Josef Gredler

In memoriam Bischof Dr. Reinhold Stecher

 

Der Tod von Altbischof Dr. Reinhold Stecher hat  viele Menschen tief bewegt, auch über die Grenzen seiner Diözese und dieser Kirche hinaus.  Da war eine herzliche Verbundenheit unzähliger Menschen zu diesem Priester, Seelsorger, Lehrer, Prediger, Bischof, Wohltäter, Wanderer, Brückenbauer, Schriftsteller, Maler… spürbar. Tausende hatten sich an seinem Sarg im  Dom zu St. Jakob in Innsbruck von ihm verabschiedet.  Schon Stunden vor Beginn der Trauerfeierlichkeiten strömten Menschen zum Domplatz, eine Stunde vorher war der Dom bereits gefüllt. Viele fanden keinen Platz mehr im Dom und feierten von draußen mit. Als Altbischof Reinhold Stecher, das was sterblich an ihm war, in einem endlos scheinenden Trauerzug von einem Pferdegespann durch die Innsbrucker Altstadt gefahren wurde, von mehreren tausend Menschen begleitet und gesäumt, legte sich tiefe Betroffenheit wie ein Schatten über sie.  Mit der Beisetzung seiner sterblichen Hülle in der Krypta des Domes wurde das Kapitel „Reinhold Stecher“ in der Geschichte der Kirche Tirols endgültig zugeschlagen, aber er hinterlässt eine Leuchtspur, die uns richtungsweisend in die Zukunft begleitet. Klein in seiner äußeren Statur war er innerlich ein ganz Großer. Wer war Reinhold Stecher, der die Herzen so vieler Menschen gewinnen konnte?

Als er weggegangen war aus dieser Welt „hinüber in die Ewigkeit“, wie er selber zu Lebzeiten das Sterben gerne umschrieb, zeigten die Zeitungen viele Fotos von Altbischof Reinhold Stecher und titelten mit Schlagzeilen voll Anerkennung, Wertschätzung und Sympathie. Und alle diese Gesichter Reinhold Stechers hatten eines gemeinsam: dieses unverwechselbare Lächeln. Es war, fast könnte man sagen, sein Markenzeichen.  Es war kein aufgesetztes, oberflächliches Lächeln, sondern kam aus seinem tiefsten Inneren. Es kam einfach und war da, weil er so war. Das Lächeln war er selber, ganz unverfälscht. Wenn man ihm zuhörte, und er hat das allen immer sehr leicht gemacht, konnte man bald spüren, was ihn so heiter sein lässt. Da war jemand von der Freude an Gott so erfüllt, dass sich diese Freude in seinem Gesicht widerspiegelte. Im Blick auf den Religionsunterricht hat er einmal gesagt: „Vergesst die Freude nicht!“ So wurde dieses Lächeln, Ausdruck tiefer innerer Freude, auch zum Zeugnis dafür, dass Gott sein Grund war zu lächeln, auch angesichts der dunklen Abgründe dieser Welt, in die er auch geschaut hatte. Sein von Heiterkeit geprägter Glaube war ansteckend und er hat unzählige Menschen damit angesteckt. Ein betagter Besucher der Abendmesse mit Altbischof Reinhold im Sanatorium in Hochrum sagte einmal zu seinem Banknachbarn erstaunt, dass „der (Bischof) so freundlich dreinschaut“. Reinhold Stecher hat dem Glauben ein freundliches, lächelndes Gesicht gegeben.

Reinhold Stecher hatte ein großes Herz, mit dem er sich den Menschen zuwandte, ganz besonders den Kleinen und Schwachen, denen, die auf der Schattenseite des Lebens angesiedelt waren, in der sozialen Rangordnung der Gesellschaft weit unten, in der Hierarchie  seines Herzens aber weit oben standen. Er hat die Menschen mögen und die Menschen haben ihn mögen. Sein Herz hatte weit geöffnete Türen, offen für die Großen und ganz besonders für die Kleinen. Wo immer er unterwegs war oder hinkam, er hatte einen besonderen Blick für die Menschen,  blieb stehen, nahm sich Zeit für ein paar gute Worte. Den Namenlosen schenkte er Ansehen und Achtung, die sie sonst nie erfahren konnten. Sie sollten keine Scheu haben vor seinem hohen geistlichen Amt. Er verstand es blendend, ihnen diese Scheu zu nehmen. Tatsächlich  konnten Menschen dabei fast vergessen, dass sie den Bischof vor sich hatten. Er war ein Bischof, der den Menschen nahe war. Sein Hirtenstab war ein Stab für seine Herde. Und er war sehr großzügig n der Auffassung, wer zu seiner Herde zählte.

Stecher war mit vielen Talenten gesegnet, war ein  Mann mit außergewöhnlichem Charisma. Wenn es um seine Person ging, war er ein ganz bescheidener Mensch, bescheiden in seinen Bedürfnissen, in seinen Ansprüchen. Wer in sein bischöfliches Büro kam oder im Besuchszimmer von ihm empfangen wurde, wunderte sich über die schlichte, einfache Ausstattung. In einem „standesgemäßen“ Büro oder Besucherzimmer hätte er sich gar nicht wohl gefühlt.  Im Schlichten, Einfachen und Bescheidenen fühlte er sich zu Hause. So war er nie ein Freund pompöser Feierlichkeiten. An großen, üppigen  Buffets war er nur ganz selten und dann nie ganz freiwillig anzutreffen. Nach seinem Willen sollten die Leute einmal kein Geld für Blumen zu seinem Begräbnis ausgeben, sondern er hat sich dafür eine Spende für eine Behinderteneinrichtung erbeten. Zwei Kränze zu seiner Beerdigung, mehr sollten es nicht sein, denn da gibt es doch so viele Menschen, die Hilfe und Unterstützung brauchen. Schenken und Geben  waren ihm eine Lebensaufgabe und Lebensfreude, dass es zu einem Sich Verschenken geworden ist. Geld war für ihn in erster Linie etwas zum Helfen, zum Notlindern, zum Hergeben. Er war mit allen Fasern seiner Person ein großer Wohltäter im besten Sinn des Wortes. Sein Tun war ganz selbstverständlich ein Tun für andere. Er hat gemalt für andere, unzählige Briefe geschrieben in seiner unverwechselbaren Handschrift, er hat gelebt für andere. In seinem Herzen war ein großer Wegweiser, dessen Pfeil immer „zu den anderen“ gezeigt hat. Er wollte die Liebe zu den Menschen bringen und in unermüdlicher Caritas sichtbar machen.

Die Medien haben ihn immer wieder gern als liberalen Bischof bezeichnet, wissend auch, dass er kein Liebkind der römischen Kirchenleitung war, die wiederholt kritische Töne von ihm vernehmen musste. Der kleine Bischof hatte keine Scheu, seine Meinung in Rom zu deponieren. Aber er war kein liberaler Bischof, das mag von den Medien anerkennend gemeint gewesen sein. Liberal hätte man ihn nur bezeichnen können, wenn man der Rechtschreibung Gewalt angetan und „lieberal“ geschrieben hätte. Seine Herzlichkeit und Liebenswürdigkeit zu den Menschen, seine Art, mit den Menschen umzugehen, wurde mit liberaler Geisteshaltung verwechselt. Reinhold Stecher war dort, wo es um das Wesentliche, die Substanz des Glaubens ging, immer ein bewahrender, in diesem besten Sinn konservativer Priester und Bischof, ein Fels in der Brandung seiner Zeit. Aber die Fundamente des Glaubens, seine tragenden Säulen durften für ihn nicht mit menschlichem Beiwerk, mit menschlichen Regelungen verwechselt werden, wenn doch, dann konnte man auch einen ungehaltenen, sogar erzürnten Bischof erleben. In dem, was an der Kirche menschliche Satzungen waren, forderte er Beweglichkeit und Offenheit zu notwendiger Veränderung. Menschliches Beiwerk durfte für ihn nicht unverrückbar sein, menschliches Gesetz nicht für göttliches Gebot gehalten werden. Wenige Wochen vor seinem Heimgang hat er sich bei der Abendmesse in der Sanatoriumskapelle in Hochrum in der Predigt wieder für die „viri probati“ ausgesprochen und kein Hehl aus seinem Bedauern gemacht, dass sich diesbezüglich einfach nichts tue, obwohl theologisch, biblisch nichts dagegen spreche. Solche offenen, ehrlichen Äußerungen, die er auch persönlich in Rom vertrat oder per Post dorthin schickte, waren ja der Grund, dass zwischen ihm und „Rom“ die Atmosphäre durchaus angespannt war. „Rom“ sollte seiner Meinung nach das Ohr näher bei den Menschen haben. Er spürte und kritisierte eine emotionale Entfremdung und Entfernung de Amtskirche von den Menschen. Keine päpstliche Instruktion hätte ihn je dazu bewegen können, bei den Kelchworten der Wandlung „alle“ durch „viele“ zu ersetzen. Er war fest entschlossen, das Fenster der Kirche zur Welt, das Johannes XXIII aufgemacht hatte, damit frischer Luft hereinkäme, „sich von niemandem zuschlagen zu lassen“, wie er sich selber einmal klar ausgedrückt hat.

Bischof Reinhold war ein Mann von großem Geist, mit großem intellektuellem Scharfsinn. Den hat man aus all seinen Predigten, Vorträgen, Ansprachen und Vorlesungen heraushören können. Er war ungemein belesen, hat wohl mehrere tausend Bücher gelesen und mehr als zehn selber geschrieben, abgesehen von zahllosen Beiträgen und Aufsätzen für Zeitschriften und Zeitungen. Er war in der Welt der Bücher zu Hause. Von vielen anderen intellektuellen und gescheiten Menschen hat ihn aber unterschieden, dass er all sein Wissen in eine für alle verständliche Sprache kleiden konnte. Hochgestochenes Reden war ihm zuwider. Er war ein Meister des Wortes, hat nie auf seine Zuhörer vergessen. Alle sollten ihn verstehen können und es haben ihn auch alle verstanden. Dazu hat er sich Zeit seines Lebens gerne einer Sprache in Bildern bedient, mit denen er alle erreichen konnte, die ganz unten und die ganz oben. Er konnte „Hochgeistiges“  in verständliche Bilder fassen, er konnte mit Worten malen, wir er das auch mit dem Pinsel großartig vermochte. Mit Humor und Witz konnte er eine Sache auf den Punkt bringen. Reinhold Stecher war auch ein begnadeter Erzähler. Viele seiner Geschichten und Anekdoten sind unvergessen. Erzählen war für ihn die eigentliche Form des Verkündens. Seine lebendigen biblischen Erzählungen im Religionsunterricht mit seinen eindrucksvollen Tafelzeichnungen haben Schüler/innen, die kleinen wie die großen, fasziniert und nachhaltige Eindrücke hinterlassen. Menschen jeden Lebensalters waren seine aufmerksamen, begeisterten Zuhörer. Die Menschen haben Stecher einfach gern gesehen, gern gehört, gern gelesen. Wo Bischof Stecher angekündigt werden konnte, haben sich Säle gefüllt bis in die letzten Reihen.

In Luft und Wasser, in der Erde und Fels, in Wind und Feuer, in Gipfel und Schluchten sah er das Göttliche abgebildet. Viele seine Bilder, gesprochen, geschrieben oder gemalt, entnahm er der Natur, die er in einzigartiger Weise erleben und deuten konnte in ihren Stimmen, Farben und Formen und für das Göttliche transparent machte. Mit der Natur aufs Innigste verbunden konnte er selber immer ganz natürlich bleiben. Mit beiden Beinen auf dem Boden war er ganz geerdet. Er war eine Persönlichkeit „ganz im Lot“. Die Liebe zur Schöpfung, besonders die Liebe zu den Bergen, die er sein Leben lang aufgesucht, durchwandert und bestiegen hatte, hat Reinhold Stecher in besonderer Weise geprägt. Seine Verbundenheit mit der Schöpfung führte ihn in eine tiefe Verbundenheit mit dem Schöpfer und seine tiefe Verbundenheit mit dem Schöpfer führte ihn in die Natur.

Er hat in den letzten Jahren in ganz natürlicher und humorvoller Offenheit sein Leben, das sich dem Ende zuneigte, mit einem Flugzeug verglichen, das die Landeklappen ausgefahren hat und zur Landung ansetzt. Wenn er sich noch etwas wünschen dürfe, dann wäre das eine „sanfte Landung“. Der liebenswerte, herzensgute, gescheite, fromme, fröhliche Reinhold Stecher ist in den Abendstunden des 29. Jänner 2013 im gesegneten Alter von 91 Jahren, aber letztlich doch überraschend – sanft in Gottes Ewigkeit gelandet.

 

© Josef Gredler