Josef Gredler

Was bringt das neue Jahr?

 

Hellseher, Astrologen, Numerologen, auch Scharlatane und solche, denen tatsächlich ein sechster Sinn blitzlichtartige Konturen des Kommenden gewährt, haben Hochkonjunktur, wenn ein altes Jahr sich dem Ende zuneigt und von einem neuen Jahr abgelöst wird. Auf dem Kalender vollzieht sich diese Ablöse ganz abrupt, auf der Uhr von einer Sekunde auf die andere, aus 2012 wird 2013, kein großer Unterschied. Eigentlich kaum zu bemerken, wenn man nicht genau hinsieht auf die vierte, die letzte Ziffer. Und dennoch ein magischer Moment, der uns angekündigt ist, auf den wir uns schon lange zubewegen, den wir vielleicht schon lange geplant haben, den viele Menschen sehr emotional erleben – ausgelassen, nachdenklich, benebelt, besorgt, optimistisch… Viele gute Wünsche, schäumender Sekt, leuchtende Raketen, knallende Böller, frenetischer Jubel erfüllen diese Zäsur zwischen dem einen Jahr, das uns verlässt, und dem neuen, das kommt.  Wären da nicht unsere Feuerwerkskörper, die wir in den nächtlichen Himmel jagen, dort oben könnte man den Jahreswechsel nicht erkennen. Aber auch hier unten ließe sich nicht bemerken, dass wir in der die letzte Ziffer der Jahreszahl um eins nach oben versetzen, wenn nicht Uhr und Kalender unseren Fokus so fixiert hätten auf diese Nacht, die nach einem Heiligen Silvester genannt wird. Aber diese eine Ziffer, auch wenn es nur die letzte ist, macht Menschen an eine große Zäsur glauben. Mehr als in anderen Nächten wird in dieser bewusst, dass das Leben ein Kommen und Gehen ist, dass Zeit unablässig verrinnt und kommt. Die Zeit zieht an uns vorüber, verschont auch uns selber nicht, lässt uns kommen, geboren und älter werden, gehen und sterben. Menschen blicken zurück auf das, was sie erlebt haben, dankbar, gleichgültig, enttäuscht, zufrieden, verbittert. Sie schauen voraus bzw. möchten voraus, in die Zukunft schauen, neugierig, zuversichtlich, besorgt oder in Angst. Um hinter den Vorhang der Zeit zu schauen, werden Hellseher, Wahrsager und Astrologen bemüht, damit sie uns verraten, was wir nicht als Geheimnis belassen wollen. Wir möchten den Vorhang auf die Seite schieben und sei es nur für ein paar Augenblicke, wollen jetzt schon wissen, was ausstehend, künftig, noch verborgen ist. Dürfen wir Gutes oder Böses, Licht oder Dunkel, Gelingen oder Scheitern erwarten? Dieses Ausmaß von Korruption, wirtschaftlicher Krise, Katastrophen, Gewalt, Not und Krieg, das wir aus dem vergangenen Jahr kennen, wenn auch meist nur aus der Zeitung oder dem Fernsehen, machen es schwer zu glauben, dass es 2013 besser werden könnte. Wenn man allen gesunden Menschenverstand bemüht, um die Zeichen der Zeit zu deuten, dann zeigen diese ja nicht auf Verbesserung. Müssten wir nicht allesamt in eine kollektive Depression stürzen? Darf man noch hoffen angesichts der erdrückenden Fülle von Hoffnungslosigkeit? Darf man noch ein Licht erwarten angesichts globaler Verdunkelung? Wer nur mit menschlichem Kalkül in die Zukunft schaut und Kommendes erwartet, muss sich selber überlisten, um das in Zuversicht und Gelassenheit zu tun? Was berechtigt Menschen zur Hoffnung in ihrem Leben, an dieser Welt statt naiver Zukunftsmalerei? Woher soll ihnen Freude kommen statt bloßer Trunkenheit? - Vom Glauben, dass über allem menschlichen Bemühen, Versagen, Hoffen, Verzweifeln, Licht und Dunkel, Liebe und Gleichgültigkeit, Gutem und Bösem jemand ist, der diese Welt und auch mein kleines Leben in „seinen Händen hält“, mit ihr und mit mir ist in Licht und Dunkelheit, mit keinem Wort besser erklärt werden kann als mit Liebe, mit der er  Zukunft in Vollendung verheißt. Weil er sich so und als der auch in diesem Leben, in dieser Welt immer wieder erfahren lässt, darf ich ohne Naivität seinen Segen für das kommende Jahr erbitten und ohne Zynismus anderen wünschen. „Und doch wird alles gut“, hat ein Mystiker unserer Tage, der auch die Dunkelheiten dieser Welt kennt, einmal gesagt. Mit dieser Quelle der Hoffnung werden auch unsere Augen gereinigt, um auch das Meer an Liebe, an Gutem, an Schönem zu sehen, das uns umgibt und immer schon umgeben hat. Und jeder Tag, der da kommt, ist eine Möglichkeit, dass ich diesem Meer einen Tropfen hinzufügen kann.

 

© Josef Gredler