie die Menschen. Wir betreiben Friedensforschung. Wir vergeben alljährlich einen Nobelpreis für den Frieden. Charismatische Persönlichkeiten bemühen sich, gegen den Strom der Gewalt zu schwimmen. Friedensbewegungen versuchen, der Logik der Gewalt entgegenzuwirken. Warum kann diese Spirale der Gewalt nicht zum Stillstand gebracht werden?

Was müsste denn sein, dass dieser Dynamik der Gewalt ein Ende bereitet werden kann? Was wäre der größte gemeinsame Nenner, der größtmögliche Konsens, unter dem Menschen verschiedener Nationen, Religionen, Weltanschauungen, ethnischer Zugehörigkeiten, Kulturen und Gesellschaftsordnungen trotz ihrer Verschiedenheit in Frieden miteinander oder eben nebeneinander leben können? Gibt oder gäbe es einen solchen gemeinsamen Nenner überhaupt? Zumindest theoretisch muss diese Überlegung nicht nur erlaubt sein, sie muss notwendiger Weise angestellt werden, wenn eine umfassende, die Grenzen der verschiedenen Nationen, Völker, Religionen, Kulturen und Weltanschauungen überschreitende Bewegung für den Frieden entstehen sollte. Was wäre jenes notwendige, größtmögliche Gemeinsame, das in einem Weltethos Plattform einer friedlichen Weltordnung werden könnte? Eine sehr herausfordernde Frage, die nicht zu voreilig aus einer bestimmten ethnischen, kulturellen, religiösen oder weltanschaulichen Position beantwortet werden kann, weil dadurch leicht andere aus einem gemeinsamen Ringen um Frieden ausgeschlossen werden. Was könnte das grenzüberschreitend Gemeinsame als Grundlage eines den Frieden anstrebenden Weltethos sein?

 Wenn man Ursachen und Funktion der Gewalt auf ihre wesentlichen Elemente reduziert, dann kommt es zu Gewaltanwendung immer dann und dort, wo jemand als Einzelner oder im Verband mit seinen „Artgenossen“ seine Interessen absolut setzt und unbedingt, gegen alle etwaigen Hindernisse und Widerstände - meist sind es „die anderen“ - durchsetzen will. In der Anwendung der Gewalt werden andere Menschen den eigenen Interessen untergeordnet. Der, die, das andere ist weniger Wert als die eigenen Bedürfnisse und Ansprüche. So funktioniert eine gewaltsame Auseinandersetzung zwischen zwei Raufbolden ebenso wie zwischen Staaten, Religionen, Völkern und Kulturen. Aus diesem Wertunterschied zwischen den eigenen Interessen und „den anderen“ entsteht Gewalt.

 Die Achtung vor dem Wert und der Würde eines Menschenlebens wäre jenes unverzichtbare Minimum, das es als gemeinsame Plattform anzuerkennen gilt von Mitgliedern einer weltweiten Allianz für den Frieden. Was Religionen, insbesondere das Christentum, als Liebe bezeichnen, ist schon religiös geprägt und auf einer höheren Stufe. Aber es geht nicht nur um eine Friedensallianz der Religionen, sondern letztlich aller Menschen guten Willens - auch der nicht religiös geprägten -, die in ihrer Achtung vor menschlichem Leben auf direkte oder indirekte Gewaltanwendung gegen dieses Leben verzichten. Diese Achtung wäre das unverzichtbar Gemeinsame einer Menschlichkeit, aus der eine solche Allianz des Friedens bzw. ein Weltethos für den Frieden entstehen kann. Diese Achtung wäre sozusagen die minimalste „Spielregel“ des Friedens. Wo es diese Achtung vor der Würde des Menschen gibt, da ist Frieden möglich. Ohne diese Achtung, ohne diesen Respekt, ohne diese Anerkennung gibt es keinen Frieden. Wenn alle, die  ungeachtet ihrer nationalen, religiösen, ethischen, politischen, kulturellen Zugehörigkeit zur Achtung vor den „anderen Menschen“ bereit sind, könnte daraus eine weltumspannende Allianz des Friedens entstehen, der man eine Welt verbessernde Kraft zutrauen könnte.

 Wenn Friede ist diesem Zusammenhang nur als frei sein von Gewalt verstanden wird, dann soll damit nicht ignoriert werden, dass Friede noch viel komplexer zu sehen und zu entfalten ist.  Aber wer wollte denn bestreiten, dass eine Welt, die „nur“ frei wäre von solcher Gewalt, nicht schon ein unglaublicher Traum wäre?

 

© Josef Gredler