Josef Gredler

Weißer Rauch, ein neuer Papst und die Zukunft der Kirche

 

Die Augen der Welt, menschliche und digitale, waren für zwei Tage auf einen Kamin gerichtet, den bekanntesten Kamin der Welt. Christen, nicht nur katholische, und Nichtchristen haben auf den weißen Rauch gewartet, der aus diesem Kanin aufsteigen sollte, um der ganzen Welt mitzuteilen: "Wir haben einen neuen Papst." Eine perfekte Inszenierung,  geheimnis- und eindrucksvolles Ritual, dessen Zauber die Medien sich nicht entziehen konnten. Eine Stunde später ist dann das große Geheimnis gelüftet, zeigt sich auf der Loggia des Petersdomes der neue Papst, dessen Gesicht die Menschen noch nicht kennen, der wartenden Menge, der Kirche, der ganzen Welt.

Kaum dass man ihn gesehen hat, seinen Namen kennt und weiß, woher er kommt, werden von den TV-Stationen in Rom und der  Welt schon die Mikrophone herumgereicht, um Stellungnahmen einzuholen zu seiner Wahl, zu seiner Person, zu den Erwartungen, die man in ihn setzt oder auch nicht. Was soll und darf man erwarten von Jorge Mario Bergoglio, 76 Jahre alt, Erzbischof von Buenos Aires, vor einer Stunde noch der Welt nahezu unbekannt, jetzt als Franziskus der 266. Bischof von Rom und damit Oberhaupt der katholischen Kirche? In einigen Stunden, spätestens in einigen Tagen ist der erste große Jubel verstummt und dieser Papst wird zunehmend an den Erwartungen gemessen werden, die man in ihn setzt oder gesetzt hat. Wenn man die Euphorie der ersten Stunden ausklammert, darf und muss man diese Frage ernsthaft und nüchtern stellen.

Auch wenn er aus Südamerika stammt, Jorge Mario Bergoglio ist auch als ganz glaubwürdiger Kardinal der Armen kein Befreiungstheologe. Wäre er einer, dann wäre er nicht zu Kardinalswürden aufgestiegen. Weder Johannes Paul II. noch Benedikt XVI. hätten einen Bischof, der mit der Befreiungstheologie sympathisiert, in den Rang eines Kardinals erhoben. Kardinal Bergoglio war ein bezeugender, angesehener, beliebter, sehr menschlicher konservativer Kirchenmann und wird auch als Franziskus  kirchenideologisch bzw. inhaltlichtheologisch die Tradition seiner beiden Vorgänger nicht allzu weit verlassen. Dass er in den  brennenden Fragen der Kirche in unseren Breitengraden, wie der Stellung der Frau in der Kirche, der kirchlichen Praxis im Umgang mit Geschiedenen und Wiederverheirateten, dem Pflichtzölibat bzw. dem Priestermangel  substantielle Reformen wagt, ist eher nicht zu erwarten. In Fragen der Sexualmoral wird er von seinen bekannt konservativen Positionen nicht abrücken. Wenn man ihn als gemäßigt bzw. moderat konservativ einstuft, ist damit auch gesagt, dass er mit Traditonalismus nichts auf dem Hut hat. Er ist kein Hardliner. Sein Bekenntnis zum II. Vatikanum wird deutlicher ausfallen, eindeutiger und spürbarer sein als bei seinem Vorgänger. Damit darf man rechnen. Dieses Rückwärtsrudern  sollte zu Ende sein.

Mit den beiden Vokabeln „fortschrittlich“ und „konservativ“ kann man allerdings die kirchenideologische Position des neuen Papstes nicht ausreichend bestimmen, da gibt es nicht nur die Achse „links - rechts“, sondern wie in einem Koordinatensystem auch „oben - unten“. Inhaltlich werden die Schritte kleiner ausfallen, die großen dürften könnten ganz ausbleiben. Allerdings, als man den 77-jährigen Mailänder Kardinal Roncalli 1958 zum Papst Johannes XXIII. wählte, hätte niemand damit gerechnet, dass er ein paar Jahre später ein Konzil einberufen würde und damit Änderungen herbeiführt, die der ausgeprägt konservative Flügel in unserer Kirche heute noch nicht verdaut hat. Hätten die Kardinäle des Konklaves damals das gewusst, sie hätten nicht mehrheitlich Roncalli auf ihre Stimmzettel geschrieben.  So können sich gottlob auch Kardinäle täuschen. Wenn so eine Täuschung dem Konklave bei Kardinal Bergoglio passiert sein sollte, dann muss es ein mächtiges Brausen des Heiligen Geistes in der Sixtina gegeben haben. Dieser Papst ist auch für Überraschungen gut.

Wie steht es um den längst fälligen, unverzichtbaren Strukturwandel in der Kurie? Mit all zu großen Umwälzungen sollte man nicht rechnen, bereinigende Nachbesserungen bzw. personelle „Entschärfungen“ sind jedoch wahrscheinlich. Ausschließen darf man jedoch nicht, dass diese internen  Veränderungen auch ein wenig tiefer, da oder dort an die kurialen Strukturen gehen. Ausschlaggebend dafür könnten das schlechte Image der Kurie, interne Skandale und Intrigen, ihr machtbewusstes Auftreten und die personifzierte Bescheidenheit und Redlichkeit des neuen Papstes sein, seine Neigung, ein ganz normaler Mensch zu sein, seine Vorstellung von einem behutsamen Umgang mit Macht und deren zentralen Schalthebeln, seine gewollte Nähe zu den  Menschen. Ob die derzeitigen Strukturen hinter den vatikanischen Mauern die seinen sein werden?  Das muss man ernsthaft bezweifeln.  Seine Auftritte könnten von einer größeren menschlichen, herzlichen, gewinnenden, ja sogar humorvollen Note mit weniger Protokoll geprägt sein, seine Zurückhaltung gegenüber allzu repräsentativer Darstellung der Hierarchie könnte sich durchsetzen. Da scheint bei ihm folgende Reihenfolge zu gelten: Zuerst ist er Mensch, dann ist er Christ, dann Priester und schließlich Bischof von Rom.

Wenn er als Oberhaupt der katholischen Kirche seinem Weg als Jesuitenprovinzial und Erzbischof verpflichtet bleibt, wird Franziskus kein Papst der großen inhaltlichen Reformen werden, aber er hat eine andere "Zeichensprache", er "schlägt ganz andere Töne an“, als man sie bisher von der Loggia des Petersdomes zu hören bekommen hat: „Liebe Brüder und Schwestern, guten Abend…!“ Das klingt so wohltuend normal, dass man den Boden unter den Füssen spürt. Obwohl auf der Loggia hoch über den Menschen, vermitteln solche Töne Nähe, Herzlichkeit, Natürlichkeit, Verbundenheit, Zuwendung. Das tut gut und lässt hoffen. Johannes XXIII. war ja auch kein progressiver, sondern einfach ein ganz herzlicher, sympathischer Papst, der sein Herz bei den Menschen hatte, der die Menschen spürbar mochte und den die Menschen mochten. Vielleicht gibt Franziskus der Kirche die Züge menschenfreundlicher Zuwendung und natürlicher Nähe. Er ist für Überraschungen gut.

Der neue Papst bezeichnet sich bei seiner Vorstellung auf dem Petersplatz und vor der Weltöffentlichkeit als „Bischof dieser Stadt“, der den anderen Bischöfen in Geschwisterlichkeit, Liebe und Vertrauen vorstehen will. Das klingt zwar nicht revolutionär, lässt aber auf Relativierung des römischen Zentralismus und Absolutismus hoffen. Eine Bereitschaft zu einer gewissen Machtverschiebung, mit seinen Bischöfen in einem kollegialen Selbstverständnis mehr auf Augenhöhe zu sein und damit die Ortskirchen aufzuwerten, kann man schon heraushören. Seine charismatische Bescheidenheit, Einfachheit und Demut, seine gelebte Sorge um die Armen, einfache Wohnung statt „standesgemäßer“ Kardinalsresidenz, sogar die Benutzung der öffentlichen Verkehrsmittel als Kardinal, sein immer wieder aufblitzender Humor lassen auf einen neuen Stil der Amtsausübung hoffen. Kein Papst, der fast entrückt zwischen Himmel und Erde schwebt, sondern einer, der näher bei den Menschen ist und der der Kirche viel von ihrer verlorenen Glaubwürdigkeit wiedergeben kann. Ihm ist Dialogbereitschaft und Dialogfähigkeit zuzutrauen, zwei Charismen, die diese Kirche bitter nötig hat. Es wäre keine allzu große Überraschung, würde er sich weniger gern als „Heiliger Vater“ verstehen und anreden lassen. Diesen fast maßlosen Anspruch zu beenden, wäre biblisch und höchste Zeit. Wenn Papst Franziskus sich in seiner Namensgebung auf den Heiligen Franz von Assisi bezieht, dann - nomen est omen - könnte sein Pontifikat von ebenso sympathischen, herzlichen, menschlichen und tief spirituellen Zügen geprägt sein, wie Franziskus ein Lieblingsheiliger vieler geworden ist. Er könnte ein tatsächlich Brücken bauender Pontifex werden.

Dieser neue Papst ist in mehrfacher Hinsicht erstmalig und einmalig: der erste Nichteuropäer, der erste Südamerikaner, der erste Jesuit, der erste Franziskus als Bischof von Rom. Der Wunsch, dass er auch erstmalige, einmalige Akzente setzt, ist erlaubt und nicht unbegründet. Er hat uns um unser Gebet, er hat die Menschen um ihren Segen für seine schwere Aufgabe gebeten.

 

© Josef Gredler