Josef Gredler

Der Rücktritt des Papstes und ein paar grundsätzliche Überlegungen dazu

 

Wenn sogar im Fernsehen während einer Direktübertragung der alpinen Schiweltmeisterschaften der Kommentator unterbricht, um die brandaktuelle Meldung vom bevorstehenden Rücktritt des Papstes einzuschieben, dann hat dieser Rücktritt öffentlich und offensichtlich den Stellenwert einer ganz großen Sensation. Die Kirche war wieder einmal ganz oben in den Schlagzeilen, diesmal eher positiv. Die Titelseiten und mehrere Seiten im Blattinneren der Tageszeitungen des darauffolgenden Tages waren für den Papstrücktritt reserviert. Alle anderen Ereignisse in der Welt wurden in die zweite Reihe zurückversetzt. Tagelang waren die Medien mit allen möglichen Spekulationen beschäftigt, eine Flut von Leserbriefen überschwemmte die Redaktionen, Stellungnahmen von allen möglichen und unmöglichen Seiten wurden durch die Medien geschleust. Auf einmal haben mehr Menschen vom Papstrücktritt Bescheid gewusst, als Menschen vorher gewusst haben, dass es überhaupt einen Papst gibt. Sogar der Blitz, der in die Kuppel des Petersdomes eingeschlagenen hatte, bekam große mediale Aufmerksamkeit. Selbst jene, die vom Glauben an einen Himmel weit entfernt sind, waren geneigt, diesen Blitz als ein Zeichen des Himmels zu deuten, allerdings jeder auf seine Art und Weise.

Ein einfacher „Mann von der Straße“ reagierte höchst bemerkenswert mit der Frage : „Ja, darf er das überhaupt?“ Geschichtskundigen Lesern kommt dieser Satz sicher bekannt vor, wird er doch so ähnlich einem großen Kaiser der Monarchie in den Mund gelegt angesichts der Erhebung eines Teiles seiner Untertanen. Auch wenn wir vorher diese Frage nicht mit Gewissheit beantworten hätten können, jetzt wissen wir es. Der Papst darf zurücktreten, auch wenn Benedikt XVI. erst der zweite Papst ist, der von diesem Recht Gebrauch macht. So gesehen ist dieser Rücktritt ein Jahrtausendereignis.

Die Reaktionen auf den Rücktritt bzw. Amtsverzicht des Papstes waren natürlich ganz unterschiedlich, ja gegensätzlich: von tiefer Bestürzung und größtem Bedauern bis zur offen gezeigten Erleichterung und Hoffnung „auf bessere Zeiten“. Da – Menschen, die um den Papst weinen. Dort – Menschen, die ihre Kritik an diesem Papst und die Erleichterung über seinen Rücktritt ganz offen ausdrücken. Darf man das? Darf man einen Papst kritisieren? Unter den bisher 275 Päpsten war wohl keiner, an dem nicht Kritik geübt wurde, Petrus war da nicht ausgenommen. Damit soll aber einer Kritik am Papst nicht die Bedeutung und Ernsthaftigkeit genommen werden. Es soll viel mehr auf das grundsätzliche Recht, ja sogar Notwendigkeit hingewiesen werden, auch am Nachfolger Petri Kritik üben zu dürfen. Unter denen, die einem Papst widersprochen, ihn kritisiert oder sogar ermahnt haben, waren auch herausragende Persönlichkeiten, die von der Kirche nachher zur Ehre der Altäre erhoben, das heißt heilig gesprochen wurden. Was wäre das für eine erbärmliche Kirche, in der von unten keine Kritik kommen darf. Kritik von unten verbieten sich nur totalitäre Systeme. Dass die Kirche hierarchisch strukturiert ist, darf nicht heißen, dass sie totalitär sein darf. Ein großes Aber muss allerdings schon bedacht werden: der Ton, der Stil, die Wortwahl, in der Kritik geübt wird. Wenn man nicht einverstanden ist oder sein kann mit dem Führungsstil eines Papstes, mit dem, was er sagt oder nicht sagt, mit seinen Entscheidungen und die Richtung, in die er die Kirche steuert, dann kann und muss man Kritik üben. Aber diese Kritik darf bei aller Betroffenheit nicht die Züge des Respekts vor der Person und dem Amt verlieren. Man darf nicht den Anspruch der Unfehlbarkeit bei Glaubensentscheidungen des Papstes kritisieren und im Gegensatz diese Unfehlbarkeit für sich beanspruchen.

Warum hat sich dieser Papst zum Rücktritt, zum Amtsverzicht entschlossen? Da brodelt es natürlich in der Gerüchteküche. Manche Zeitungen waren an allen möglichen und unmöglichen Spekulationen sowieso mehr  interessiert als an den vorliegenden Fakten, die der Papst selber mitgeteilt hat: Er hat in Anbetracht seines Alters und seiner angegriffenen Gesundheit nicht mehr die Kraft, die große Verantwortung seines Amtes zu tragen. Da mag man zum Papst gestanden sein, wie man will, dieser Entschluss ist mutig und verdient nicht nur Respekt, sondern Anerkennung. Der Papst traut sich was. Natürlich geben sich die Medien mit dieser Begründung nicht zufrieden, schon deshalb, weil sie so verständlich, zu einsichtig und geradlinig ist. Und so sind alle nur denkbaren Spekulationen höchst willkommen, denn gesundheitliche Gründe allein sind zu langweilig. Da verlangen die Medien heutzutage schon mehr Zündstoff. Waren es die Skandale, mit denen die Kirche ihr Ansehen in der Welt so sehr belastet hat? Waren es Intrigen in der römischen Kurie, die einen resignierten Papst in den Amtsverzicht getrieben haben? Auf alle Fälle halten viele Menschen innerhalb und außerhalb der Kirche erbarmungslose Machtkämpfe hinter den vatikanischen Mauern für möglich. Man kann solche Machtkämpfe nicht ausschließen, aber darüber die Begründung zu vergessen, die der Papst selber der Welt mitgeteilt hat, ist nicht fair. Es waren keine vorgeschobenen Gründe, um eine die Kirche belastende Wahrheit zu verbergen. Den vom Papst selbst genannten Gründen Glauben zu schenken und gleichzeitig Skandale, Affären und Intrigen, Macht- und Richtungskämpfe innerhalb und außerhalb der vatikanischen Mauern für möglich oder realistisch zu halten, ist keine unvernünftige Einschätzung der Dinge.

 Damit landen wir schließlich bei der alles entscheidenden Frage: Wer wird neuer Papst? Oder noch treffender: Wer wäre der Richtige für dieses Amt? Was für ein Kirchenmann soll er sein? Da sind jetzt weniger Namen von Interesse als viel mehr die Richtung, die die Kirche mit dem neuen Papst einschlagen soll. Und damit sind wir bei der wichtigsten Frage angelangt, um die es für die Kirche geht. Da haben wir in der Kirche den konservativen Flügel bis hin zu den traditionalistischen Ultras in allen Abstufungen. Während die Konservativen sich damit begnügen, dass alles so bleibt, wie es ist, fordern die traditionalistischen Hardliner, dass die Kirche umkehrt von den Abwegen des Zweiten Vatikanischen Konzils, das sie – hinter vorgehaltener Hand – für eine kirchliche Verfehlung halten, und sich zurückzieht hinter die Grenzmarkierungen, wie sie vor dem Konzil Gültigkeit für die ganze Weltkirche hatten. Da haben wir in der Kirche auch den gemäßigt bis extrem liberalen Flügel. Während die gemäßigt Liberalen das Gaspedal maßvoll betätigen, steigen die extrem liberalen so heftig auf das Gas, dass Teile der Kirche da nicht mehr mitkommen. Wer soll den Kurs bestimmen? Das ist die zentrale Frage der Kirche, angesichts der es völlig belanglos ist, ob der neue Papst weiß oder schwarz, Italiener, Afrikaner oder Südamerikaner ist. Es geht um die Zukunft dieser Kirche: Schlägt sie die Fenster, die Johannes XXIII. mit dem Konzil aufmachen wollte, wieder zu oder wagt sie es, frische Luft hereinzulassen in die Kirche? Gibt sie ihren menschlichen Satzungen weiterhin den Stellenwert göttlicher Wahrheiten oder hat sie den Mut zu Veränderungen, wenn die Zeit dafür gekommen ist? Ist sie bereit, in Zukunft die Ortskirchen einzubeziehen oder hält sie unverbrüchlich am römischen Zentralismus fest? Wer setzt sich unter den Kardinälen, die zur Wahl des nächsten Papstes nach Rom kommen, durch? Wenn der Papst wirklich ein Pontifex, ein Brückenbauer sein soll, dann muss er eine verbindende und überbrückende Kraft haben. Wenn der Papst selber einem extrem konservativen oder extrem liberalen Flügel angehört, wird das verbindende Brückenbauen nicht möglich sein.

 

© Josef Gredler